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Hat Habermas die Wahrheit verschluckt?

26. Okt 2006 12:56
November-Ausgabe von 'Cicero'
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In seiner Autobiografie schildert Joachim Fest, wie «einer der führenden Köpfe des Landes» einen ihn möglicherweise belastenden Zettel aus der Nazi-Zeit öffentlich verschluckt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass dieser «führende Kopf» Jürgen Habermas gewesen sei. Gerücht oder Ungeheuerlichkeit?

Von Jürgen Busche

«Eine Art Schadensabwicklung», notiert Joachim Fest süffisant gegen Ende seines Erinnerungsbuches «Ich nicht»: Zum Abschluss einer in Anonymität schwelgenden Passage wirkt das Wort wie ein Tritt mit dem Stiefel. Aber der Stiefel ist vergiftet.

Mit einem Zeitungsartikel, überschrieben «Eine Art Schadensabwicklung» hatte einst Jürgen Habermas den Historikerstreit eröffnet, der Fests Ansehen manchenorts erheblich beschädigte. Der Soziologe warf hier einer Reihe von Historikern vor, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschen Reichs derart in ein historisches Beziehungsgeflecht einzubringen, dass daraus eine Relativierung des Ungeheuerlichen abgeleitet werden könnte. Dagegen wehrten sich die Angegriffenen, auch Fest, zunftgemäß, aber sie hatten keine Chance, denn ihre Gegner argumentierten moralisch.

Dass Jürgen Habermas ein Schriftstück, das er in der Zeit vor 1945 an den späteren Historiker Hans-Ulrich Wehler geschickt hatte, Jahrzehnte später von diesem zurückerhielt und dann aufaß und herunterschluckte, wird seit langem als Gerücht kolportiert. Dass Fest die Geschichte vom verschluckten corpus delicti in einem Buch erzählt, dessen Titel schon auf seine – auch familiär bedingte – Distanz zu jedem Nazi-Klüngel vor und nach 1945 hinweist, erklärt sich aus der Biografie der Beteiligten, die Fest reizen konnte.

Niemand wird Habermas oder Wehler zur Last legen, dass sie als Schuljungen in einer NS-Formation organisiert waren. Aber als Habermas nach dem Krieg sein Studium der Philosophie abschloss, tat er dies mit einer Doktorarbeit bei dem durchaus nicht mit blütenreiner Weste dastehenden Erich Rothacker und bei Oskar Becker, dem einzigen Heidegger-Schüler, der Nazi wurde. Wehler begann seine Karriere als Historiker bei Theodor Schieder, der auch seinen Lebenslauf redigieren musste, um in der Nachkriegsuniversität nicht Anstoß zu erregen. Und schließlich war es Reinhart Koselleck, Bielefelder Kollege Wehlers und der Mann, der die Geschichte zuerst herumerzählte, ein Gelehrter, der Carl Schmitt, dem Kronjuristen des Dritten Reichs, bis ins Alter Dankbarkeit bezeugte und den er in Ehren hielt. Dies war das Umfeld, aus dem das Gerücht in die Öffentlichkeit gelangte.

Aber erst 2004 ging ein Philosoph aus Konstanz, Gereon Wolters, der vorgab, das Spezialverhältnis der deutschen Philosophie zum Nationalsozialismus, zumal nach dessen Ende zu untersuchen, mit Verve daran, dem Gerücht das Beschämende zu nehmen. Wolters gab seiner Studie den Titel «Vertuschung, Anklage, Rechtfertigung». Was er dazu generell anmerkt, ist hochtrabend und fehlerhaft, was er zu diesem oder jenem Hochschullehrer anführt, ist tendenziös und durch Auslassungen irreführend. In der Hauptsache geht es um Habermas, der als lupenreiner Held erscheint. Für das Bedenkliche der Promotion bei den alten Nazis kann Wolters auf «bislang unveröffentliche biografische Notizen» Habermas' verweisen, von deren Inhalt oder Tenor er jedoch nichts mitteilt.

Derart eingebettet nimmt Wolters' Darbietung dem Gerücht aber nicht seine Aussagekraft, sie gewinnt auf eigentümliche Weise. Er hat bei Wehler und Habermas schriftlich angefragt und beide haben ihm in Briefen geantwortet. Die Geschichte, die sich daraus ergibt, entspricht im Wesentlichen dem, was Koselleck erzählte.

Habermas, erst im Jungvolk, dann im Sanitätsdienst, hatte Wehler, wie er selbst in Gummersbach beheimatet, wegen mehrfachen Fehlens bei der Erste-Hilfe-Schulung eine «vorgedruckte Aufforderung zum Dienst überreicht». Diese hatte Wehler in seinem Tagebuch aufgehoben und Jahrzehnte später, nach einem Zusammentreffen der Ehepaare, bei dem man darauf zu sprechen gekommen war, an Habermas geschickt. Wiederum später, während eines gemeinsamen Urlaubs, hatte der Historiker sich nach dem Verbleib des Schriftstücks, bei Wolters als Zettel apostrophiert, erkundigt, und die Frau des Philosophen habe «die launige Antwort gegeben, ihr Mann habe sie verschluckt».

