Walter Laqueur:
Auf dem Weg nach Eurabia
26. Okt 2006 07:50
 |  Walter Laqueur | Foto: Propyläen Verlag |
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Der Historiker Walter Laqueur sieht den Westen vom Islam bedroht und glaubt, dass nur Amerika den Kampf der Kulturen gewinnen kann. Europa sei schon längst ins Verderben geritten worden – von Imamen und Sozialarbeitern.
Von Sabine PamperrienGerade einmal zwei Jahre ist es her, dass Jeremy Rifkin das an sich selbst zweifelnde Europa mit seinem Buch «The European Dream. How Europe’s Vision of the Future is quietly Eclipsing the American Dream» (Der europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht) überraschte, in dem er den von Strukturproblemen geplagten alten Kontinent zum Vorbild einer neuen Weltordnung erklärte.
Diese neue Weltordnung werde gerechter sein, weil die europäische Arbeits- und Sozialpolitik humaner, die Lebensqualität der Europäer höher und alte Feindschaften überwunden sowie vorbildliche Formen des Miteinanders entstanden seien. Daraus ergebe sich eine moralische Überlegenheit gegenüber den USA.
Kein Weg zurück
Der neue Wirtschaftsraum sei der größte der Welt, doch die leise Supermacht setze auf Nachhaltigkeit und Ausgleich. Rifkins Thesen regten eine Debatte an, in der erstmals seit langer Zeit wieder über positive Impulse nachgedacht wurde, die von Europa ausgehen. Rifkins rosige Europa-Vision überzeichnete deutlich Vorzüge und vernachlässigte sträflich die Probleme Europas.Die entstandene Debatte hat nun einen der bedeutendsten Zeithistoriker zu einer vehementen Widerrede veranlasst. Der 85-jährige Walter Laqueur, 1938 aus Deutschland emigriert, in England und den USA lebend, einer der führenden Köpfe der Neokonservativen zum Beispiel im Washingtoner Think Tank «Center of Strategic and International Studies», hat soeben seinen Abgesang auf das alte Europa veröffentlicht. Europa habe sich vom Nabel der Welt zum Auslaufmodell entwickelt. Und seine Vision für Europa ist trübe: Es führt kein Weg zurück.
Der Professor und die Rapper
Ausgangspunkt für Laqueurs Analyse der europäischen Verhältnisse ist der demografische Niedergang der europäischen Bevölkerung und die damit einhergehende Veränderung der Bevölkerungsstruktur. Seiner Ansicht nach wird die eingeborene europäische Bevölkerung immer weiter von der ständig wachsenden Zahl Moslems verdrängt, die eine Integration in die europäische Kultur ablehnen und zugleich eine extreme Belastung der europäischen Sozialsysteme darstellen. Am Ende werde Europa zu Eurabia und Eurotürkei.Zur Erklärung seiner Vision des zukünftigen Europa führt Laqueur in einer kurzen Einleitung einen imaginären Besucher durch jene berüchtigten Vororte europäischer Großstädte, die im Laufe der vergangenen Jahre zu Ghettos für zugewanderte Moslems wurden. Dabei glänzt Laqueur wie in all seinen früheren Büchern durch enormes Detailwissen. Wer traute einem 85-jährigen Professor schon facettenreiche Kenntnisse der Rapper-Szenen und der Jugendkultur sowohl der Banlieus in Paris als auch Kreuzbergs und Birminghams zu?
Gescheitertes Multikulti
Faktenreich wird die ganz unterschiedliche Geschichte und Herkunft der moslemischen Parallelgesellschaften in Frankreich, Deutschland und Großbritannien beschrieben, ergänzt um kurze Hinweise zu Spanien und Italien. Keines der Modelle zur Integration, deren Erfolg Rifkin schon feierte, findet vor Laqueurs Augen Gnade.Die Franzosen mit ihrem laizistischen Ansatz und ihren Assimilationsbestrebungen sieht er ebenso gescheitert wie Briten und Deutsche mit ihren Träumen von einer konfliktlosen multikulturellen Gesellschaft.
Imame und Sozialarbeiter
Wie, um seinem bitteren Urteil noch mehr Nachdruck zu verleihen, ist im gesamten Text von sämtlichen Ereignissen und Europa nur noch im Präteritum die Rede. Die Vision der Vereinigten Staaten von Europa sieht er nach der Ablehnung der EU-Verfassung als endgültig gescheitert – und dem Einfall der Moslems preisgegeben.«Europa wurde als ein gigantischer Tummelplatz ausgewählt, weil es hier – im Unterschied zu allen anderen Teilen der Welt – nicht nur Sicherheit, sondern obendrein auch noch Sozialleistungen gab.» Dass Moslems geradezu dazu abgerichtet werden, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, wiederholt er mehrfach und macht als Anstifter nicht nur Imame sondern auch Sozialarbeiter aus.
Gewaltfreies Amerika?
