Exekutionsvideo:
Aufzeichnung aus dem Kellerloch
09. Jan 2007 07:12
 |  Saddam Hinrichtung: Hinrichtung durch den Strang | Foto: AP |
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Nataschas Kampuschs Gefangenschaft und das Video von der Hinrichtung Saddam Husseins bedienen dasselbe pornografische Bedürfnis. Das Auge will ans Schlüsselloch einer ganz privaten Peep Show.
Von Ronald DükerVor einigen Tagen strahlte RTL eine Sendung über Natascha Kampusch aus, die die Geschichte der entführten und achteinhalb Jahre lange im Kellerverlies gefangenen Österreicherin noch einmal von Anfang bis Ende vor Augen führen sollte.
Die Sondersendung trug den Titel «RTL Extra spezial» und konnte auch mit diesem doppelten Ausrufungszeichen nicht kaschieren, dass der Sender sein Versprechen – nämlich «die ganze Wahrheit» über Natascha Kampusch ans Licht zu bringen – unmöglich halten konnte. Auch ein drittes und viertes Ausrufungszeichen hätte diesen Effekt mit Sicherheit verfehlt.
Kein Fenster nach innen
Für die ganze Wahrheit hätte es nämlich eines anderen Filmmaterials bedurft als der Interviews, die mit Natascha und ihren Angehörigen, mit Gerichtsgutachtern und Sozialpädagogen geführt worden waren. Auch die in Aktenzeichen-XY-Ästhetik nachgestellten Stationen mussten dem Zuschauer trotz des unterlegten atmosphärischen Soundtracks höchstens als unbefriedigendes Füllmaterial für das Eigentliche erscheinen, von dem es nun mal keine Bilder gibt.
Die ganze Wahrheit über Natascha Kampusch hätte sich schließlich nur auf einem über die Jahre produzierten Videofilm finden können, gefilmt von Nataschas Peiniger, Wolfgang Prikopil. Von einem solchen Film ist aber nichts bekannt.Prikopil hat sich des Mediums Video nur bedient, um Natascha die Realität des Fernsehens, aufgezeichnet, ausgewählt und zensiert verfügbar zu machen. Als Fenster zur Außenwelt. Die Innenwelt, Prikopils Keller und Nataschas Gruft also, blieb eine Angelegenheit unter vier Augen, ein schmutziges Geheimnis zwischen ihm und ihr.
Selbst die Hunde schnüffeln ins Leere
So endete die Sendung immerhin folgerichtig mit einer Bemerkung von Natascha Kampusch selbst: «Ich habe damit zu kämpfen und zu leben. Und vielleicht wird das nie aufhören.» Der eigentliche Horror ist ohne Zeugen geblieben, auf keinem Medium gespeichert außer der Erinnerungsspur des Opfers selbst.
 |  Natascha Kampusch in "RTL Extra spezial" | Foto: dpa |
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Dass eine Sendung wie diese dennoch Quote macht, ist wohl dem obszönen Bedürfnis eines jeden einzelnen Fernsehzuschauers geschuldet, der Dritte zu sein in diesem kriminellen tête-à-tête. Derjenige, der durchs Schlüsselloch jener Kellertür schaut, die über die Jahre derart gründlich verrammelt geblieben war, dass ein Beamter der Wiener Kripo behauptet, selbst geschulte Polizeihunde hätten unmöglich die Witterung der Eingeschlossenen aufnehmen können.
Eine ganz private Peep-Show
Der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser, die ganze Öffentlichkeit, die den Fall Natascha Kampusch zum einem medialen Renner erster Güte werden ließ, wird von dieser Schaulust gesteuert – und überall, wo Anteilnahme an der menschlichen Tragödie behauptet wird, darf als eigentlicher Impuls Spannertum vermutet werden.Wie fundamental kam diesem Bedürfnis nun das Video von der Hinrichtung Saddam Husseins entgegen. Es befriedigt so unverhohlen die niedersten Instinkte, dass wiederum nur der Grad der Entrüstung darüber den Grad der eigentlichen Befriedigung ermessen lässt.
