Tom Holert: 

netzeitung.deIllegal im Plastikland

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Tom Holert (Foto: Privat<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Tom Holert
Foto: Privat
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Auf Gran Canaria treffen sich zuweilen illegale Migranten und Touristen am selben Swimming Pool. Über die Wegkreuzungen einer mobilen Weltbevölkerung sprach die Netzeitung mit dem Theoretiker Tom Holert.

Netzeitung: Für Ihr neues, gemeinsam mit Mark Terkessidis verfasstes, Buch sind Sie gereist. Nach Marokko, Spanien, Italien, Albanien und ins ehemalige Jugoslawien. Warum gerade in diese Orte? Was haben Sie dort gesucht?

Tom Holert: Einer unserer Ausgangspunkte war die Frage: Wo und wie treffen (oder verfehlen) sich Menschen in Bewegung, wo kreuzen sich die Routen von Leuten, die aus unterschiedlichen Gründen mobil sind. Manchmal finden diese Begegnungen auch statt, ohne dass sich die Beteiligten direkt treffen, gewissermaßen verteilt auf eine Vorder- und eine Hinterbühne, auf einem sichtbaren und einem unsichtbaren Feld.

Uns interessierten dabei besonders geografische Lagen, die ein Gegenüber von Landschaften des Aufbruchs und er Ankunft darstellen, zum Beispiel Albanien und das italienische Apulien oder die spanische Costa del Sol auf der europäischen und die Mittelmeerküste auf der gegenüberliegenden marokkanischen Seite. An dieser Synapse der Mobilität, besonders markant ausgeprägt natürlich an der Meerenge von Gibraltar, kann man sowohl Tourismus beobachten als auch den Verkehr der Migranten Richtung Spanien.

Dazu kommt, besonders in der Sommersaison, ein alljährlicher Rückstrom der in Europa lebenden Migranten Richtung Afrika, insbesondere in die Metropolen Marokkos. Touristische Bewegungen ereignen sich also parallel zu Formen der migratorischen Bewegung. Arbeitsmigranten gehen aus Marokko nach Europa, um zu arbeiten und unterstützen von dort aus ihre daheimgebliebenen Familien, die sie wiederum in den Ferien besuchen.

Überdies bildet sich in Nordafrika zunehmend, besonders an der Mittelmeerküste, eine touristische Infrastruktur heraus. Parallel zu den Pendants in Spanien entstehen an der marokkanischen Küste Ferien- und Freizeitanlagen, ja ganze touristische Städte wie das derzeit im Bau befindliche, von einem spanischen Baukonzern initiierte Großprojekt Saїdia. Die aktuelle marokkanische Regierung unter König Mohammed VI fördert diese Entwicklung an der Mittelmeerküste gezielt, um Investoren und Touristen anzulocken.

Und die Rechnung scheint aufzugehen: Zunehmend reisen europäische Touristen und auch solche aus Russland oder den Golfstaaten in den marokkanischen Norden, um dort Urlaub zu machen. Ein breiter werdender Urlauberstrom, der vor Jahren noch etwa nach Spanien gelenkt worden wäre. Aber auch für die im Ausland lebenden Marokkaner sind die neuen touristischen Destinationen interessant. So hat sich am Mittelmeer eine europäisch-afrikanische Gegenüberstellung herausgebildet, die bestimmte Formen von Mobilität geradezu provoziert.

Netzeitung: Wie sieht also das Verhältnis zwischen Tourist und Migrant aus? Eine Doppelfigur – eine Parallelerscheinung?

Holert: Wir haben eine Reihe von solchen Verdoppelungen beobachtet, angefangen mit dem Touristenvisum, das für viele Migranten grenzüberschreitende Bewegung möglich macht, bis zu der touristischen Mobilität der Traveller, die nicht selten den Kontakt zur Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen zu simulieren scheint. Andererseits sind wir vorsichtig mit allzu stringenten Analogiebildungen.

Die Versuchung, den Flüchtling als Alter Ego des Touristen zu begreifen, liegt zwar nahe. Aber man muss auch die grundlegenden Unterschiede in den Bedürfnislagen und Lebensweisen dieser beiden Gruppen sehen. Ebenso ist zu beachten, wie stark sowohl die Gruppe der Migranten wie die der Touristen in sich ausdifferenziert sind.

Ein Arbeitsmigrant mit Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis lebt unter fundamental anderen Bedingungen als ein Papierloser ohne Aufenthaltstitel oder ein Flüchtling. Und auch unter den Touristen gibt es weit reichende Unterschiede, die ökonomisch begründet sein können, aber auch kulturell. Treiben wir es also mit den Analogiebildungen nicht zu weit.

