Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Andreas Baader: 

Der letzte deutsche Muttersohn

04. Jan 2007 07:45
Andreas Baader
Bild vergrößern
Nach ungezählten Büchern über die Rote-Armee-Fraktion liegt nun die erste Biographie Andreas Baaders vor. Der Terrorist erscheint darin als gescheiterter Künstler, Muttersohn und eitler Platzhirsch.

Von Ingo Niermann

Noch immer glaubt unsere Gesellschaft, Terror sei ein Ausdruck der Unterdrückung, ein Hilfeschrei der Proleten. Man nehme nur zwei Schreckgestalten des 20. Jahrhunderts: Adolf Hitler und Andreas Baader. Beide waren Schulabbrecher, Hitler außerdem der Sohn eines unehelichen Vaters mit dessen Nichte zweiten Grades, Baader knackte schon als Minderjähriger seine ersten Autos.

Was man gerne übersieht: Hitler war der Sohn eines Zollbeamten, Baader der Sohn eines Kunsthistorikers – beide Väter führten also gestandene bürgerlicher Existenzen. Prekär wurde die familiäre Lage erst durch ihren frühen Tod. Als Vater Hitler starb, war Adolf gerade dreizehn Jahre alt. Der Vater des 1943 geborenen Andreas war auf der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft verschollen.

Frau Nummer 22

Ob Napoleon, Hitler oder Stalin – für den Psychologen Volker Elis Pilgrim sind alle großen Gewalttäter «Muttersöhne». Diese bereits 1986 publizierte Idee fand über die Populärwissenschaft hinaus bisher wenig Anklang. Dabei lässt sich die Liste auch nach dem Ende des Kalten Krieges wunderbar fortsetzen:

Der Vater Saddam Husseins verschwindet schon Monate vor der Geburt des Sohnes und der Vater Osama Bin Ladens lässt sich kurz nach der Geburt scheiden. Osamas Mutter ist seine zehnte Frau, und als der Sohn zehn Jahre alt ist, da ist der Vater schon bei Frau Nummer 22 angelangt und stirbt.

Zwei Arten Muttersöhne

Doch auch Bill Clinton und Gerhard Schröder sind erstklassige Muttersöhne. Man kann ihnen vieles nachsagen, aber sicher nicht, dass sie als Politiker besonders gewaltbereit waren. Deshalb ist die Unterscheidung zweier Arten politischer Muttersöhne nötig. Die einen, zum Beispiel Stalin, Hussein, Clinton und Schröder, stammen aus einfachen proletarischen oder bäurischen Verhältnissen.

Die durch den fehlenden Vater erfahrenen Entbehrungen machen sie besonders durchsetzungsstark. Auch wenn sie zu kaltblütiger Gewalt neigen, ist ihr letztes Ziel der Ausbau und Erhalt der Macht. Bei den bürgerlichen Müttersöhnen wie Hitler, Baader oder Bin Laden ist das anders.

Langsamer Sturz

Eine bürgerliche Familie kann, da sie über Ruf und Vermögen verfügt, relativ gesehen weitaus tiefer fallen als eine Arbeiterfamilie. Auch kann der Absturz sich über viele Jahre hinziehen, in denen man noch vom Erbe zehrt und die Witwe ihrem Sohn vorgaukelt, durch den Verlust des Vaters habe sich eigentlich nichts geändert.

Das führt den Sohn geradewegs in die Hybris, denn einerseits ist er mit dem Ausgleich der sich häufenden Verluste längst überfordert, andererseits wird ihm immer weiter Aufschub gewährt. Mit ordentlicher Arbeit ist bald nichts mehr zu machen; es locken Betrug und Gewalt. Die bürgerlichen Muttersöhne hinterlassen eine Spur der Verwüstung, derer Konsequenzen sie sich im letzten Moment durch Selbstmord entziehen.

Kollektiv mit Führer

Einen frühzeitigen Ausweg könnte es noch geben: die Kunst. Nietzsche ist das mit seiner verstiegenen Philosophie gelungen, Hitlers vergebliche Bemühungen, in die Wiener Kunstakademie aufgenommen zu werden, sind gemeinhin bekannt. Bei Osama Bin Laden wird über seine Kopfballkünste gemunkelt. Nur über die künstlerische Ader von Andreas Baader ließ sich bisher nichts Rechtes sagen.

Zwar gibt es Unmengen von Büchern und Filmen über die von Baader erfundene und angeführte Rote-Armee-Fraktion, doch erst jetzt, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, erscheint eine erste Biographie. Daran wird klar, wie lange die Deutungsmacht der RAF über sich selbst fortwirken konnte.

Nicht nur erfand sie das Wort «Isolationshaft» für Gefangene, die weiter munter miteinander kommunizierten. Auch verkaufte sie sich der Öffentlichkeit als ein führerloses Kollektiv, während sie in Wirklichkeit sehr diktatorisch von einem einzelnen, nämlich Andreas Baader, beherrscht wurde. Gudrun Ensslin wusste seine impulsiven Entscheidungen dann ideologisch zu verpacken.

