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Yasmina Khadra: 

Der Märtyrer in meinem Bett

05. Dez 2006 09:24
Yasmina Khadra
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Der algerische Bestsellerautor Yasmina Khadra war Soldat in einer Anti-Terroreinheit. In seinem neuen Buch spürt er den Motiven einer Selbstmordattentäterin in Israel nach.

Von Ronald Düker

Was wäre wohl passiert, wenn nicht Orhan Pamuk den Nobelpreis für Literatur bekommen hätte, sondern sein algerischer Kollege Yasmina Khadra? Der eine ein weltläufiger homo literatus, der seine Romane mit Blick auf den Bosporus schreibt und dabei aus einem historisch fundierten Wissen um europäisch-arabische Kulturgrenzen schöpft, der andere ein in der Sahara geborener ehemaliger Offizier der algerischen Armee.

Als solcher kann Khadra für sich beanspruchen, den Fundamentalismus aus eigener Erfahrung zu kennen, hat er doch acht Jahre lang in der Provinz Oran eine Antiterror-Einheit angeführt. Weil er die Terroristen auf dem Schlachtfeld getroffen habe, und weil er selbst Araber sei, behauptet Khadra selbstbewusst, sei es ihm im Unterschied zu einem Europäer möglich, den Terrorismus zu verstehen.

Unter Verdacht

Als Schriftsteller muss er sich an dieser Selbsteinschätzung messen lassen. Zumal er in seinem neuen Roman «Die Attentäterin» nun schon zum zweiten Mal den Islamismus außerhalb seiner Heimat ins Auge fasst. Sein neues Buch spielt nicht wie die meisten vorangegangenen in Algier, sondern in Israel.

Es ist der Mittelteil einer, wie der Autor sagt, 'Trilogie der Missverständnisse', von der mit «Die Schwalben von Kabul» der erste Teil bereits 2003 auf Deutsch und der abschließende Band, «Les Sirènes de Bagdad», soeben im Französischen erschienen ist.

In Frankreich, in das Khadra 2001 aus Algerien ausgewandert ist, wurde der Autor bereits mit Preisen überhäuft, seine internationale Reputation hängt aber nicht zuletzt von der Herkunft des Blutes ab, das an seinen Fingern klebt. Das Treiben der algerischen Armee war in den Neunzigern schließlich nicht über jeden üblen Verdacht erhaben.

Weit draußen ein Dampfer

Zudem mag die Nase rümpfen, wer hohen Ton und Kriminalroman nicht unter einen Hut bringt. Denn wenn Khadra auch ganz offenbar bei der amerikanischen hard boiled novel in die Schule gegangen ist, ist er doch zugleich ein enger Verwandter von Albert Camus. «Die Attentäterin», soviel vorweg, ist jedenfalls ein ungeheures literarisches Wagnis. Ein Roman, der seinem Leser Bilder vor Augen führt, die kaum ein Fernsehbericht und kaum eine Reportage vermitteln kann.

Ein solches Bild zeigt den Protagonisten Amin Jaafari mitten in der Nacht auf einer Anhöhe über dem Meer sitzend. Er weiß nicht, wie er hier hingekommen ist, seine Jacke ist irgendwo verloren gegangen, die Hose weist einen riesigen Fleck, das Hemd Spuren von Erbrochenem auf. Und hat sich unter ihm auch längst der Boden aufgetan, kann sich Amin diesem Bild doch nicht entziehen: «Weit draußen, auf hoher See, funkelt ein Passagierdampfer».

Jeden Sommer im Schlaraffenland

In jedem anderen Moment hätte Amin den Anblick als tröstlich empfunden, so vergrößert er nur seine Verzweiflung. Früher hätte ihn das Rauschen des Mittelmeeres daran erinnert, dass auch Israel nur ein Fleck Land unter den Sternen ist und kein Gefängnis aus der rohen Gewalt all derer, die nicht einmal die elementaren Regeln des Zusammenlebens begriffen haben.

Oft genug schon haben ihn Flugzeuge hier heraus getragen, jeden Sommer in ein anderes Schlaraffenland. Mit seiner Frau Sihem hat er Paris, Barcelona, Miami und die Karibik gesehen. Die Fotoalben in seinem von der Polizei verwüsteten Haus inmitten eines luxuriösen Villenviertels von Tel Aviv zeigen das verliebte Paar am Strand von Scharm el Scheich, auf dem Champs-Élysées und neben den Wachposten der Garde ihrer Majestät, der Königin von England.

