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Musik: 

Platten unterm Baum

21. Dez 2006 10:50
Girl Monsters
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Schon wieder Weihnachten, was nun? Auch in diesem Jahr ist wunderbare Musik erschienen, die nur darauf wartet, entdeckt und verschenkt zu werden. Hier unsere Vorschläge auf den letzten Drücker.


Joanna Newsom

Wie schafft es ein 24-jähriges Hippiemädchen mit langen roten Haaren und flattrigen Klamotten auf die Titelseite der «Spex»? Was hat eine singende Harfenistin, die im Background keine elektronischen Instrumente, auch kein Schlagzeug, dafür aber ein klassisches Symphonieorchester duldet, im dritten Jahrtausend verloren? Noch dazu, wenn sich ihre wortreichen Texte ohne intime Kenntnisse der keltisch-französischen Mythologie kaum erschließen?

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Nichts – könnte man sagen, außer dass dies alles einem allgegenwärtigen Bedürfnis nach Entrückung, Pathos und Dekadenz Rechnung trägt. Zu ihren künstlerischen Verwandten kann Joanna Newsom Künstler wie CocoRosie, Animal Collective, Devendra Banhart oder Sufjan Stevens zählen – all diese sind auch bereits in eine Schublade namens «Neo-Psych-Folk» gesteckt worden. Das erhellt natürlich wenig. Joanna Newsom, deren Stimme auch mit Björk verglichen wurde, ist nämlich unvergleichbar.

Die fünf Songs, die auf ihrem neuem, dem zweiten, Album «Ys» versammelt sind, erschließen sich erst nach mehrmaligem Hören. Es handelt sich um restlos durchkomponierte Musik, in der eine zerbrechliche Stimme mit feingliedrigem Harfespiel und einem vielstimmigen Orchestersatz verwoben ist, den übrigens kein Geringerer komponiert hat als der ehemalige Beach-Boys-Weggefährte Van Dyke Parks. Auch Jim O'Rourke hatte bei der Produktion seine Finger im Spiel. Man darf sich fragen, wie es der jungen Dame jemals gelingen soll, diese grandiose Platte zu übertreffen.

Joanna Newsom: Ys (Drag City)



Claudine Longet

Beinahe völlig vergessen ist heute die Französin Claudine Longet, und wenn man sich doch an sie erinnert, dann aufgrund zweier kurzer Auftritte: ihre Rolle in Blake Edwards' Jahrhundertkömodie «Der Partyschreck», wo sie an der Seite von Peter Sellers durch ein ganzes Inferno von Slapsticks steuert, und – als tragisches Pendant dazu – ihren Aussetzer im Jahr März 1976, als sie ihren Liebhaber im wahren Leben, den Skistar Vladimir «Spider» Sabich, mit einem Gewehr erschoss.

Claudine Longet
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Longet wurde so zu einem Ereignis für die Klatschpresse, was das eigentliche Talent der damals 34-Jährigen gründlich vergessen machte.
Die hübsche Brünette hatte als Sängerin nämlich von 1966 an vier Alben und eine Reihe von Singles eingespielt, von denen es immerhin vier in die amerikanischen Charts geschafft hatten.

Heute erscheint die Musik Claudine Longets, die mit ihrem unschuldigen französischen Akzent vornehmlich Coverversionen ins Mikrophon hauchte und dabei auch vor weltberühmten Stücken der Beatles, Beach Boys oder Stones nicht halt machte, aktueller denn je. Es ist eine federleichte Easy-Listening Musik, die mühelos alles in den Schatten stellt, womit Nouvelle Vague derzeit so erfolgreich sind.

Claudine Longets Originalalben kommen momentan als - wie könnte es auch anders sein - japanische Importversionen wieder auf den Markt. Einen sehr guten Überblick bietet aber auch die Greatest-Hits-Compilation «Cuddle Up With...», die schon seit 2003 zu haben ist.

Claudine Longet: Cuddle Up With... (Vampi Soul)



«Girl Monster»

Geoff Travis, der Gründer des mythischen Independent-Labels Rough Trade, glaubt, dass Frauen andere Musik machen als Männer. Woran das liegt, lässt sich nur vermuten: Vielleicht an einem exakteren Radar für die kapitalistische Ressource Emotion, an einem besseren Ohr für die Verhältnisse, die man zum Tanzen bringen will? Die bekannte Frauencombo/Plattenfirma Chicks on Speed jedenfalls hat vor kurzem eine drei CDs umfassende Kompilation herausgebracht, die aus der ansonsten veröffentlichten mediokren und einfallslosen Massenware derart meilenweit herausragt, dass es eine wahre Freude ist.

