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Kunst und Gespenster: 

Kalt da draußen, bunt hier drin

31. Okt 2006 07:43
Die Krückengang im Krankenhaus
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Das Unheimliche wohnt im Krankenhaus und spricht aus alten Fotos. Eine so intelligente wie unterhaltsame Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken fängt Gespenster ein, die uns nicht loslassen.

Von Ulrich Gutmair

«Früher kam man aus dem Krankenhaus nicht mehr raus», sagt Judith Hopf über ihre Arbeit. «Und heute kommt man nicht mehr rein.» Die Beobachtung ist präzis, und sie ist beispielhaft für das, was sich im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat, nämlich so ziemlich alles.

Die Disziplinargesellschaft konnte ihre Mitglieder gar nicht lang und perfekt genug einschließen in der Schule, im Zuchthaus, in der Fabrik oder im Irrenhaus, so die alte, und mit je größerem Abstand desto richtiger scheinende These Foucaults. Denn in der globalen Freihandelszone haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Keiner will mehr raus, alle wollen rein. In die Arbeitslosenversicherung, die Künstlersozialkasse, die Festanstellung, die Festung Europa - oder eben ins Krankenhaus.

Aber selbst mit Chipkarte ist das einfacher gesagt als getan. Es wird heute lieber ambulant behandelt, das ist zwar nicht wirklich billiger, hört man, und nur die Pharmaindustrie weiß, warum. Ironischerweise ist eben das der Grund, warum Judith Hopfs und Deborah Schamonis Film «Hospital Bone Dance» im Kreuzberger Urban-Krankenhaus gedreht werden konnte. Der Flügel steht derzeit leer.

Sowas behandeln wir hier nicht

Am Anfang von «Hospital Bone Dance» ist diese Szene zu sehen: Eine Frau mit Blessuren an den Armen und Händen steht am Empfang eines Krankenhauses. Ihr tut es hier weh, und da, und dort auch. Sie will einen Doktor sehen. Das würd' ich auch gern, antwortet die Oberschwester, gespielt von Judith Hopf. Aber: «Sowas behandeln wir hier nicht.»

Endlich eingeliefert: Szene aus 'Hospital Bone Dance'
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Am Ende muss die Kranke unverrichteter Dinge davonziehen, und die Situation gerät leicht aus der Kontrolle. Eine Krückengang tanzt durch die Flure, als wäre das hier ein R&B-Video, Mumien schlurfen hinter einem Pfleger her, die Oberschwester am Überwachungsmonitor stöhnt: «Das darf doch nicht wahr sein. Dieser Depp. Die finden doch nie zurück.» Der Geist der abgewiesenen Kranken klettert unterdessen durchs Fenster, während sie selbst sich von einem Auto überfahren lässt: Das muss doch zu schaffen sein, sich einliefern zu lassen.

«Hospital Bone Dance» ist so surreal wie lustig, und voller Anspielungen auf die neuere europäische Geistertradition, etwa Lars von Triers Krankenhausserie. Man kann die Gespenster, um die es hier geht, als Metapher auffassen für das Verdrängte und gesellschaftlich Ausgeschlossene, das uns je schrecklicher heimsucht, desto besser wir es verdrängt zu haben glauben. Wobei «wir» all jene meint, denen es zumindest für den Moment gelingt, drin zu bleiben, bevor sie der Unterdruck der Verhältnisse vielleicht doch ins kalte All saugt.

Die Medien ernst nehmen

«No Matter How Bright the Light, the Crossing Occurs at Night» heißt der, in sich nicht ganz logische, Titel der Ausstellung, die Anselm Franke in den Kunst-Werken zusammen mit den Künstlerinnen Judith Hopf, Natascha Sadr Haghighian und Ines Schaber entwickelt und kuratiert hat. Sie handelt von Gespenstern und vom Verschwinden, aber auch von der Sichtbarmachung des Unsichtbaren durch die Kunst.

