Integration durch Medien:
Türken raus aus dem Spartenprogramm
11. Dez 2006 07:04
 |  Türkische Männer vor einem Café in Berlin-Kreuzberg | Foto: dpa |
|
Medien sollen Migranten integrieren und einen Beitrag zum sozialen Frieden leisten. Auf deutsche Initiative wird das Thema nun zur europäischen Chefsache. Ein Überblick über aktuelle Tagungen und Publikationen.
Von Sabine PamperrienFührende Medienmacher und Medienwissenschaftler sind derzeit in Reiselaune. Kaum ist Ende November in Essen die zweitägige Europäische Medienkonferenz beendet, rief schon Berlin zur Transatlantischen Medienkonferenz. Das Thema dieses Winters ist gewichtig: Medien sollen eine führende Aufgabe bei der Integration der Zuwanderer übernehmen.
In Essen konferierten vorwiegend Praktiker, in Berlin vorwiegend Forscher. Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse zu bewerten. Dass Medien die Aufgabe der Politik übernehmen sollen, ist der eine problematische Aspekt, der weitgehend unerörtert blieb. Dass Medien bisher eher zur Diskriminierung von Zuwanderern beitrugen, blieb völlig unerwähnt.
Nachwuchs gesucht
Maria Böhmer, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, freut sich. In einer Pressemitteilung mit dem Titel «Medien entdecken Potential der Migranten» würdigte sie die Ergebnisse der Europäischen Konferenz zur Rolle der Medien in den europäischen Einwanderungsgesellschaften.
 |  Statistik: Die größten ethnischen Gruppen in Deutschland | Foto: Data4u |
|
«Integration ist ein Schwerpunkt der Politik der Bundesregierung. (...) Die Ankündigung der Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF, das Thema Integration künftig mehr in die Programmplanung und Berichterstattung einzubinden und bei der Medienforschung verstärkt die Sehgewohnheiten der Migranten zu untersuchen, begrüße ich sehr. (...) Ich hoffe sehr, dass andere Medienverantwortliche diesem Beispiel folgen.Weiterhin sind Migranten in Fernsehen und Hörfunk unterrepräsentiert. Daher sind Konsequenzen auch für die Personalgewinnung und –entwicklung notwendig. Hierbei sollte die gezielte Rekrutierung von Nachwuchs mit Migrationshintergrund nicht nur für die Sparten- und Fachprogramme, sondern auch für die massenattraktiven Programme erfolgen.»
Vierschanzentournee und Europapolitik
WDR, France Telévisions und ZDF hatten im Auftrag der Europäischen Rundfunkgemeinschaft EBU zur ersten Europäischen Medienkonferenz eingeladen, Thema: «Migration und Integration – Europas große Herausforderung. Welche Rolle spielen die Medien?» In der EBU (European Broadcasting Union) arbeiten staatseigene beziehungsweise private Rundfunkanstalten mit öffentlichem Informationsauftrag zusammen.Die 74 Vollmitglieder aus 54 Staaten einschließlich Nordafrikas und 48 assoziierter Mitglieder aus 28 weiteren Staaten von Japan bis Indien und den USA taten sich bisher öffentlich dadurch hervor, dass sie den jährlichen Eurovision Song Contest und die weltweite Übertragung der Vierschanzentournee organisieren. Nun soll also europäische Politik betrieben werden.
Fernsehen muss integrieren
Erst die Unruhen in den französischen Vorstädten, der Karikaturenstreit und terroristische Anschläge in mehreren europäischen Ländern zeigten laut WDR-Intendant Fritz Pleitgen, derzeit EBU-Präsident, dass eine breite inhaltliche Auseinandersetzung mit den Folgen der Migration notwendig ist. Das Thema Zuwanderung sei in der Gesellschaft «total verschlafen» worden.Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble forderte angesichts der Tatsache, dass türkische Zuwanderer sich überwiegend mit Hilfe türkischer Medien informierten, deutsche Medien müssten ihr Angebot für Zuwanderer ausbauen. ZDF-Intendant Markus Schächter formulierte für die öffentlich-rechtlichen den Anspruch eines «Integrationsfernsehens».
Wo waren die Frauen?
