Zukunft des Theaters: 

netzeitung.deJeder Opernabend eine Premiere

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Hans-Joachim Frey (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hans-Joachim Frey
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Repertoiretheater ist kaum noch finanzierbar, sagt Hans-Joachim Frey. Im Interview mit der Netzeitung erklärt der Direktor der Dresdner Semperoper, wie Bühnen überleben können.

Netzeitung: Sie übernehmen im Sommer die Generalintendanz des Theaters in Bremen. Ihnen eilt der Ruf eines Sanierers voraus, der eher von der Wirtschaft als von der Kunst her kommt.

Hans-Joachim Frey: Zunächst einmal stimmt es überhaupt nicht, dass ich von der Wirtschaft her komme. Dieses Gerücht verfolgt mich schon seit geraumer Zeit. Ich komme eindeutig aus der Kunst, habe zunächst Gesang und Musiktheaterregie studiert, mich später dann aber zunehmend auch dem Kulturmanagement gewidmet und mir in diesem Zusammenhang viele Gedanken darüber gemacht, wie das deutsche Theatersystem finanziert werden kann.

Das Bremer Theater steckt in einer Krise, ich übernehme 4,5 Millionen Euro Schulden. Deshalb müssen wir neue Konzepte finden und neue Wege gehen. Das deutsche Theatersystem hängt am Öffentlichen Dienst, und die Personalkosten der Theater steigen deshalb so immens, weil dort jedes Jahr die Tariferhöhungen im Öffentlichen Dienst zu Buche schlagen. Dieses System ist so nicht mehr vertretbar.

Netzeitung: Was genau wollen Sie tun, um das Theater - ein Dreispartenhaus mit Oper, Schauspiel und Tanz - zu entschulden?

Frey: Wir werden einen Haustarifvertrag abschließen und die gesamte Struktur des Spielplans ändern. Unser Ziel ist ein Semi-Stagione-Modell: Es wird eine Premiere geben, nach der das Stück vier bis fünf Wochen gespielt wird und anschließend vom Spielplan verschwindet. Geplant ist, zwei bis drei Stücke im Wechsel zu spielen. Auf diese Weise können wir bereits moderate Einsparungen erreichen.

Außerdem wollen wir die Kultur stärker an die Privatwirtschaft anbinden. Mit Hilfe eines Internationalen Kulturforums soll das Bremer Theater zu einem Ort gesellschaftlicher Begegnungen werden, an dem sich auch Vertreter von Unternehmen treffen – also potenzielle Sponsoren. Denkbar wäre zudem, dass im Theater dann auch Aufsichtsrats- und Vorstandssitzungen stattfinden.

Netzeitung: Sie wollen in Bremen neue Arbeitsbereiche schaffen - wie «Fundraising», «Development» und «Education». Wie stark orientieren Sie sich an Vorbildern aus dem angelsächsischen Raum?

Frey: In Deutschland stehen wir vor den harten Zeiten eines Paradigmenwechsels. Das Ensembletheater hat hier eine lange und erfolgreiche Tradition, es stößt aber mittlerweile an seine Grenzen. Inzwischen gibt es das bürgerliche Publikum mit seinen festen Abo-Abenden kaum noch, die Zuschauer haben ganz andere Erwartungen. Die Konkurrenz durch Fernsehen und Kino ist auch viel größer geworden.

In dieser Situation brauchen wir singuläre Ereignisse: Jeder Opernabend muss ein Event mit Premierencharakter auf hohem künstlerischen Niveau sein. Das verschafft uns mehr Aufmerksamkeit, bringt eine bessere Auslastung und ermöglicht zugleich Einsparungen, da nicht mehr so viele Stücke gespielt werden.

Netzeitung: Ist der Stagione-Betrieb tatsächlich überall praktikabel?

Frey: Man muss unterscheiden zwischen dem Semi-Stagione-Betrieb und dem radikalen Stagione-Modell, das in Ländern praktiziert wird, wo es keine großen Ensembles gibt und jedes Stück nur wenige Male gespielt wird. Das fände ich hier nicht sinnvoll. Ein spezifisches Modell für ganz Deutschland gibt es sicherlich nicht, jeder Ort muss seine eigene Tradition und sein spezielles Umfeld berücksichtigen.

