18. Dez 2006 07:45
Weisheit und List fließen in China, der kommenden Supermacht, ineinander über. Aber der Westen ist unfähig, eine List überhaupt zu erkennen, meint Harro von Senger.
Von Matthias DellFolgt man dem Titel seines neuen Bestsellers, so hat Gabor Steingart dieser Tage den «Weltkrieg um Wohlstand» erklärt. Die Parteien, die sich gegenüberstehen, sind «der Westen» und China. Es geht dabei vor allem Wirtschaftspolitik.
Wer mehr über die philosophischen Hintergründe des ungleichen Zweikampfs lesen will, muss Harro von Senger lesen. Der Schweizer Sinologe, der eine Professur an der Freiburger Universität innehat, beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Grundübel der westlichen Unterlegenheit gegenüber China.
Die Stufen der Listenwahrnehmung
Die zentrale Botschaft von Sengers Mission gründet sich auf das Buch der Kriegslisten des alten chinesischen Meisters Sun, das der Sinologie-Professor unter dem Titel «Die 36 Strategeme» ins Deutsche übertragen hat. Sie lautet: Der Westen hat keinen Sinn für die List, er ist «listenblind».
Während selbst ein kluger westlicher Mensch wie Machiavelli, auf den sich die Theorien des Politischen immer noch beziehen, maximal die zweite von drei Stufen der Listenwahrnehmung erreicht, springt schon jedes chinesische Kind mühelos aufs oberste Treppchen. Der Westler kann, «wenn es gut läuft», wie Professor von Senger einschränkt, «gerade noch feststellen», dass gegen ihn eine List angewendet wird.Anders als dem Chinesen, der die «36 Strategeme» gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen hat, fehlt dem Westler aber der terminologische Apparat, um diese List zu benennen. «Und was in der Sprache fehlt, fehlt im Denken», pflegt Professor in seinen zahlreichen Vorträgen in China wie in Europa lakonisch zu konstatieren. Dieser Mangel schlägt auf die Fähigkeiten unserer Wirtschaftsführer. Steingart: «Sie sind gutmütig und deshalb gefährlich. Sie wissen viel und sind dennoch unfassbar naiv.»
Den Tiger vom Berg in die Ebene locken
Schuld an dieser Treudoofheit hat, wenn man von Senger folgt, der vermaledeite westliche Glaube ans Gute. Der listenbewusste Chinese hat sich das Korsett der hinderlichen Moral nie überzogen. Er überlegt derweil lieber, welchen Anzug aus dem Fundus der Listen er diesmal anzieht: ein «Simulationsstragem» («etwas wird vorgespiegelt, was nicht vorhanden ist») oder ein «Ausmünzungsstrategem» («eine Konstellation wird hellwach erfasst und in ausgefallener Weise ausgeschlachtet»).
Und ein «Schadenspräventionsstrategem» zur vorsorgenden Abwehr einer List führt der Chinese sowieso bei sich wie unsereiner seine Haustürschlüssel.
Während der Westen rätselt, woran er bei China ist, murmelt China unentwegt das poetische Mantra der «36 Strategeme» vor sich her: «Die Zikade entschlüpft ihrer goldenen Hülle», «Auf das Gras schlagen, um die Schlange aufzuscheuchen» oder «Den Tiger vom Berg in die Ebene locken». Das führt, wie Harro von Senger in vielen Gesprächen erfahren hat, gar dazu, dass die Chinesen sich in Gegenwart tumber Westler wohler fühlen als unter Landsleuten, weil sie vom Stress befreit sind, ständig auf der Hut vor einer List sein zu müssen. Das Leben im strategembewussten China hat also auch seine Schattenseiten.
Was also ist zu lernen?
In der «bald 3000-jährigen» westlichen Geistesgeschichte habe «noch nie ... ein Philosoph die List, soweit bekannt, auch nur definiert», sagt von Senger. Selbst für Clausewitz, unseren Denker des Krieges, komme sie «allenfalls als letztes Mittel» zum Einsatz. Den Einwand, dass auch das Abendland durchaus einige Sprichwörter kennt, die den «36 Strategemen» nahekommen, lässt der Schweizer Sinologe nicht gelten. «Den Wind aus den Segeln nehmen», «der Wolf im Schafspelz»? Gewiss, aber es fehlt an einer systematischen Erfassung und wenn, dann «bin ich der erste, der das gemacht hat».
Aktuelle Belege für die Listenblindheit des Westens findet von Senger vor allem in den Medien. So zitiert er gern einen Satz, den er in der Wochenzeitung «Die Zeit» gelesen hat. Er bringt das Drama des listenblinden Westens auf den Punkt. «Wer von den Asiaten nicht lernt, kann auf dem Weltmarkt nicht mithalten», heißt es da. Das mag richtig erkannt sein, aber verschwiegen wird erneut, was überhaupt von den Asiaten zu lernen sei.
In solchen Momenten kann man ermessen, wie glücklich wir uns schätzen können, das Harro von Senger sich der «Bewusstmachung, Bekanntmachung und Ausleuchtung (...) dieser nicht ungefährlichen, von Europäern wegen ihrer List-Ignoranz oft dilettantisch gehandhabten Mini-, sehr oft aber auch Mega-Ressource» List verschrieben hat.
Man darf vielleicht sogar sagen: Hätten wir früher auf Harro von Senger gehört, wäre uns Gabor Steingarts Plädoyer für die Wiederbewaffnung erspart geblieben.
Harro von Senger: 36 Strategeme für Manager. Piper, 2006. 222 Seiten, 9,- Euro.