Hörspiele:
München für Umsteiger
21. Nov 2006 07:31
 |  Claes Neuefeind | Foto: Mairisch |
|
Hörspiele – gibt's die noch? Höchstens in ein paar Nischen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, denkt man. Von wegen: Auf einer neuen CD präsentiert sich die freie Hörspielszene interessanter denn je.
Von Maik SöhlerEs war mehr als nur eine gute Idee, als Hans-Jürgen Krug vor drei Jahren mit seinem Stück «Ätherdramen» den 80. Geburtstag des Radios künstlerisch begleitete. Denn Krug bearbeitete die Historie des Radios mit einem Genre, das zum Radio selbst gehört wie kaum ein anderes: «Ätherdramen» ist ein Hörspiel, das Radiogeschichte als Hörspielgeschichte erzählt. Hier treten die großen Gestalten des deutschen Hörspiels auf und gegeneinander an – Autoren, Regisseure und Redakteure.
Im Manuskript dieses Dokumentarhörspiels findet man einige Sätze des Medienwissenschaftlers Friedrich Knilli: «Die Diskussion, die ich vorfand, war vielleicht auch deshalb so aktuell, weil eben das Fernsehen schon spürbar für die Autoren und für das Publikum sich auswirkte. Also das Hörspiel, das bis zu diesem Zeitpunkt 1961 eben das Medium oder das Kunstmedium war, war natürlich in Gefahr seine Bedeutung zu verlieren.»
Die Hörer wandern ab
Nur wenig später im Skript (und zeitlich etwa drei bis vier Jahre später) ergänzt der NDR-Hörspielchef Heinz Schwitzke: «Bisher sind etwa die Hälfte der Zuhörer zum Fernsehen abgewandert, es werden weitere folgen, doch Millionen werden bleiben.»Man kann aus diesen Passagen ablesen, dass das Radio bis Anfang der sechziger Jahre für viele Bundesbürger noch ein Leitmedium war; abends vielleicht sogar das Leitmedium. Und dass Hörspielen noch der Platz gehörte, den nur wenig später so vehement das Fernsehen für sich beanspruchte und dann auch einnahm.
Wo bei Knilli Anfang der Sechziger die Angst vor dem TV noch deutlich zu spüren ist, da zieht Schwitzke Mitte der Sechziger nur noch nüchtern Bilanz und wagt einen hoffnungsvollen Ausblick – es können doch nicht alle abwandern.
Ein gut gelaunter Zwerg
Aus heutiger Sicht mutet dieser Epochenbruch in der alltäglichen Abendunterhaltung gar nicht mehr fremd an. Wir haben über lange Zeit ähnliche Befürchtungen von Chefredakteuren zum Niedergang des Printjournalismus im Zeitalter des Internet vernommen, derzeit sehen wegen «Google Books» einige Verleger die Buchkultur in Gefahr und die Sprecher der Musik- und Filmindustrie klagen stärker denn je, die Ausdifferenzierung von Unterhaltungsangeboten, an der sie einst kräftig mitgewirkt haben, falle zu ihrem Nachteil aus.Wo Giganten schwanken, hat sich ein Zwerg gut gehalten. Sein Name ist Hörspiel, und er zeigt sich neuerdings in bester Laune. Das belegt die im Hamburger Mairisch Verlag erschienene CD «pressplay. Die Anthologie der freien Hörspielszene».
Ich schreibe ein Hörspiel
Pressplay versammelt - in den Worten des Herausgebers Claes Neuefeind – «unabhängig produzierte Hörspiele, die für das stehen, was sich in den letzten Jahren abseits der großen Hörspielproduktionen mit Wettbewerben und öffentlichen Aufführungen ein eigenes Forum geschaffen hat: Die freie Hörspielszene». Ein Ausdruck davon war die gut besuchte Hörspieljurte bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse.Auf «pressplay» finden sich 20 Hörspiele, das kürzeste, Claas Morgenroths «Ich schreibe ein Hörspiel und ihr nicht», ist nicht mal drei Minuten lang; das längste, Louise Boeges «Der Gang», kommt auf fast 45 Minuten.
Aber nicht nur in der Länge unterscheiden sich die Titel, sondern auch im Stil und in der Machart. Features stehen neben literarischen Hörstücken, Klangcollagen neben O-Ton-Hörspielen, experimentelle neben komischen Stücken.
Flucht in die Traumwelt
Luise Boege etwa verknüpft in «Der Gang» die Geschichten von vier einsamen Menschen. Alle haben irgendwelche Tics, teils pathologisch, teils nicht. Anna ist alles egal, sie raucht nur noch, ihre Eltern schicken sie zu ihrem Onkel Klaus, der schon lange nicht mehr schläft und über seine Nichte sagt: «Die hat doch einen Klatscher!»Klaus wird gelegentlich von Pfleger Tom besucht, der durch ihn in eine Traumwelt um einen unterirdischen Gang eintaucht, darin flüchtet und dabei in der Realität immer frustrierter und aggressiver wird. Das bekommt vor allem seine Freundin Judith zu spüren.
Schön abseitig
Zwischen den Stimmen stellt Boege die Fragen «Was ist verrückt?» und «Was ist normal?» Klaus sagt: «Ich habe aufgehört zu schlafen, um wenigstens in dieser Zeit kein Tier, kein Teppich, sondern ein Mensch zu sein.» Nun will er in den «Gang», um endlich wieder schlafen zu können. Dorthin drängen die anderen ebenfalls, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.Anna liebt Tom, der aber liebt das Abenteuer und vielleicht auch noch Judith. Vor dem «Gang» bündelt sich also ein Ensemble existenzieller Probleme, die die Protagonisten zu lösen haben. Boeges literarisches Hörspiel ist von traumwandlerisch-schöner Abseitigkeit.