Netzeitung: Dennoch sind Sie bei Ihrer Forschung grundsätzlich davon ausgegangen, dass Migranten und Touristen aufeinander bezogen werden können, dass sie sich in bestimmter Weise bedingen.

Holert: Das stimmt. Eine unserer Ausgangsbeobachtungen betraf den Wandel in der Nutzung architektonischer Infrastrukturen. Ein Beispiel, das uns schon aus früheren Forschungen bekannt war: Die Umnutzung der Hotels an der kroatischen Adriaküste während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien.

Als der Tourismus dort in den neunziger Jahren zum Erliegen gekommen war, wurden diese Hotels zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert. Die Hoteliers bekamen dann vom kroatischen Staat Pauschalen pro Flüchtling gezahlt, den sie dort unterbrachten. Zugleich wurden diese Hotelanlagen von Militärs genutzt, zur Unterbringung von Truppen oder als Hauptquartiere. Diese Orte zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich umwidmen lassen, je nachdem, wie es die Ansprüche der unterschiedlichen Mobilitäten gerade erfordern.

Ein anderes Beispiel: Die Nutzung veralteter Hotelarchitekturen auf den Kanaren, wir haben das etwa in der Urlaubsstadt Maspalomas im Süden von Gran Canaria beobachtet. Viele Apartmentkomplexe und Ferienanlagen aus den sechziger und siebziger Jahren entsprechen heute nicht mehr den touristischen Standards und Bedürfnissen und werden deshalb von Migranten genutzt, die in der Bau- und Serviceindustrie arbeiten, aber eigentlich gar nicht in diesen Quartieren leben dürfen, da in touristischen Zonen nur temporäre und keine dauerhaften Aufenthalte gestattet sind.

Es kann passieren, dass sich in diesen veralteten Hotels Migranten auf Touristen treffen, die billige Angebote wahrgenommen haben und in solchen Anlagen einquartiert worden sind. So ergibt sich mitunter eine unmittelbare Koexistenz von Migranten und Touristen – und alle benutzen denselben Swimming Pool.

Netzeitung: Sie sprechen aber auch von neu entstehenden Architekturen: Container, Lager und Siedlungen seien die Manifestationen einer «erstarrten Bewegung». Damit verbinde sich eine «Politik des Provisoriums». Was ist darunter zu verstehen?

Holert: Seit den Schengener Verträgen ist in der europäischen Einwanderungspolitik immer mehr eine Strategie der temporären Verwahrung und letztlich der Einsperrung mobiler Bevölkerungsgruppen zu beobachten. Die Zeitweiligkeit dieser Aufenthalte ist von den Behörden beliebig dekretierbar: Sie kann Wochen, Monate oder auch Jahre umfassen.

Die Architekturen der provisorischen Verwahrung, häufig aus Containern zusammengestapelt, sind der materielle Ausdruck eines Raums weitgehender Rechtlosigkeit, der die Mobilität seiner Bewohner extrem einschränkt. Zudem werden die Menschen dort in einer ständigen Ungewissheit über ihre Zukunft und den Verlauf der eigenen Biografie gelassen.

Auch wenn man keine einheitliche Politik der jeweiligen europäischen Länder und ihrer innenpolitisch-polizeilichen Behörden ausmachen kann, wird doch immer wieder derselbe Zustand von Rechtlosigkeit und Entbiographisierung herbeigeführt. Der Container wird somit zum Symbol für eine polizeiliche Logistik der Kontrolle von Mobilität.

Netzeitung: Das würde dafür sprechen, dass die Rede von der «Festung Europa» zumindest zu Teilen der Propaganda zuzurechnen ist. Illegale, rechtlose und daher überaus billige Arbeitskräfte stellen eine wirtschaftliche Ressource dar. Besteht nicht eine «Politik des Provisoriums» also auch darin, den legalen Rahmen zu unterlaufen?

Holert: Das sehen wir ganz ähnlich. Schauen Sie nur auf die in Deutschland so genannten Ausreisezentren: Lager, die immer mehr dem öffentlichen Blick entzogen und in unzugänglichen Zonen, etwa in Waldgegenden angesiedelt werden. Diese Architekturen sind nicht nur für die, die sich dort aufhalten, von Belang, sondern haben auch eine abschreckende Wirkung auf andere illegalisierte Migranten, die von diesen Orten wissen.