Dass die mediale Vermittlung der Zuwanderung nun auf europäischer Ebene unter deutscher Präsidentschaft zur Chefsache erklärt wird, kommt in der Tat spät. Auf der Konferenz in Essen konnten sowohl französische als auch englische Programmverantwortliche zeigen, dass in ihren Ländern bei der Programmgestaltung längst die kulturelle Vielfalt ihrer jeweiligen Einwanderergesellschaften berücksichtigt wird.Hier wäre angesichts der sich auch in diesen Ländern häufenden Gewaltausbrüche insbesondere junger Einwanderer allerdings zu fragen, ob dann überhaupt der Ansatz der Überlegungen zu medialer Integration stimmt. Wie komplex die Lage ist, ergibt sich unter anderem aus dem Disput, den der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan mit Journalisten führte, die auf seinen Einwand, bei den Aufständen in Frankreich habe es sich nicht um religiöse, sondern soziale Unruhen gehandelt, fragten, wo denn die Frauen und Mädchen waren.
40 Jahre verschlafen
Auch für Deutschland wurde angenommen, dass sich bereits erreichte Integration atomisiert. Das Ergebnis einer repräsentativen WDR-Studie, wonach in Deutschland lebende und aufgewachsene jüngere Türken im Gegensatz zu älteren türkischen Migranten stärker der Türkei verbunden seien als der Bundesrepublik, wurde als alarmierend empfunden und signalisiere dringenden Handlungsbedarf.Umut Karakas, Deutsch-Türkin, einzige türkische Staatsangehörige in ihrer eingedeutschten Familie, Mitgeschäftsführerin des Berliner Marktforschungsinstituts Data4U, das sich auf die Erforschung ethnischer Minderheiten spezialisiert hat, kann da nur müde lächeln. «40 Jahre wurde das Thema 'Migration' in den Medien verschlafen.»
Stereotype seit den Sechzigern
So ganz trifft der Befund des Verschlafens jedoch nicht zu. Integration wurde in der Tat verschlafen, Diskriminierung hingegen nicht. Bereits im März erschien mit dem Band «Massenmedien, Migration und Integration» eine Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze, die belegen, dass deutsche Medien über Jahrzehnte aktiv dazu beigetragen haben, Zerrbilder von ethnischen Minderheiten zu festigen und damit Desintegration zu fördern.Die Forschung insbesondere zu Printmedien geht bis in die frühen sechziger Jahre zurück. Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder kehrende Topoi und Stereotype gebildet, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Ausgrenzung von Einwanderern führten. Jüngste gesellschaftspolitische Studien haben ergeben, dass Ausländerhass inzwischen von großen Teilen der Gesellschaft empfunden wird.
Polnische Gene
Bei den untersuchten Medien handelt es sich um Leitmedien wie «Spiegel», «Focus», «Bild», «Faz» und andere renommierte Publikationen. Dem «Spiegel» wird dabei ein ganz eigener Rassismus nachgewiesen, aber auch bei «Emma» finden sich entsprechende Phrasen. Simpelste Beispiele sind die Hinweise auf den ethnischen Hintergrund von Straftätern und die Verwendung stereotyper Fotografien wie die immer gleichen Vermummten, wenn es um den Islam geht.
 |  Alice Schwarzers "Emma" mit rassistischen Tönen | Foto: dpa |
|
Auch die Autoren der medienkritischen Studie fokussieren sich auf die jüngsten Debatten um den Islamismus und lassen so einige schöne Beispiele aus der Vergangenheit außer acht, die zur Zementierung von Vorurteilen gegen andere Ethnien beitrugen.Erinnert sei an jenen «Faz»-Artikel, in dem wissenschaftlich belegt werden sollte, dass die Abkömmlinge polnischer Zuwanderer im Ruhrgebiet genetisch bedingt signifikant eher zu Straftaten neigen als Nichtpolen. Dieser Artikel rief in den Achtzigern immerhin noch Widerspruch hervor.
