Andreas Baader:
Der letzte deutsche Muttersohn
Noch immer glaubt unsere Gesellschaft, Terror sei ein Ausdruck der Unterdrückung, ein Hilfeschrei der Proleten. Man nehme nur zwei Schreckgestalten des 20. Jahrhunderts: Adolf Hitler und Andreas Baader. Beide waren Schulabbrecher, Hitler außerdem der Sohn eines unehelichen Vaters mit dessen Nichte zweiten Grades, Baader knackte schon als Minderjähriger seine ersten Autos.
Was man gerne übersieht: Hitler war der Sohn eines Zollbeamten, Baader der Sohn eines Kunsthistorikers beide Väter führten also gestandene bürgerlicher Existenzen. Prekär wurde die familiäre Lage erst durch ihren frühen Tod. Als Vater Hitler starb, war Adolf gerade dreizehn Jahre alt. Der Vater des 1943 geborenen Andreas war auf der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft verschollen.
Der Vater Saddam Husseins verschwindet schon Monate vor der Geburt des Sohnes und der Vater Osama Bin Ladens lässt sich kurz nach der Geburt scheiden. Osamas Mutter ist seine zehnte Frau, und als der Sohn zehn Jahre alt ist, da ist der Vater schon bei Frau Nummer 22 angelangt und stirbt.
Die durch den fehlenden Vater erfahrenen Entbehrungen machen sie besonders durchsetzungsstark. Auch wenn sie zu kaltblütiger Gewalt neigen, ist ihr letztes Ziel der Ausbau und Erhalt der Macht. Bei den bürgerlichen Müttersöhnen wie Hitler, Baader oder Bin Laden ist das anders.
Das führt den Sohn geradewegs in die Hybris, denn einerseits ist er mit dem Ausgleich der sich häufenden Verluste längst überfordert, andererseits wird ihm immer weiter Aufschub gewährt. Mit ordentlicher Arbeit ist bald nichts mehr zu machen; es locken Betrug und Gewalt. Die bürgerlichen Muttersöhne hinterlassen eine Spur der Verwüstung, derer Konsequenzen sie sich im letzten Moment durch Selbstmord entziehen.
Zwar gibt es Unmengen von Büchern und Filmen über die von Baader erfundene und angeführte Rote-Armee-Fraktion, doch erst jetzt, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, erscheint eine erste Biographie. Daran wird klar, wie lange die Deutungsmacht der RAF über sich selbst fortwirken konnte.
Nicht nur erfand sie das Wort «Isolationshaft» für Gefangene, die weiter munter miteinander kommunizierten. Auch verkaufte sie sich der Öffentlichkeit als ein führerloses Kollektiv, während sie in Wirklichkeit sehr diktatorisch von einem einzelnen, nämlich Andreas Baader, beherrscht wurde. Gudrun Ensslin wusste seine impulsiven Entscheidungen dann ideologisch zu verpacken.
Baader, der bei Mutter, Großmutter und Tante aufwächst, wiederholt schon auf der Grundschule eine Klasse. Auf seinen Klassenlehrer macht er «den Eindruck eines hoffnungslos verwöhnten Kindes», doch die Mutter will auch, nachdem er in der Fünften sitzenbleibt, dass ihr «liebevoller, fleißiger» Sohn Abitur macht, und schickt ihn auf ein Internat, später auf ein Privatgymnasium.
Für seine Selbstdarstellung geht Baader beim Onkel Michael Kroecher in die Lehre, einem alternden schwulen Tänzer und dem einzigen Mann im weiteren Familienkreis. Baader trägt Kajal, pudert sich und färbt sich die Haare. Auch wenn ihm damit nicht nur zahlreiche Frauen, sondern auch Männer verfallen, gibt es sowenig wie bei Hitler konkrete Hinweise auf eine Bisexualität. Baader lässt nur hier und da etwas mitgehen und gefällt sich darin zu gefallen.
Also macht Baader sein eigenes Leben filmreif. Die Brandstiftungen in mehreren Frankfurter Kaufhäusern will er 1968 selbst aufnehmen, kann aber keine Kamera organisieren. Als Klaus Lemke einen Spielfilm über die Aktion dreht, stellt Baader ihm nach und fordert seinen Anteil an der Drehbuchförderung, schließlich sei das seine Geschichte.
Alles, was Baader tatsächlich schreibt, sind Briefe aus dem Gefängnis. Er schreibt mit rosa Filzstift und ist längst mit Gudrun Ensslin zusammen, als er der ehemaligen Lebensgefährtin Ello Michel in weinerlich-quängelndem Ton vorhält, mit anderen Männern zu schlafen.
Dank friedlicher Zeiten und einer guten medizinischen Versorgung ist heute in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater früh stirbt, stark gesunken. Zwar gibt es so viele Scheidungen wie nie, aber das Schicksal der sitzengelassenen Mutter hat sehr an Brisanz verloren, und die meisten Mütter verdienen selbst. Bei allem Gejammer über die Erosion der Familie kann damit doch auch die Ära der monströsen Muttersöhne ein Ende finden.
Klaus Stern, Jörg Herrmann: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes, dtv Premium 2006, 360 Seiten, 15 Euro