Wissenswertes über München
Ganz anders fällt «Munich to go» von Thomas Glatz und Anne Hacket aus. Es ist ein zehnminütiges Stück über Else Apolda, die Stadtführungen durch München für «Eilige und Umsteiger» anbietet - in den Varianten «drei Minuten, fünf Minuten und sieben Minuten».Die offensichtlich aus Sachsen stammende Frau erzählt, dass sie früher am Münchner Hauptbahnhof Würstchen verkauft hat und dabei oft gefragt wurde, was man sich auf die Schnelle ansehen könne. «Dos wor also de Geburd meinr Gschäftsideä!», meint sie. «Was kann man denn überhaupt in fünf Minuten über eine Stadt sagen?», fragt der Interviewer verdutzt und Apolda antwortet so knapp wie souverän: «Fakten! Fakten! Fakten!»
Vorsichd, hier Hundehaufn!
Mit den Worten «Los geht’s» beginnen Ausschnitte aus einer von Apoldas Führungen: «Herzlich willkommen bei Munich to go, herzlich Willkommen in München», und dann hetzt sie durch die Stadtmitte, vorbei an der Frauenkirche, dem Kaufhaus Hertie, dem Dichterviertel, Mathäser-Weißbierkeller usw. Es folgen Stakkato-Ausführungen über München allgemein und über die Weißwurst im Speziellen; Nachfragen und Einwände werden gnadenlos abgewiesen – «Vorsichd, hier Hundehaufn!»
Das Stocken beim Nachdenken
Abschließend im Spurt zurück zum Ausgangspunkt, gespickt mit Architektonischem und Historischem über den Hauptbahnhof. Man kann das Ganze als Feature von hohem Tempo bezeichnen oder als Kurzreportage oder, wenn es Apolda gar nicht gibt, als Dokufiction. So oder so ist es zum Brüllen komisch.Hermann Bohlen hingegen nimmt in «Alles unter Kontrolle» das Tempo raus. Kunstvoll arrangiert er ein über zwölfminütiges Gestammel diverser Personen: «Also … äh», «das ist also…», «diese diffuse … äh, … Ungeduld»; «ja … irgendwie … wo alles plötzlich ganz anders ist»; man hört, wie Streichhölzer an einer Reibfläche entlang ratschen, und man vernimmt das Stocken des Sprechens beim Nachdenken.
Gute Kopfhörer empfohlen
Irgendwann werden die Sätze länger: «Ich sitze da und rauche eine Zigarette nach der anderen»; «Wenn man zu viel gefickt hat, wird man ja auch melancholisch im Gehirn»; immer wieder unterbrochen von Stöhnen und Ächzen. Wenn einer der Sprecher mehr redet als ein, zwei Sätze, erfolgt sofort der Schnitt zum nächsten, Monologe werden somit zu Dialogen – umrahmt von leiser Hintergrundmusik und hallenden Schritten. Die letzte Worte lauten: «Sozusagen … alles unter Kontrolle» – (ein Schrei). Es ist ein experimentelles Hörspiel von einer schwer greifbaren, weil dezenten Kraft.Egal welche Form die Stücke auf «pressplay» haben, man merkt rasch, dass diese fast ausnahmslos gelungene (zwei, drei Hörspiele ermüden ein wenig) Mischung aus Kunst und Unterhaltung derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung einfach zu kurz kommt. Das ist ungerecht, denn sowohl die Ideen der Autoren als auch die technische Umsetzung überzeugen, wobei gute Kopfhörer das Vergnügen noch erhöhen.
Man möchte zur Waffe greifen
Etwa beim perfekten Sound von Jens Jarischs Hörspiel «Die schriftliche Abteilung», in dem eine Frau bei einem namenlosen Unternehmen etwas zu beanstanden versucht und dabei von der Kundenbetreuungsstelle durch die Abteilungen weitergeleitet wird.Immer wieder muss die Kundennummer genannt werden, ständig muss das Problem neu geschildert werden, dazwischen die bekannten Warteschleifen («Bitte bleiben Sie in der Leitung»; «Leider sind unsere Kundenbetreuer derzeit alle im Gespräch»), neue Zuständige, am Ende wird die Kundin gebeten, ein Fax an eine Abteilung zu schicken, die sich der Sache dann vielleicht annimmt.
Es ist ein wahnwitziger fünfminütiger Irrlauf durch die anonyme Welt der Call-Center, dramaturgisch und tontechnisch auf höchstem Niveau realisiert. Man meint, man wäre mittendrin und möchte zur Waffe greifen, um dieser Art von Firmenkommunikation ein Ende zu bereiten. Wann konnte man so etwas zum letzten Mal von einem Fernsehfilm sagen?
Claes Neuefeind (Hg.): pressplay. Die Anthologie der freien Hörspielszene. Mairisch Verlag, Hamburg 2006. Mp3-CD, 274 Min., 14,90 Euro
Im Berliner «Tesla» (Podewil'sches Palais, Klosterstraße 68-70) findet am 20. November um 20.30 Uhr eine Releaseparty für die «pressplay»-CD statt.