Landschaft bei Boyers, Pennsylvania
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In «No Matter How Bright the Light» dominiert konsequenterweise eine leere schwarze Bühne den Raum, an die sich die Arbeiten von Hopf, Sadr Haghighian und Schaber anschmiegen. Sie symbolisiert den Ort möglicher Erscheinungen, oder vielleicht besser: die Leerstelle, die geschaffen werden muss, damit überhaupt etwas erscheinen kann. Sie verweist darüber hinaus auf den Umstand, dass das Ausstellungskonzept auf ungewohnt offensive Weise mit zeitbasierten Medien umgeht. Und das funktioniert.

Seit den Neunzigern sind Ausstellungen zu akustischen Folterkammern geworden, weil aus jeder Ecke ein anderer Soundtrack schallt. «No Matter How Bright the Light» findet eine so einfache wie verblüffende Lösung für dieses Problem: Die Ausstellung ist als Rundgang konzipiert, in dem jeweils eine Station die volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Läuft ein Film, ist es dunkel und rundherum still. Wenn es für einige Minuten wieder hell wird, lassen sich die stummen Arbeiten betrachten, und schon geht's weiter im Text.

Repräsentation zerstören

Vorher gilt es aber einen Korridor der Überwachung zu durchqueren, in dem Sadr Haghighian das Paradox vom Reden über das Verschwinden erfahrbar macht. Bei jedem Schritt durch die Schleuse direkt hinter der Garderobe, die den Anfang des Parcours markiert, lösen Bewegungsmelder Lichter aus. Man muss sich also ruhig verhalten, um eine an die Wand gebeamte Textpassage aus Kathy Ackers «Empire of the Senseless» im Dunkeln lesen zu können, die ihrerseits aber recht schnell an Leuchtkraft abnimmt. Ackers drastisches Anarchomanifest ruft zur Zerstörung aller Repräsentationen auf, die nicht dem Genuss dienen.

Auch eine zweite Arbeit Sadr Haghighians versendet Botschaften, denen der Besucher nun im Wege stehen muss, um sie zu entziffern: Jeweils zwei Begriffe, mit denen in «Empire of the Senseless» Menschen bezeichnet werden, sind auf einer Wand übereinander geblendet. Nur wenn eine der beiden Projektionen vom Rücken des Betrachters verdeckt wird, lässt sich der übrig gebliebene Begriff lesen. Unter den Paaren finden sich assoziative Verknüpfungen wie «Masters / Doctors», «Mother / Boyfriend» oder, ganz gespenstisch: «Friends / Dead People».

Die Assimilationsbeauftragte sagt Hallo

Aber erst ein Blick auf den Katalog macht klar, welchen ganz konkret politischen Aspekt der Angriff auf die Repräsentation hat: Ein hier abgedrucktes Gespräch Sadr Haghighians mit der Theoretikerin Nanna Heidenreich über die Rolle des Kopftuchs im deutschen Ausländerdiskurs kehrt immer wieder auf einen entscheidenden Punkt zurück: Nämlich, dass es nicht die Kopftücher muslimischer Frauen als solche sind, die sie zum Opfer gesellschaftlicher Exklusion werden lassen. Die Unsichtbarmachung von Muslimas mit Kopftuch ist bereits im Blick des Betrachters angelegt, der sich auch Muslimas ohne Kopftuch nur ausdrücklich als «ohne Kopftuch» vorstellen kann. Hinter dem Schleier, so die Schlussfolgerung Heidenreichs, ist immer nur ein Schleier zu finden.

Auch das gibt's: Abgeordnete Deligöz ist gegen Kopftücher
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So präzise das Gespräch in der Analyse des rassistischen Blicks ist, der die Diskussion über das Kopftuch oft beherrscht, so eigenwillig wird hin und wieder an anderer Stelle argumentiert. Da heißt es etwa verkürzend in einer Fußnote, die herrschende Migrationspolitik wolle unter dem Deckmantel der Integration jegliche weitere Einwanderung und Einbürgerung verhindern.