Liebevoll und fleißig

Es ist der zweite, von dem Theologen Jörg Herrmann geschriebene Teil der Biographie, der an den Jahren nach Baaders Festnahme 1972 seine unumstößliche Leitfunktion für die RAF, auch aus dem Gefängnis heraus, darlegt. Der erste, von dem Dokumentarfilmer Klaus Stern verfasste und weitaus spektakulärere Teil widmet sich Baaders Verhältnis zu den Künsten.

Baader, der bei Mutter, Großmutter und Tante aufwächst, wiederholt schon auf der Grundschule eine Klasse. Auf seinen Klassenlehrer macht er «den Eindruck eines hoffnungslos verwöhnten Kindes», doch die Mutter will auch, nachdem er in der Fünften sitzenbleibt, dass ihr «liebevoller, fleißiger» Sohn Abitur macht, und schickt ihn auf ein Internat, später auf ein Privatgymnasium.

Mit Puder und Kajal

Nachdem Baader die Schule abbricht, versucht er es an verschiedenen Kunstschulen. Doch ihm ist auch die Kunst noch zu anstrengend. Dann will er Schriftsteller werden und Ello Michel hört ihn in seinem Zimmer auf der Schreibmaschine tippen, ohne je eine einzige Seite zu sehen zu bekommen. Baader sucht seine künstlerischen Erfolge lieber im menschlichen Umgang.

Für seine Selbstdarstellung geht Baader beim Onkel Michael Kroecher in die Lehre, einem alternden schwulen Tänzer und dem einzigen Mann im weiteren Familienkreis. Baader trägt Kajal, pudert sich und färbt sich die Haare. Auch wenn ihm damit nicht nur zahlreiche Frauen, sondern auch Männer verfallen, gibt es sowenig wie bei Hitler konkrete Hinweise auf eine Bisexualität. Baader lässt nur hier und da etwas mitgehen und gefällt sich darin zu gefallen.

Ohne Kamera

Baader hat ein Charisma, das stark polarisiert. Der eine erkennt eine «Raubkatzen-Eleganz», für den anderen ist er ein aufgeblasener «Kotzbrocken». Nur wenige äußern sich so lapidar wie der Filmregisseur Klaus Lemke, der meint, Baader habe keinen Zugang zur Münchner Filmszene gefunden, weil er geschwäbelt habe.

Also macht Baader sein eigenes Leben filmreif. Die Brandstiftungen in mehreren Frankfurter Kaufhäusern will er 1968 selbst aufnehmen, kann aber keine Kamera organisieren. Als Klaus Lemke einen Spielfilm über die Aktion dreht, stellt Baader ihm nach und fordert seinen Anteil an der Drehbuchförderung, schließlich sei das seine Geschichte.

Quängelbriefe an Ello

Immerhin, zwei Buchverträge bringen Baader die Brandsätze ein. Das eine Buch, für den März-Verlag, soll «BAU» heißen und vom Gefängnisalltag handeln. Jeder der vier Attentäter erhält 1000 Mark Vorschuss, und Baader fälscht kurzum die Unterschrift des Mittäters Horst Söhnlein, um seinen eigenen Anteil zu verdoppeln. Das Buch wird nie geschrieben. Der zweite Buchvertrag über «randständige Jugendliche» wird 1970 vom Wagenbach Verlag nur fingiert, damit Baader Ausgang für seine Recherchen bekommt und befreit werden kann.

Alles, was Baader tatsächlich schreibt, sind Briefe aus dem Gefängnis. Er schreibt mit rosa Filzstift und ist längst mit Gudrun Ensslin zusammen, als er der ehemaligen Lebensgefährtin Ello Michel in weinerlich-quängelndem Ton vorhält, mit anderen Männern zu schlafen.

Kein Grund zum Jammern

Aus den Briefen spricht die Sehnsucht nach einem Leben, in dem niemand ihn zur Verantwortung zieht. Als Baader nach seiner Befreiung in den Untergrund geht, ist das ein perfekter Vorwand, um Banken zu überfallen, schnelle Autos zu knacken und in ständig neuen Kostümierungen durch die Republik zu rasen. Als die gefangenen RAF-Terroristen 1974 in den Hungerstreik gehen, lässt Baader sich weiterhin Brathähnchen zukommen, während der Mitstreikende Holger Meins stirbt.

Dank friedlicher Zeiten und einer guten medizinischen Versorgung ist heute in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater früh stirbt, stark gesunken. Zwar gibt es so viele Scheidungen wie nie, aber das Schicksal der sitzengelassenen Mutter hat sehr an Brisanz verloren, und die meisten Mütter verdienen selbst. Bei allem Gejammer über die Erosion der Familie kann damit doch auch die Ära der monströsen Muttersöhne ein Ende finden.

Klaus Stern, Jörg Herrmann: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes, dtv Premium 2006, 360 Seiten, 15 Euro

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.