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Unterschichten-Debatte: 

Das Diktat der Meritokraten

18. Okt 2006 11:09
Tortendiagramm zur FES-Studie
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Während mit Etiketten wie Unterschicht oder Prekariat eine große Bevölkerungsgruppe isoliert werden soll, fällt das Phänomen einer anderen abgehängten Spezies ins Auge. Die so genannte Leistungselite hat mit Chancengleichheit nicht viel am Hut.

Von Sabine Pamperrien

Das bahnbrechende Stichwort dieser Tage ist «Unterschicht». Die Gesundheitsreform und die heftigen Turbulenzen innerhalb der Großen Koalition sind aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Wieder einmal wies der investigative Bild-Journalismus den Weg in eine leidenschaftliche gesellschaftspolitische Debatte.

Am vergangenen Sonntag veröffentlichte die «Bild am Sonntag» die Ergebnisse einer noch nicht publizierten Studie der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung, aus der hervor gehe, dass inzwischen 8 Prozent der deutschen Bevölkerung verarmt seien und einer der Verwahrlosung preisgegebenen Unterschicht angehörten.

Den Blick auf die Fakten gespart

Hatte der SPD-Vorsitzende Beck an diese düstere Studie gedacht, als er in einem ebenfalls am Wochenende erschienenen Interview in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» unter dem Eindruck der Umstände des Todes eines Kindes in Bremen von wachsenden Unterschichtsproblemen gesprochen hatte?

Schnell wurde ein Schuldiger gefunden: Gerhard Schröder als Initiator des Hartz IV-Umbaus der Sozialsysteme trägt die Verantwortung für den sozialen GAU am gesellschaftlichen Rand.

Die Emotion schlug gleich so hoch, dass man sich den Blick auf die Fakten ersparte. Wäre tatsächlich Ergebnis der Studie, dass mit 6,5 Millionen Menschen acht Prozent der Deutschen in Armut leben müssen, wäre sie Beleg eines sensationellen Erfolges der Politik der vergangenen zwei Jahre. Der Armutsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2004 führte nämlich noch eine Zahl von 11 Millionen gleich 13,5 Prozent Arme auf.

Vordenker Schmidt

Das Phänomen «Unterschicht» wurde ebenfalls bereits 2004 diskutiert, nachdem der – um es einmal flapsig auszudrücken – zielgruppenorientierte Historiker Paul Nolte mit seinem Buch «Generation Reform» die PR für die einst so verpönte Klassengesellschaft übernommen hatte.

Jeder erinnert sich, wie Harald Schmidt mit seiner Wortneuschöpfung «Unterschichtenfernsehen» der Diskussion noch einmal richtig Zunder gab und den Großprivatsender ProSiebenSAT1 zumindest mittelbar zur Beauftragung der wissenschaftlichen Erforschung der Schmidt-These veranlasste.

Typen und Milieus

Den Kombattanten der aktuellen Unterschichts-Debatte ist beim Aufwärmen der Argumente ein weiteres Detail entgangen: in der Studie der Friedrich Ebert Stiftung geht es überhaupt nicht um Armut. Die Studie unter dem Titel «Gesellschaft im Reformprozess» zielt vielmehr darauf ab, heraus zu finden, welche Wertepräferenzen in der Bevölkerung vorliegen und welche Zuordnungen zu sogenannten politischen Typen diese Präferenzen erlauben.

Der für die Studie beim FES zuständige Abteilungsleiter Frank D. Karl fügte der Beschreibung hinzu, dass diese «politischen Typen» nach ihren Wertvorstellungen und Einstellungen zusammengestellt wurden, um zu klaren Aussagen über neue «politische Milieus» zu kommen.

Appetitlich oder nicht

Inzwischen hat die FES einen 100-seitigen Auszug der von Infratest durchgeführten repräsentativen Befragung publiziert. Die Untersuchung hat neun «politische Typen» ergeben. Die FES wies in einer ebenfalls veröffentlichten Erklärung weit von sich, den Begriff «Unterschicht» überhaupt benutzt zu haben. Tatsächlich führt die Studie den politischen Typus «abgehängtes Prekariat» in die Debatte ein. Weder in der Studie noch in der ersten Analyse sei der Begriff Unterschicht benutzt oder gedacht worden.

Ob Prekariat ein appetitlicherer Begriff ist als Unterschicht, sei dahin gestellt. Als Terminus Technicus beschreibt «Prekariat» die im Zuge der Globalisierung wachsende Gruppe von Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen. Immer mehr Menschen werden zu Jobhoppern, immer mehr mit längeren Phasen der Arbeitslosigkeit, die kaum mehr Alterssicherung und Vermögensaufbau zulassen. Das betrifft zunächst sowohl Gelegenheitsarbeiter als auch Künstler und Intellektuelle.

Natürlich gibt es ein Unterschichten-Problem

Das «abgehängte» Prekariat sind jene, die sich, so die Studie, gesellschaftlich im Abseits und auf der Verliererseite empfinden und ihre gesamte Lebenssituation als ausgesprochen prekär und von besonders starken Zukunftssorgen belastet finden. Ihre Einstellung zu Staat und Gesellschaft ist von der Vorstellung eines stark regulierenden Staates und dem Wunsch nach Chancengleichheit, aber auch ausgeprägter Ausländerfeindlichkeit geprägt, das Wahlverhalten bei höchstem Nichtwähleranteil überproportional oft radikal und protestgesonnen.

Insgesamt betrifft diese Zuordnung acht Prozent der Bevölkerung, wobei sich im Westen nur vier Prozent gleichsam selbst aufgegeben haben, im Osten aber 25 Prozent. Angesichts des längst bekannten Problems ist die jetzige Aufregung umso unverständlicher. Natürlich gibt es in Deutschland ein Unterschichten-Problem.