Es sind Architekturen der Verunsicherung und der Unsichtbarmachung, wobei wir es hier mit einer relativ willkürlichen und informellen Form der Internierung zu tun haben, die mit ebenso willkürlichen Formen der Öffnung dieser Internierung einhergeht. So sind Leute, die der Residenzpflicht unterliegen, also ihren Landkreis nicht verlassen dürfen, zum Beispiel in diesem Landkreis sehr wohl illegal beschäftigt. Natürlich unter Bedingungen, die jeder Idee von Arbeitsrecht spotten.

In Spanien ist so etwas oft auch in unmittelbarer Nähe zu touristischen Infrastrukturen zu beobachten. Auf den riesigen Feldern des andalusischen «Plastiklands» (so genannt wegen der Plastikplanen, die einen Treibhauseffekt erzeugen sollen) arbeiten illegale Einwanderer aus Afrika, aber auch aus Rumänien oder Moldawien, in der industrialisierten Landwirtschaft. Sie wohnen dort in provisorischen Siedlungen, die staatlicherseits nicht überwacht, sehr wohl aber geduldet werden. So funktionieren Grenzregime, die permanent öffnen und verschließen – vor allem nach Maßgabe des wirtschaftlichen Nutzens.

Netzeitung: Auf ungezwungenerer Ebene – nämlich in der westlichen Popkultur – hat das Provisorium, der Container, ja auch eine unübersehbare Konjunktur. Ich denke an die Zwischennutzung leer stehender Gebäude für kulturelle Zwecke, Clubs, die in eigens dafür arrangierten Trailer-Parks angesiedelt sind, oder die wandernden Guerilla-Stores des Modelabels «Comme des Garcons». Worin besteht der Chic eines derartigen Nomadismus?

Holert: Einerseits besteht wohl ein großer Reiz darin, sich einer Festlegung und Lokalisierung zu entziehen. Andererseits schlägt sich in diesen Provisorien auch das Provisorisch-Werden von Existenzen und Biografien nieder. Zwischennutzungsarchitekturen sind eine Form der Ästhetisierung der eigenen provisorischen Lebensweisen. Die neoliberale Subjektivität ist ja davon bestimmt, von Projekt zu Projekt zu denken, wobei die Finanzierung und Planung dieser Projekte immer kurzfristiger angelegt ist.

Neben der Flexibilität wird immer auch eine erhöhte Bereitschaft zur Mobilität eingefordert. Und diese gesellschaftlichen Anrufungen finden in den Einrichtungen, die Sie angesprochen haben, in Guerilla-Stores und Freizeit-Trailer-Parks, einen Ausdruck.

Netzeitung: Michel Foucault hat den grundlegenden Begriff der Heterotopie bereits Ende der sechziger Jahre entwickelt. J.G. Ballard bezieht seine Stoffe beinahe ebenso lange aus derartigen Übergangskonstellationen, aus Robinsonaden und Arche-Noah-Situationen. Ist Ihnen in letzter Zeit auch eine wirklich neue Entwicklung untergekommen – also etwas, was grundsätzlich nicht schon absehbar gewesen wäre?

Holert: Das Neue würde ich mit dem Begriff Utopieverlust kennzeichnen wollen. Selbst beim – zumindest frühen – Ballard kann man die Szenarien des Nomadischen ja nur vor dem Hintergrund einer spätmodernistischen Zukunftsgläubigkeit verstehen. Im Zuge der gegenwärtigen Retro-Moden erinnert man sich an diese vergangenen Utopien.

Wenn aber im Mobilitätsversprechen der Moderne einmal ein gesellschaftsverändernder Kern auszumachen war, dann ist es heute zum Teil der herrschenden Ideologie geworden. Zumindest in der westlichen Welt birgt dieses Mobil-Sein wenig emanzipatorisches Potenzial. Auch wenn damit stets ein Versprechen auf Lustgewinn, Hedonismus und gelungenen Konsum verbunden ist.

Aber auch hier dürfen wir nicht von den wohlhabenden Zivilisationen Europas ausgehend verallgemeinern. Denn anders als für den Geschäftsmann oder die Touristin, kann das Mobilsein etwa für eine Migrantin oder einen Flüchtling durchaus eine Emanzipation und Befreiung bedeuten. Weil es sich zum Beispiel gegen die Festsetzung von ganzen Gruppen in den Regionen der Unterentwicklung wehrt.

Lassen Sie uns also unbedingt unterscheiden: Zwischen dem Aufbruch der Migration und dem Utopieabbruch der westlichen Gesellschaften.

Tom Holert und Mark Terkessidis: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – von Migranten und Touristen. Kiwi Köln 2006, 286 Seiten, 8,95 Euro.

Mit Tom Holert sprach Ronald Düker.