Damit ist der Kern der Geschichte bestätigt – sofern man das Wörtchen launig nicht als Hinweis auf etwas Fiktives nehmen will. In Heinrich Spoerls Roman «Die Feuerzangenbowle» verschluckt der Schüler Johannes Pfeiffer vor den Augen des inquisitorischen Lehrers einen Brief seiner Freundin Eva, damit nicht herauskommt, wer auf dem Blatt «großes E Punkt» ist. Frau Habermas hätte mithin einen Sachverhalt ironisch hochgejazzt, der in Wirklichkeit nur darin bestünde, dass die vorgedruckte «Aufforderung» nun verschwunden, irgendwie nicht mehr auffindbar sei, wozu auch.

Vom Schluss der Geschichte her erscheint das plausibel, von ihrem Anfang her nicht. Mag der Zettel auch zufällig in das Tagebuch des minderjährigen Wehler gelangt und dort verblieben sein, mag das Tagebuch auch alle Wirren überstanden haben. Wenn das Schriftstück nach so langer Zeit gesprächsweise wieder in Erinnerung kommen konnte, wenn es für wert befunden wurde, es dem ursprünglichen Absender eigens zuzuschicken, wenn sich der viel beschäftigte Geschichtsprofessor dann noch nach dem Verbleib erkundigte, dann hat wohl darauf mehr gestanden als nur das Vorgedruckte. Ob das so war und was das war, ist jetzt nicht mehr festzustellen. Das Blatt gibt es nicht mehr. Das ist zuletzt das entscheidende Moment.

Was könnte darauf gestanden haben? Gewiss kein Staatsgeheimnis, nichts, was die Gerichte beschäftigen müsste. Vielleicht nur ein Gruß – der «deutsche» Gruß: «Heil Hitler» und der Name des Absenders. Muss das unbedingt ausgelöscht werden?

Das mag eine Frage der Selbsteinschätzung sein. Die deutsche Philosophie – die ja nicht gleichzusetzen ist mit der Philosophie in Deutschland (Dieter Henrich) – hat ein Problem mit der Verstrickung einiger ihrer Besten in die Herrschaft der Nationalsozialisten. Dass Martin Heidegger als Nazi-Rektor in Freiburg ein Jahr lang im Sinne des Regimes, wie er es verstand, agierte, ist gemäß der Bedeutung, die er in der Philosophiegeschichte hat, einer der größten Skandale in den dreitausend Jahren Geistesgeschichte in Europa. Es war kein anderer als der junge Jürgen Habermas, der Anfang der fünfziger Jahre als einer der Ersten und mit Durchschlagskraft in der FAZ auf die Nähe von Heideggers Denken zu den Grundlagen der NS-Ideologie hinwies, nicht ganz zu Recht, aber mit Folgen, die heute noch spürbar sind. Man kann sogar den Verdacht anmelden, von Heidegger wäre heute etwas weniger die Rede, wenn es nicht immer wiederkehrend die empörten Hinweise auf diesen Skandal gäbe.

Solchen Hinweisen auf die eigene Person wenigstens materiell die Grundlage zu entziehen, mag wohl in einem panikartigen Anfall sinnvoll erscheinen – zumal dann, wenn man sich als Wegbereiter zu einer ganz anderen Welt der Philosophen versteht. Was die Leute lesen, ist und bleibt immer ihre Sache. Aber was sie vielleicht dereinst in einem Universitätsmuseum unter einer Vitrine bestaunen dürften, könnte ganz anders wirken: Siehe da, der also auch! Die nackte Gegenwart eines vermeintlichen Beweisstücks zählt mehr als das, was an Zeugnissen eines ganzen Lebens zu studieren ist.

Wie die Geschichte bei Fest steht und zuvor herumgereicht wurde, stimmt sie also wahrscheinlich nicht. Reduziert man sie, wie Wolters es tut, auf etwas Anekdotisches, so darf auch für sie gelten, was für manche Anekdote, die einen im Kern zutreffenden Vorgang mit böser Lust ausmalt, auch gilt: Wenn sie nicht wahr ist, so ist sie doch gut erfunden. Oder gefunden. In der von Wolters mitgeteilten Fassung der Geschichte verdeckt die Anekdote mit der Aufforderung zum Schmunzeln, was als bloße Tatsache zum Schmunzeln keine Veranlassung gäbe. Man kann dazu auch Joachim Fest aus seinem Italienbuch «Im Gegenlicht» zitieren, der dort die Maxime eines Berliner Freundes anführt: «Wenn eine Geschichte sich schon falsch ereignet hat, sollte man sie wenigstens richtig erzählen.»

Wir haben den Text der November-Ausgabe des politischen Magazins «Cicero» entnommen - mit freundlicher Genehmigung von «Cicero».


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