Man sollte sich zugleich aber auch an Erfahrungen von Häusern in den USA und anderen europäischen Ländern orientieren, die längst nicht so viele Subventionen bekommen wie wir. Wir Kulturschaffenden müssen selbst handeln, Netzwerke mit Sponsoren bilden und die Entscheidungen nicht den Politikern überlassen – sonst werden Theater eines Tages einfach geschlossen.

Netzeitung: Gegen private Sponsoren im Kulturbereich gab es in Deutschland lange Zeit starke Vorbehalte. Hat in den vergangenen Jahren ein Bewusstseinswandel eingesetzt?

Frey: Viele Leute gehen nach wie vor davon aus, dass Kultur Sache der öffentlichen Hand ist. Auch in der Wirtschaft fehlen – bis auf wenige Ausnahmen – klare Marketing- und Kommunikationsstrategien für die Kunst. Oft werden nur Liebhaberprojekte einiger Vorstandschefs gefördert. Beim Sport ist das dagegen völlig anders.

Mittelfristig lässt sich in der Kultur nur etwas erreichen durch sehr aktive Freundes- und Förderkreise, die national und international tätig sind. Das Grüne Gewölbe in Dresden ist erst seit drei Monaten wieder geöffnet, hat aber durch einen weltweiten Freundeskreis bereits viel Geld zusammengebracht.

Netzeitung: Wie beurteilen Sie die Situation der Deutschen Oper Berlin, die auf eine lange Tradition als Repertoiretheater mit großem Ensemble zurückblickt?

Frey: Die Deutsche Oper Berlin war lange Zeit führend in Deutschland. Nach der Wende gab es aber plötzlich Konkurrenz durch zwei andere Opernhäuser – und sie hat in dieser Lage nicht genug Profilschärfe gezeigt.

Netzeitung: Im Streit um die Finanzierung der drei Berliner Opernhäuser wird vor allem der Fortbestand der Deutschen Oper in Frage gestellt. Wenn Sie jetzt an der Stelle von Intendantin Kirsten Harms wären, was würden Sie tun?

Frey: Das ist eine schwierige Frage, natürlich muss sie jetzt erst einmal die Deutsche Oper verteidigen. An ihrer Stelle würde ich aber zugleich darüber nachdenken, wie man das Haus auf andere Weise finanzieren und bespielen kann. Das kann sie allerdings nicht allein entscheiden, sondern nur gemeinsam mit der Opernstiftung.

Das Haus hätte eigentlich schon vor drei Jahren mit strategischem Fundraising beginnen und den Spielplan modifizieren müssen – dann würde die Diskussion heute sicher anders geführt.

Netzeitung: In Dresden sind Sie derzeit Operndirektor an der Semperoper, die auch zu den großen deutschen Repertoiretheatern gehört. Gibt es dort weniger Probleme?

Frey: An der Semperoper erreichen wir eine Auslastung von 97 Prozent und kommen dennoch finanziell nicht mehr über die Runden. Auch dort stehen wir also vor einem Paradigmenwechsel und müssen neue Initiativen ergreifen. So haben wir zum Beispiel im vergangenen Januar den Semperopernball wiederbelebt. Zwischen 1925 und 1939 gab es bereits eine große Balltradition in der Stadt, die dann durch die Nazis missbraucht und im Krieg zunichte gemacht wurde.

Zur 800-Jahr-Feier Dresdens 2006 haben wir diese Tradition wieder aufleben lassen, obwohl die Kosten von 1,1 Millionen zunächst kaum finanzierbar schienen. Durch den Verkauf von VIP-Logen und –Tischen an Firmen haben wir aber sogar noch ein Plus von 50.000 Euro erwirtschaftet – und mögliche künftige Sponsoren direkt zu uns ins Haus geholt.

Der Ball wurde auch im Fernsehen und auf Großbildleinwände vor dem Opernhaus übertragen. Außer den 2500 Gästen in der Oper konnten weitere 4000 Dresdner auf der Straße mitfeiern – das war ein gigantisches Ereignis.

Mit Hans-Joachim Frey sprach Corina Kolbe

Frey, geboren 1965, ist seit 2003 Operndirektor an der Sächsischen Staatsoper Dresden Semperoper. Im August 2007 wird er als Generalintendant an das Bremer Theater wechseln. Frey lehrt zudem Kulturmarketing und Kulturmanagement in Weimar und Hamburg.