Wenn dem tatsächlich so wäre, könnte man sich jegliche Diskussion über die Politik der Assimilierung auch gleich sparen. Dabei spricht es für Ehrlichkeit, dass sich die so genannte Integrationsbeauftragte der Regierung mit ihren Kopftuchäußerungen vor kurzem als Assimilationsbeauftragte geoutet hat. Schade, dass diese Diskussion nur im Katalog, aber nicht in der Ausstellung selbst stattfindet.

Bilder aus dem Gestern

Dort ist am Ende des Rundgangs Ines Schabers komplexe, aber auf elegante Weise vielschichtige und leicht zu verstehende Arbeit «Picture Mining. The Lecture» zu sehen. An den Wänden lehnen großformatige Fotos, die Details einer postindustriellen Landschaft rund um die Kleinstadt Boyers in Pennsylvania zeigen.

Lange her, dass hier Kalk gefördert wurde
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Nur von Gras überwucherte Wege in unscheinbaren Landschaften, ein Förderturm auf einer Lichtung und ein Wegweiser deuten noch darauf hin, dass sich unter den Wiesen und Wäldern eine aufgelassene Mine von US Steel befindet. Erst im Video, in dem die Fotos erneut zu sehen und von einer Frau kommentiert werden, die als Ich-Erzählerin gewissermaßen eine Fiktionalisierung der Künstlerin darstellt, wird deutlich, dass das nicht die ganze Story ist.

Einst war Boyers eine florierende Minenstadt, heute arbeiten Hunderte von Menschen in den Stollen der Mine, die jetzt das streng bewachte Zentralarchiv von Bill Gates digitaler Bilddatenbank Corbis beherbergen. Schabers Kamera kann lediglich einen Blick auf einen Parkplatz mitten im Wald erhaschen. «I assume every fifth image we see comes from here», sagt die Erzählerin im Film. «What is mined here today are the images of yesterday.»

Traurig, böse, müde

Auch einige Fotos von Lewis Wickes Hine werden von Corbis vertrieben. Hine schoss im Auftrag des National Child Labor Committee vor knapp hundert Jahren heimlich Aufnahmen von Kindern, die unter erbärmlichen Bedingungen in ebensolchen Minen gar nicht weit von hier schufteten. Eine Serie von Hines, die den Ausgangspunkt von Schabers Überlegungen markiert, hat die Künstlerin neben ihre eigenen Fotos gehängt.

1911 hat Lewis Hine diese arbeitenden Kinder fotografiert
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Auf ihnen haben sich schmutzige Jungs mit traurigen, bösen und müden Blicken in schweren Stiefeln und Schiebermützen zu einem Gruppenbild des Elends versammelt. Mit einem der Jungen hat Hine persönlich Kontakt aufgenommen. Angelo Ross ist auf einem weiteren Foto allein auf einem Feld zu sehen.

Für Schaber ist diese Aufnahme der Schlüssel. Denn anders als die Kritik der Dokumentarfotografie es will, ist Ross für Schaber keineswegs ein Opfer, das zu sozialreformerischen Maßnahmen aufrütteln soll und so Bürokratien hervorbringt, die das Elend nur verwalten. Ross ist ein Individuum, das mit Hine, seiner Kamera und somit auch mit uns Nachgeborenen kommuniziert, als wäre seither kein Tag vergangen.

Eben das ist die unheimliche Kraft der Fotografie und der gespenstischen Präsenz des vergangenen, aber nicht vergehenden Augenblicks, den sie einfängt. Das Copyrightregime treibt die digitalen Ökonomien an und sorgt dafür, dass die Bilder in den Datenbanken von Corbis et al. allzeit zum Konsum bereit stehen. Doch gerade hier liegt die Ironie, glaubt Schaber: Denn die Suchmaske von Corbis, die dieses Bild aus ihrem historischen Kontext reißt, stellt möglicherweise den bestmöglichen Rahmen dar, um den unheimlichen, unerklärlichen Rest der Bilder zu aktivieren, der mit uns kommuniziert. Den Geist von Angelo Ross werden wir jedenfalls so schnell nicht mehr los.

No Matter How Bright the Light, the Crossing Occurs at Night ist noch bis zum 12. November in der Auguststraße 69 in Berlin Mitte zu sehen.

 
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