Diskriminierende Nachkriegsgesellschaft
Eine der Analysen in diesem Band befasst sich mit dem Stereotyp «Kopftuchträgerin» und zeichnet die Karriere derselben Person von der mit freundlicher Nachsicht betrachteten pittoresken Begleiterscheinung bäuerlicher Einfachheit über schon etwas pikierter festgestellte kulturelle Zurückgebliebenheit bis hin zur erschrockenen Diagnose religiösen Fanatismus nach – ausschließlich in der Projektion durch die Medien.Ein Bereich, der wenig erforscht ist, ist hier die Wechselwirkung zwischen der wachsenden Ablehnung und der auch zu beobachtenden tatsächlichen Fanatisierung. Hier wäre es aufschlussreich, die Entwicklung mit derjenigen zu vergleichen, die dazu führte, dass sich vielfach Kinder und Enkel der deutschen Vertriebenen der alten Heimat verbundener fühlen als ihre Eltern und Großeltern. Auch die Integration der Vertriebenen in die deutsche Nachkriegsgesellschaft war von starker Diskriminierung geprägt.
Durchmischung statt Ethnisierung
Obwohl die Konferenz in Essen auch die Integration der neuen EU-Staaten thematisierte, widmete die schwache Medienresonanz sich einmal mehr den Türken und ihrem Mediennutzungsverhalten. Schäubles alarmierter Hinweis auf den Handlungsbedarf angesichts der bloßen Tatsache, dass jüngere Türken eher türkische Medien konsumieren, birgt für sich betrachtet einen Kurzschluss, der vielleicht gar nicht zutrifft.Der Medienwissenschaftler Kai Hafez, Teilnehmer der Tagung in Berlin, hat erforscht, dass der Konsum heimatsprachlicher Medien keineswegs zwangsläufig die soziale und politische Integration blockiert. Mit Fortlauf der Einwanderergenerationen entwickeln sich in aller Regel Mediennutzungsstile, die eher auf transkulturelle Durchmischung als auf Ethnisierung hinaus laufen.
Wer kontrolliert die Vielfalt?
In Essen tagten mit den Programmverantwortlichen der großen europäischen Sender zahlreiche prominente Vertreter höchster internationaler Chargen von Politik und Gesellschaft. Die Ergebnisse wirken da fast etwas kindisch. Das ZDF prescht vor und will «Protagonisten mit Migrationshintergrund» für prominente Aufgaben rekrutieren, um dem Identifikationsbedürfnis zu entsprechen. Nikolaus Brender sah seinen Teil schon getan: als bekennender Schnurbartträger vermittle er schon jetzt Heimatgefühle.
 |  Brenders Schnauz soll Türken Heimatgefühle vermitteln | Foto: ZDF |
|
Mogens Schmidt, Medienexperte der UNESCO, forderte gar eine Rechenschaftspflicht der öffentlich-rechtlichen Sender für die kulturelle Vielfalt ihrer Berichterstattung. Damit eröffnete er in der Diskussion um Integration die nächste Debatte. Wer soll die kulturelle Vielfalt mit welchen Befugnissen kontrollieren?
Fit für Migranten-Belange
Wäre nicht jede Instrumentalisierung ein Eingriff in die Pressefreiheit? In Paris steht schon bald die nächste Europäische Medienkonferenz an. Man stelle sich das Regelwerk vor, zu dem eine Organisation auf europäischer Ebene fähig ist! Der Sache dienlich wäre es sicher nicht.Eigentlich ist der einzig wirklich ernst zu nehmende Beschluss die Ausbildungsinitiative, mit der Journalisten für Migranten-Belange fit gemacht werden sollen. Genau da setzen auch die Autoren jener Studien an, die den latenten Rassismus deutscher Medien belegten. Obwohl teilweise seit Jahren die entsprechenden Studien vorliegen, hat sich an der Berichterstattung nichts geändert.
Theorie und Praxis
Journalisten als neutrale, leidenschaftslose Beobachter und Vermittler von Tatsachen sind Fiktion. Allerdings halten sich viele selbst noch für objektiv. Hier kann Ausbildung tatsächlich etwas leisten. Theorie und Praxis müssen endlich miteinander vermittelt werden.Vielleicht führt journalistische Recherche dann endlich einmal wieder dazu, auch wissenschaftliche Forschung in die Analyse von Sachverhalten einzubeziehen. Und vielleicht kommt ja dann auch die Integration. Von ganz alleine.