Ein interessanter Fehler

Aber es hat wohlmöglich weitaus weniger mit materieller Armut als vielmehr mit Perspektivlosigkeit zu tun. Alle regen sich über «Unterschicht» auf, gemeint ist aber eher der gute alte politische Typus «Lumpenproletariat», das schon Marx und Engels wenig menschenfreundlich ausgrenzten. Schon tönt es von «Asozialen» durchs Land. Oscar Lafontaines Frau ließ sich nicht lang bitten und verlangte nicht etwa Fördermaßnahmen, sondern Geburtenkontrolle, also quasi genetische Eindämmung.

Während Franz Müntefering und Ursula Engelen-Kefer noch wacker behaupten, es gebe keine Schichten in der deutschen Gesellschaft, hat die Wahrheit sie schon überholt. Der FES ist in ihrer Selbstdarstellung ein interessanter Fehler unterlaufen. In der Kategorie Gesellschaftlicher Status/Herkunft taucht «Unterschicht» nämlich dann doch – ganz unschuldig und nicht nur einmal – auf, sondern verbindet mit drei politischen Typen 26 Prozent der Befragten miteinander.

Durchlässigkeit organisieren

Das Seltsame der Debatte ist denn auch, warum der Begriff so viel Anstoß erregt. Natürlich gibt es in Deutschland Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft (Schelsky) blieb reine Theorie.

Das, was die freiheitlich und demokratisch organisierte Gesellschaft zu leisten hat, ist die Durchlässigkeit dieser Schichten. Und da wären wir wohl endlich beim springenden Punkt angekommen. Sämtliche politischen Typen der Unterschicht, nicht nur das abgehängte Prekariat, empfinden die Gesellschaft als wenig durchlässig und haben erhöhte Zweifel an der Demokratie.

Bildung, Bildung, Bildung

Wissenschaftler vertreten schon längst die These, dass die deutsche Gesellschaft sich inzwischen gänzlich dem für seine Undurchlässigkeit bekannten Klassensystem der Briten angenähert hat. In der allgemeinen Euphorie über die Erfolge des Thatcherismus wird oft vergessen, dass am Ende der Thatcher-Ära die Schere zwischen Arm und Reich im Vereinigten Königreich wieder auf den Stand des 19. Jahrhunderts zurück gefallen war und dort stagniert.

Der Leiter der FES-Studie wird mit den Worten zitiert, das, was der Selbstaufgabe einer ganzen Gruppe von Menschen entgegen wirken könne, sei Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Das benennt die OECD seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Voraussetzungen für sozialen Aufstieg. Und die OECD kam bei den PISA-Tests vor allem zum Ergebnis, dass in keinem anderen OECD-Land Kinder aus der Unterschicht vom Bildungssystem so benachteiligt werden wie in Deutschland. Beantwortet wurde das mit Eliteförderung und Exzellenzinitiativen.

Mythos Leistungselite

Desintegration müsste das Stichwort sein, über das zu sprechen ist. Und da fällt dann eben nicht nur das «abgehängte Prekariat» auf, das sich als außerhalb der Gesellschaft befindlich empfindet und verwahrlost, sondern auch jene 11 Prozent sogenannte Leistungsindividualisten, die sich in überdurchschnittlichem Maße von solidarischen und traditionellen Werten abgrenzen, jegliche staatliche Regulierung ablehnen und häufig die komplette Auflösung der Sozialsysteme anstreben. Zehn Prozent im Westen treffen hierbei auf 15 Prozent im Osten. Ihr Ideal ist eine Gesellschaft, die sich an Leistung orientiert.

Das klingt so gut und vorwärtsgewandt. Aber es gibt auch hier einen kleinen Schönheitsfehler. Michael Hartmann hat schon vor vier Jahren in einer groß angelegten soziologischen Studie nachgewiesen, dass es sich bei den sogenannten Leistungseliten um einen Mythos handelt. In der deutschen Gesellschaft gilt immer noch das Prinzip «gleich und gleich gesellt sich gern».

Nicht resozialisierbar

Nach «oben» gelangt immer noch viel leichter, wer über Beziehungen und Netzwerke seine Herkunft aus der Ober- und oberer Mittelschicht ausnutzen kann. Und ein solches System der Meritokratie ist per definitionem auf Abgrenzung nach außen ausgerichtet. Klar dann, dass Chancengleichheit ein Störfaktor ist.

Damit sind wir bei der Frage angelangt, wer ein Interesse an der aktuellen fehlgeleiteten Debatte hat. Paul Nolte und seine Jünger in der Klasse der Leistungsindividualisten haben längst Vorgaben gemacht: das abgehängte Prekariat soll als gegeben betrachtet werden. So, wie man im Strafvollzug von Nicht-Resozialisierbaren spricht, soll in diesen harschen Befunden eine ganze Bevölkerungsgruppe gleichsam allein gelassen werden. Selbst schuld, wird den Menschen suggeriert.

Die Armut ist nicht das Problem

Die FES-Studie hat also zwar eine «Drei-Drittel-Gesellschaft» ausgemacht. Das Gros der Bevölkerung, zu denen die Studie die Typen «Etablierte Leistungsträger», «Kritische Bildungseliten», «Engagiertes Bürgertum», «Zufriedene Aufsteiger» und die auch die «bedrohte Arbeitnehmermitte» zählt, steht jedoch immer noch auf dem Boden der demokratischen Ordnung für eine solidarische Gesellschaft und Chancengleichheit ein.

Nicht die Armut ist das Problem, sondern die sich aus mangelnder Solidarität ergebende Ausgrenzung. Und ein wenig auch, dass die Meritokraten derzeit das Sagen in der Bundesrepublik haben.

 
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