Musterknabe oder Verräter?

Amin Jaafari, dieser Sohn eines palästinensischen Beduinen, kann sich das leisten. Durch harte Arbeit hat er es zu wissenschaftlichen Auszeichnungen, einem israelischen Pass und komfortablem Vermögen gebracht. Er gehört zu den besten Chirurgen des Landes, und, wenn er an Checkpoints auch rassistische Schikanen ertragen muss, gehen in seinem Haus doch hochrangige Beamte, Militärs und sogar Größen des Showgeschäfts ein und aus.

Der Arzt ist ein Vorzeigeobjekt für die Toleranz und Integrationsbereitschaft der israelischen Gesellschaft – oder aber, so würden es die Palästinenser auf der anderen Seite des Zaunes sagen, ein gottvergessener Abtrünniger und Vaterlandsverräter. Und in der Tat: Amin ist weder ein praktizierender Muslim, noch kann er dem todesverachtenden Krieg, den seine Vettern und Cousins führen, etwas abgewinnen.

Die typischen Verletzungen

«Der einzige Kampf», sagt Amin, «an den ich glaube, der es wirklich wert wäre, dass man für ihn blutet, ist der des Chirurgen, der darin besteht, das Skalpell gegen das Zepter des Todes zu führen und das Leben neu zu erfinden.» Oft genug hat er halbtote Opfer von Sprengstoffattentaten ins Leben zurückgeholt, oft genug aber auch grenzenlose Hilflosigkeit gespürt, wenn sie ihm unter den Händen wegstarben.

Als nun unweit seines Hospitals wieder eine Detonation die Luft zerreißt, setzt das eine schon längst eingespielte ärztliche Routine in Gang. Noch ahnt Amin nicht, dass zwei Explosionen in seinem Kopf folgen werden. Die erste, als unter den Toten auch seine Frau Sihem identifiziert wird. Die zweite als lakonische Mitteilung eines Polizeibeamten: «Nach den ersten Untersuchungsergebnissen weist die Art der Verstümmelung ihrer Frau die typischen Verletzungen fundamentalistischer Selbstmordattentäter auf.»

Die letzte Grenze

Amin Jaafari hat nicht nur die Frau verloren, die er über alles geliebt hat. Er stellt nun fest, dass er, der Lebensretter, nichtsahnend und über Jahre mit dem Feind namens Tod in einem Haus gelebt und in einem Bett geschlafen hat. Mit diesem fulminant erzählten Drama eröffnet Khadra seine Nahaufnahme vom Terror in Nahost.

Und er folgt der Gewalt auf beiden Seiten, zeigt Panzer, Hubschrauber, ferngelenkte Raketen und Bulldozer, aber auch steinewerfende Kinder und sprengstoffbepackte Dschihadisten. Diese haben jeden Bezug zu einem Leben aufgegeben, dass ihnen nirgends einen Ort geben kann. Würde verspricht diesen jungen Menschen von Bethlehem und Dschenin nur der Schritt über die Grenze der Selbstauslöschung.

Der Furor des Gehörnten

Und wenn die Entscheidung, zum Märtyrer im Kampf des palästinensischen Volkes zu werden, einmal gefallen ist, frisst sie sich wie ein Bandwurm fest. Von da an lebt der Kämpfer als Zombie weiter, er steht, schon lange bevor er den Gürtel schnallt oder sein Auto mit Sprengstoff belädt, mit einem Bein im Grab.

Wie aber war Sihem, Amins Frau und Geliebte, in dieses Zwischenreich gekommen? Wie konnte er, dem seine Liebe zu ihr das Heiligste war, mit ihr leben, ohne auch nur eine Ahnung zu entwickeln? Welches war ihr entscheidendes Zeichen, und warum hatte er es übersehen? Yasmina Khadra hätte für die Darstellung des Grabens, der Israel auf engstem Raum zerreißt, keine pointiertere Formation finden können, als die des Liebespaares.