Die gewaltsamen Ausschreitungen, die im November des vergangenen Jahres Frankreich in den Ausnahmezustand trieben, interpretiert er zwar als nicht religiös motiviert, mutmaßt aber eine spezielle Disposition zur Gewalt insbesondere bei Moslems. Dabei vergisst er die zahlreichen Gewaltexzesse, die sich andernorts in ganz anderen, auch problematischen Milieus ereignen:Straßenkämpfe nach Fußballspielen, 1. Mai-Krawalle oder auch die Rassenunruhen in Los Angeles 1992 mit 54 Toten und mehr als 1000 Verletzten oder die Plünderungen beim New Yorker Blackout. In den USA gehe es anders als in Europa nicht darum, dass eine bestimmte ethnische Gruppe die Oberherrschaft gewinne.
Europa ist ein leichtes Ziel
Und auch Terrorismus denkt Laqueur ausschließlich als Bestandteil moslemisch-ethnischer Subversion des Westens. Der nationalistische Terrorismus von ETA, IRA oder auch auf Korsika bleibt ebenso unerwähnt wie rechtsextreme Terrorakte. Hier fällt insbesondere auf, dass der Autor die Ereignisse vom 11. September 2001 für die ersten Terrorattacken auf amerikanischem Boden hält und die USA ansonsten frei von Terror.«Letztlich scheint Europa als Terrorziel ausgewählt worden zu sein, weil es leicht war, auf diesem Kontinent Rekruten zu finden, und weil man sich dort so leicht bewegen kann. In demokratischen Ländern herrscht eben Organisationsfreiheit. Gründe für solche Angriffe ließen sich immer finden.»
Schuld ist der moralische Relativismus
Auch hier bleiben die zahlreichen Angriffe rechtsextremer amerikanischer Terroristen unerwähnt: vom Ku Klux Klan bis zu den Bombenanschlägen von Salt Lake City und der ersten Attacke auf das World Trade Center. Hieraus ergibt sich eine höchst fragwürdige Hierarchisierung des Terrors, die unbedingt zu klären wäre.Ganz am Ende fasst Laqueur seine Befunde noch einmal zusammen: «Doch die europäischen Regierungen und Gesellschaften ließen es an kraftvollem Selbstbewusstsein fehlen; es gab kaum noch Nationalstolz. Ein kultureller und moralischer Relativismus hatte um sich gegriffen... Solche Gesellschaften waren nicht in der Lage, Neuankömmlingen Wegweisung und Orientierung zu bieten, waren sie doch in hohem Maße permissiv. Wer neu in diese Länder kam, musste den Eindruck gewinnen, man könne herrschende Gesetze und Normen ungestraft ignorieren. ... jetzt müssen die europäischen Gesellschaften damit leben.»
Muslimische Kernlande
Mit dem weiteren Rückgang der eingeborenen Europäer werden die sich stark vermehrenden Moslems beginnen, die Gesellschaften zu dominieren. Die Konsequenz liegt für ihn auf der Hand «Eurabia» und Eurotürkei – und überall wird es so aussehen wie jetzt nur in Berlin-Neukölln, in den Banlieus oder Bradford.Etwa zur Mitte des 21. Jahrhunderts könnten im Ruhrgebiet und im angrenzenden Holland erste muslimische «Kernlande» besichtigt werden. Historiker werden dann den Untergang Europas erforschen wie den Untergang Roms.
Leiser düpiert Jens
Walter Laqueurs Wirken erinnert daran, was für einen Verlust an Geist die Vertreibung und Vernichtung der Juden in Deutschland bewirkte. Er hat zahlreiche Bücher verfasst, die zu Standardwerken wurden. Der Gestus dieses Buchs ruft jedoch die Erinnerung an einen anderen Großen wach, der 1995 starb.
Der Dokumentarfilmer Erwin Leiser, der 1938 im Alter von 15 Jahren aus Berlin nach Schweden emigrieren konnte und später als Chronist deutscher Befindlichkeiten nach Deutschland zurück kehrte, düpierte vor vielen Jahren an einem 9. November bei einer Podiumsdiskussion im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den großen Moralisten Walter Jens.
Wo sind die Straßendiebe geblieben?
Gerade hatte Walter Jens bewegt die Namen einiger bedeutender jüdischer Intellektueller aufgezählt, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen und den unersetzbaren Verlust an jüdischem Geist für die deutsche Kultur beklagt, als Leiser ihm harsch ins Wort fiel. Der namenslose jüdische Straßendieb und die namenlose jüdische Prostituierte aus dem Scheunenviertel, die im Konzentrationslager umgebracht wurden, seien genauso zu betrauern und genauso Ausdruck einer Kultur gewesen.Er müsse zu bedenken geben, dass die Unterscheidung von Menschen in gesellschaftlich oder kulturell besonders wertvoll oder weniger wertvoll in ihrem Kern rassistisch sei. Vielleicht lag ja Rifkin mit seiner Vorstellung von moralischer Überlegenheit doch nicht so ganz daneben.
Walter Laqueur: Die letzten Tage von Europa. Ein Kontinent verändert sein Gesicht, Propyläen 2006, 254 Seiten, 19,90 Euro