netzeitung.de«Wir Ossis waren halt alle ein bisschen doof»

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Sibylle Berg (Foto: Kiepenheuer & Witsch<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sibylle Berg
Foto: Kiepenheuer & Witsch
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sibylle Berg hat ein Buch für Kinder geschrieben - eine völlig neue Erfahrung für die Kult-Autorin. Die Netzeitung sprach mit ihr über ihre Kindheit im Osten und Autisten in der Schweiz.

Netzeitung: Ihr neuestes Buch («Habe ich dir eigentlich schon erzählt...Ein Märchen für alle.» Anm. d. Red.) ist auch ein Bruch mit ihrer bisherigen Tradition und kommt im Vergleich zu ihren bisherigen Büchern sehr sanft daher. Sie wurden schließlich schon mal als «Hooligan der Literatur» bezeichnet. Was ist mit Ihnen passiert, warum sind Sie jetzt so sanft, Frau Berg?

Sybille Berg: Ich werde alt. Sie haben's ja gesehen, ich bin mit diesen beiden Stöcken zum Interview gekommen (lacht). Ich mach's nicht mehr lang. Da wird man so milde. Meine Themen haben sich grundsätzlich nicht geändert. Es geht nach wie vor um das kleine Unglück und wie kriegt man das kleine Leben rum? Nur hatte ich nach meinem letzten Buch «Ende gut» eine Krise. Schließlich endet es mit einem Weltuntergang.

Netzeitung: Und dann schreibt man ein Buch für Kinder?

Berg: Der Rat kam von einem Freund: John Vosse. Er sagte, wenn ihm nichts mehr einfällt, schreibt er ein Kinderbuch. Aber für mich hat das so nicht funktioniert. Ich wüsste nicht, was ich einem Fünfjährigen erzählen soll. Keine Ahnung. Kinder fangen für mich an interessant zu werden, wenn sie schwierig werden. Im Grunde genommen erst ab der Pubertät. Ich habe also für Kinder oder Jugendliche geschrieben, die so waren wie wir, mit denen keiner wirklich spielen wollte und die sich in Bücher flüchteten.

Netzeitung: Das beschreiben Sie ja auch in diesem Buch. Es ist zwar ein Märchen, hat aber durchaus auch biografische Züge. Sie beschäftigen sich damit auch zum ersten Mal mit ihrer eigenen Geschichte in der DDR. Wieso erst jetzt? Ist der Osten bisher nicht wichtig genug gewesen oder wird er auch als Phänomen des zunehmenden Alters wieder wichtig für Sie?

Berg: Beides nicht. Der Osten ist Vergangenheit. Meine Vergangenheit. Ich denke, wir alle haben eine Vergangenheit, und so spannend ist das nicht. Man weiß ja nie, ob wir uns vieles aus unseren Erinnerungen nicht nur einbilden. Ich habe mich aber gefragt, was könnte ich erzählen, was junge Menschen halbwegs ernst nehmen? Was die nicht selber wissen?

Und da ist mir aufgefallen, dass es viele Bücher über den Osten gibt: über die Stasi, über Nutella, das nicht vorhanden war - und so weiter. Aber wie sich das angefühlt hat, darüber gibt es nichts. Und das könnte junge Menschen vielleicht interessieren. Und das habe ich dann versucht zu erzählen.

Netzeitung: Das ganze liest sich einerseits sehr schön, an einigen Stellen wiederum extrem grausam. Denken Sie jenseits des Schreibens noch manchmal über die DDR nach? Können Sie sagen, es war eine gute Zeit oder eine grauenvolle Zeit? Oder: Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe. Verfolgt einen so etwas?

Berg: Mich verfolgt es nicht, aber ich bin wahrscheinlich auch ein bisschen unsensibel. Ich fand, die DDR war ein furchtbarer Staat. Ein furchtbares Regime. Das merkst du als Kind noch nicht. Du sagst nicht, das ist ein Scheiß- Faschistenstaat, aber du merkst es an vielen Stellen. Du bemerkst diese Bespitzelung, dieses Elend und dieses Eingesperrtsein. Das kriegst du ja mit. Auch, dass so etwas nicht gut ist für die Leute sein kann, merkt man als Kind.