Amins Unverständnis gegenüber der Tat seiner Frau, die sich ihm noch am Abend des endgültigen Abschieds rückhaltlos hingibt, ist radikal. Mit dem Furor eines gehörnten Ehemanns macht sich dieser ganz und gar auf sich Zurückgeworfene auf eine existenzialistische Suche nach der Wahrheit. Es treibt ihn auf die andere Seite, nach Bethlehem und Dschenin, wo es aussieht, «als hätte die Vernunft jede Verantwortung abgegeben, und auch jede Hoffnung nochmals gebraucht zu werden.»

Ein Grillfest auf verbrannter Erde

Fern davon, dieser Vernunft selbst abschwören zu wollen, nimmt Amin die größten Gefahren auf sich und kehrt nicht um, bevor er den bewaffneten Brigadenchefs und dem fundamentalistischen Scheich Marwan ins Gesicht geschaut hat. Die Antworten, die ihm diese auf seine Fragen geben, kann er nicht begreifen. Auch die Erklärungsversuche seiner Verwandten nicht, zu denen Sihems Spur ihn führt.

«Es war,» so hält man Amin hier vor, «als ob du auf verbrannter Erde ein Grillfest feiern würdest. Du sahst nur das Grillfest, sie sah den Rest, die Trostlosigkeit ringsum, die all deine Freuden verfälschte.» Letztlich bleibt es aber die Widerwärtigkeit der Verachtung gegenüber dem eigenen Tod und dem Tod unschuldiger Opfer, die Amin durch kein soziologisches und politisches Argument aufwiegen will.

Steinschleuder gegen Bulldozer

Eine Welt, «in welcher der Tod ein Selbstzweck ist», muss ihm fremd bleiben. Er sagt es schlicht: «Für einen Arzt ist das das Letzte.» Auch angesichts der verfahrenen Lage ist es nicht schwierig zu begreifen, mit welcher Stimme Yasmina Khadra seinen Protagonisten hier sprechen lässt. Es ist die Stimme eines aufgeklärten Humanismus, und eine Haltung, die sich unmöglich für eine der verfeindeten Parteien vereinnahmen lassen kann.

Wenn Amin in Dschenin einen Blick auf eine Welt erhascht, in der Panzer auf Kinder schießen, die lediglich eine Steinschleuder in der Hand halten, wenn er schließlich mit eigenen Augen sieht, wie ein Bulldozer der israelischen Armee das Haus, das sein Urgroßvater einst mit eigenen Händen erbaut hat, innerhalb von Minuten zu Schutt zermalmt, dann bleibt ihm nichts als Verzweiflung.

An den Amerikanern geschult

Einen Ausweg aus diesem Dilemma auch nur anzudeuten, dazu ist Khadra nicht naiv genug. Er versteht es stattdessen auf virtuose Weise, den Leser in die irrationalen Tiefen des Hasses zu führen. Und es steht dem Autor dazu ein literarisches Vermögen par excellence zu Gebote: Er erzeugt eine Spannung, die die Lektüre zur atemlosen Angelegenheit werden lässt.

Durch die Beherrschung der Erzähltechniken des amerikanischen Kriminalromans hatte der Autor schon seinen Romanen um den in Algier ermittelnden Kommissar Brahim Llob zu internationalem Erfolg verholfen. Khadra bleibt seinem Thema, der fundamentalistischen Gewalt, treu und übersetzt es in Geschichten, die sich nicht hinter denen von Dashiell Hammett oder Graham Greene verstecken müssen.

Fortgeschwemmte Träume

Allein die Tatsache, dass sich dieser Schriftsteller so leichtfüßig in deren Tradition zu bewegen und auch den westlichen Leser so souverän an der Hand zu nehmen weiß, ließe auf eine Verständigung zwischen den Kulturen hoffen. Wenn Amin Jaafari seinen Blick über den Horizont streifen lässt, bleibt ihm aber jede Hoffnung versagt.

Er blickt auf dasselbe Meer, in dessen Anblick sich auch Brahim Llob so gerne versenkt, wenn ihm der Vandalismus seines Landes nichts lässt als Mutlosigkeit. Es ist – so sieht es Llob – «das Mittelmeer mit seinen fortgeschwemmten Träumen». Es ist unser Meer.

Yasmina Khadra: Die Attentäterin. Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Nagel & Kimche 2006, 270 Seiten, 19,90 Euro.

 
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