Cover von
Auf «Girl Monster» sind unter anderem Stücke von den Slits, Raincoats, Liliput, Cosey Fanni Tutti, Björk, Electric Indigo, Gustav, People Like Us, Hanin Elias, Le Tigre, Rhythm King And Her Friends zu hören, alles in allem gut dreieinhalb Stunden Musik von Punks, Rrriot Girls und zeitgenössischen Electromonstern.

Trotz dieser Fülle wird «Girl Monster» aber nie langweilig: Da ist durchgehend Präzision am Werk, die mit minimalen Mitteln maximale Effekte erzielt. Da werden Ideen auf den Punkt gebracht und ungeheure Energien freigesetzt.

Wer bei dieser Sammlung außerordentlich guter Musik nicht nach kürzester Zeit das dringende Bedürfnis verspürt, vor dem CD-Player auf und ab zu springen, dem ist nicht mehr zu helfen, der hat ein ernsthaftes Problem. Und wer es bis jetzt noch nicht verstanden haben sollte: Dies ist weniger eine Empfehlung als eine dringende Aufforderung zum Kauf von «Girl Monster».

«Girl Monster» (Chicks on Speed)



Post Industrial Boys

Georgien sei ein post-kommunistisches Phantom, «a pipeline in Off-Europe», hieß es zum ersten Album der Post Industrial Boys aus Tblissi. Nun ist Album Nummer zwei erschienen. «Trauma» klingt nach leeren Nachmittagen in der Provinz. Melancholie will durch Konsumartikel, Affären und warme Gedanken so gut es geht zu einem Leben ausgepolstert werden. Vielleicht steigt man irgendwann in einen Zug.

Die Post Industrial Boys sind George Dzodzuashvili und seine Freunde, die als lockeres Kollektiv von Künstlern auch unter dem Namen Goslab firmieren. Die zwanzig Songs von «Trauma», die oft mehr dahingehaucht als gesungen sind, schweben über nicht unkomplizierten, aber doch entspannt vor sich hin swingenden Rhythmen.

Die sparsame Instrumentierung macht die Sehnsucht greifbar, die sich auch in einem lakonischen Stück wie «Take a Walk on The Wild Side», dem einzigen Cover des Albums, finden lässt, wenn man nur weit genug von eben dieser wild side entfernt ist. Und das gilt ja heute genauso für die flächendeckende Suburbia, die Westeuropa überzieht, wie für die abgehängten Zonen im Osten.

Manche Stücke der Post Industrial Boys klingen wie Komeit, manche wie von den Pet Shop Boys. «Trauma» ist ruhig, schön, immer ein bisschen verstörend und angenehm zeitgenössisch.

Post Industrial Boys: Trauma. (max.Ernst / Indigo)



Frank-Peter Zimmermann und Heinrich Schiff

Zu guter Letzt noch ein Ausflug in die so genannte klassische Musik. Wobei sich das Label ECM eher als Adresse für Zeitgenössisches etabliert hat - sei es Neue Musik oder Jazz - als für das konventionelle Programm der großen Konzerthäuser. Aus eben diesen sind aber der Geiger Frank-Peter Zimmermann und der Cellist Heinrich Schiff bekannt, die nun ein Album mit Duos für diese beiden Streichinstrumente eingespielt haben.

Frank-Peter Zimmermann, Heinrich Schiff
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Drei große Repertoirestücke der klassischen Moderne, die Duos von Arthur Honegger, Maurice Ravel und Bohuslav Martinů, geben dieser Aufnahme ihr Gewicht, werden aber durch zwei Kanons aus Bachs Kunst der Fuge und ein zeitgenössisches Werk des Neutöner-Shooting-Stars Matthias Pintscher miteinander verbunden und konterkariert.

Schiff und Zimmermann produzieren dabei einen nahezu orchestralen Sound, der in seiner Wucht und Vielstimmigkeit vergessen macht, dass hier tatsächlich nur zwei Instrumentalisten am Werk sind. Und so lernt der Zuhörer, dass das Duo keineswegs eine Notbesetzung ist, dem es zur Idealformation des Streichquartetts schlicht an Mitspielern gebricht.

Frank-Peter Zimmermann ist nun beileibe mehr kein Newcomer und auch Heinrich Schiff nicht mehr der Jüngste. Doch beweisen die beiden hier, dass sie zu den größten und frischesten ihres Fachs gehören. Mehr Power geht nämlich nicht.

Frank-Peter Zimmermann, Violin; Heinrich Schiff, Violoncello (ECM)


Es hörten für Sie Ronald Düker und Ulrich Gutmair.
 

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