Dass dieses Erzeugnis nicht im westlichen Fernsehen, sondern im Internet gezeigt wird, ist der Sache zuträglich: Denn nur hier entsteht der Eindruck der Privatvorführung. Jeder User, der den Clip über Youtube oder eine andere Quelle aufruft, darf sich wie der Peep-Show-Besucher mit dem Auge am Schlüsselloch zu einem verbotenen Raum fühlen.
Tut es!
Und es geht dabei vor allem um die mediale Inszenierung selbst. So ist es wohl zu verstehen, wenn sich der amerikanische Präsident darüber entrüstet, dass die Vorgehensweise nicht «würdevoller» gewesen sei. Wenn Bush von Würde spricht, meint er damit Stil und Geschmack – die Hinrichtung selbst stellt kein Problem dar.So sind auch seine Bedenken nicht ethischer, sondern ausschließlich ästhetischer Art: Tut es! – so die Botschaft – aber zeigt es nicht! Als reine Naivität muss es unter diesen Umständen erscheinen, das Video zum Anlass für eine Debatte über den Sinn und die Kultur der Todesstrafe zu nehmen.
Im Netz
Die Empörung über das Hinrichtungsvideo erschließt sich vielmehr aus einer bilderpolitischen Ideologie, die im Irak wie noch nie zuvor auf den Punkt gebracht wurde. Die Abbildung der kriegerischen Gewalt ist nur im manipulierten und zensierten Bild erlaubt, während die Ausweitung der Kampfzone ins Blickfeld des unbeteiligten Betrachters als politisch gefährliche Zumutung erscheint.Als peinlicher Beleg für die Wiederkehr dieses Verdrängten und den obszönen Genuss unvermittelter Gewalt ähnelt das Hinrichtungsvideo Bilderzeugnissen aus Abu Ghraib und anderswo, die nicht von ungefähr auch nur über das dezentral – also politisch weitgehend unkontrolliert – gesteuerte Internet verbreitet werden konnten.
Keiner zahlt, niemand verdient
Die massenhafte Verbreitung unterscheidet dieses Video auch vom berüchtigtsten Filmgenre überhaupt, dem Snuff Movie. Dieser Amateurfilm, der die Vergewaltigung eines Opfers bis zu seinem Tod dokumentierte, galt zumindest im vordigitalen Zeitalter als speziellste, kriminellste und daher auch teuerste pornografische Ware. Eine einzige Kopie und ein einziger Käufer, der zugleich der einzige Betrachter sein mochte – absolute Verknappung und extreme Heimlichkeit garantierten den Markt- wie perversen Stimulationswert.Das Netz setzt diesem Mechanismus ein Ende. Niemand muss dafür zahlen, dass er das jüngste Exekutionsvideo auf dem heimischen Rechner abspielt – genauso wenig scheint irgend wer an seiner Produktion Geld verdient zu haben. Die Illusion einer heimlichen Teilnahme an einem eigentlich verbotenen Vorgang aber bleibt dem Betrachter erhalten. Und zwar umso mehr, seitdem bekannt ist, dass das Videohandy von einem irakischen Regierungsbeamten, also einem Täter, geführt wurde.
Peeping Tom
Das macht diesen Film dem Snuff Movie wiederum auf frappierende Weise ähnlich. Der Betrachter rückt selbst in die Position des Killers ein. Er blickt nicht bloß von Außen durchs Schlüsselloch, sondern wird selbst zum «Peeping Tom» – also jenem mordenden Kameramann, der seine Opfer in dem gleichnamigen Film mit einem aufs Stativ montierten Bajonett tötet.Die Hinrichtung Saddams – also die Entscheidung, die Zukunft eines Landes mit der Auslöschung seines ehemaligen Tyrannen zu verknüpfen – war ein politischer Akt. Ihre filmische Dokumentation ist es, zumindest, wo sie sich an westliche Internetkonsumenten adressiert, nicht. Also stimmt auch kaum, was bereits zu lesen war: dass sich nämlich die noch jungen Videoportale nun erstmals als poltische Medien erwiesen hätten.
Hier ging es einzig und allein um das obszöne Begehren, einen Blick in die bedeutungslose Black Box des Sterbens zu werfen. Und um die Lust an diesem leeren Akt. Es ging also um das dritte und vierte Ausrufungszeichen, das im Fall von Natascha Kampusch unmöglich nachzuliefern ist: Youtube extra spezial!!