Dieses Grau, was da immer wieder als Farbe auftaucht, das ist das, was eigentlich diesen «Geruch» ausmacht. Dieses hoffnungslose, graue Dasein dort. Das habe ich damals allerdings schon gemerkt. Es hat mich aber nicht in dem Sinne verfolgt, ich war ja dann irgendwann fort, obwohl das im ersten Augenblick auch nicht wirklich besser war. (Sybille Berg durfte 1984 aus der DDR ausreisen, sie wurde vom Westen frei gekauft. Anm. der Redaktion).

Netzeitung: Sie sind dann in die Schweiz gegangen. Das ist vermutlich das krasseste Kontrastprogramm zur DDR.

Berg: Wahrscheinlich genau deshalb.

Netzeitung: Und wie gefällt Ihnen die Schweiz?

Berg: Es ist das perfekte Land für mich. Die Schweizer sind Autisten. Ich merke das jeden Tag: es herrscht ein Ausnahmezustand dort. So etwas findest Du vielleicht noch in Island: Solch einen Inselstatus mit relativ entspannten Leuten. Ich lebe nun seit zehn Jahren dort, und die Menschen sind alle wirklich entspannt. Warum auch nicht? Denen geht's ja gut. Und für mich ist die Schweiz so, wie die Welt aussehen sollte.

Netzeitung: Warum haben Sie die Schweiz gewählt? Wie sind sie auf diese Idee gekommen? Sie hätten schließlich auch nach Island oder nach Norwegen gehen können. Dort ist es auch depressiv.

Berg: Wir Ossis waren halt ein bisschen doof. Ich habe durch Zufall mal irgendwann etwas über die Schweiz erfahren. Ob das Heidi war oder irgendein anderer Kitsch. Wir wussten nur irgendwie: den Westen kannten wir. In Westdeutschland war alles Böse versammelt. Jedenfalls nach dem, was wir im Osten gelernt hatten. Dort sind die Junkies, die Arbeitslosen und das unmenschliche Kapitalistensystem. Und die Schweiz habe ich mir dann einfach als das Ideal bebildert. Ich dachte, dort ist es einfach schön. Ich bin sogar mal hier in Berlin in die Schweizer Botschaft gegangen und habe mir Prospekte geholt. Ich hatte eine große Erregung für dieses Land. Und so bin ich dann vom Westregime in die Schweiz gefahren und es war alles perfekt.

Netzeitung: Ist Westdeutschland ein Problem für Sie?

Berg: (lacht) Na ja, Ihr seid ja schon ein Problembereich.

Netzeitung: Sie hätten ja auch nach München ziehen können, da ist auch eine «heile Welt».

Berg: Da ist es auch ganz hübsch. Das habe ich auch wirklich erwogen, aber es ist es mir dann doch nicht Schweiz genug. Ich finde Deutschland eigentlich nicht so schlimm, wie es vielleicht erscheint. Ich finde es ästhetisch schwierig.

Netzeitung: Von der Architektur oder von den Menschen her?

Berg: Von der Menschenarchitektur! Die sind halt recht groß und machen mir ein bisschen Angst manchmal. Im Ernst: ich finde, es hätte eigentlich ein schönes nordisches Land werden können. Und dann wurde so wahnsinnig viel Scheiße hingebaut. Also diese Fußgängerzonen! Das macht ja auch was mit den Leuten. Wenn Du immer so viel Hässlichkeit vor die Nase gesetzt kriegst, das hat Folgen.

Ich betrachte das ganze mit viel Abstand. Und das sind dann natürlich immer nur Grundstimmungen. Mir fällt auf: da ist immer dieses wahnsinnige Gequengel der Menschen. Nach dem Motto: Die «da oben» müssen was machen. Ja, wieso eigentlich? Das ist so ein bisschen was Deutsches, was ich schwierig finde. Und die Schweizer quengeln eben nicht so.

Mit Sibylle Berg sprach Michael Maier. Das komplette Interview hören Sie in «Sonntags ab 10» auf Radio 100,6 Motor FM oder im Internet: www.netzeitung.de/audio.