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Denis Johnson über Afrika: 

Das Entsetzen bleibt

16. Okt 2006 07:08
Denis Johnson
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«Kümmert es da draußen irgendwen?«, fragt Denis Johnson am Ende seiner literarischen Reportagen aus Afrika. Was er dort gefunden hat, ist im Sinne Joseph Conrads das Herz der Finsternis.

Von Maik Söhler

Massenmord, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Folter – wir kennen das. Oder besser gesagt: Wir glauben, das zu kennen. Aus Kriegsreportagen. Aus Bürgerkriegsreportagen. Aus dem Fernsehen. Aus dem Radio. Aus Zeitungen. Als Geschichte. Als Gegenwart. Vietnam hat gezeigt, dass Bestialität auch in der jüngeren Vergangenheit zur Kriegsführung moderner westlicher Staaten gehört. Bosnien hat gezeigt, dass so etwas auch mitten in Europa geschehen kann. Nicaragua, Kambodscha und der Kongo haben gezeigt, dass kaum ein Kontinent davon unberührt bleibt.

Und doch ragen aus den von Menschen verursachten Katastrophen immer wieder welche heraus. Etwa das Massaker an den Tutsi 1994 in Ruanda, das in nur zwei Monaten rund 800.000 Opfer forderte. Um so etwas anders als statistisch denken zu können, brauchen wir manchmal anschauliche Schilderungen, deren Autor im besten Fall etwas benennen kann, ohne das Gemetzel selbst gesehen zu haben.

Reales Afrika

Keith B. Richburg, ehemaliger Afrika-Korrespondent der «Washington Post», wählt in seinem Buch «Jenseits von Amerika» die Beobachterperspektive an der tansanisch-ruandischen Grenze: «Wir sahen auf die Uhr: ein bis zwei Leichen pro Minute. Und die tansanischen Grenzer sagten, das gehe nun schon seit Tagen so. Es waren die Opfer des Völkermords, der jenseits der Grenze in Ruanda wütete. Die Mörder töteten zu schnell, als dass man die Opfer ordentlich hätte begraben können. Es war leichter, sie in den Kagera-Fluss zu werfen, sie nach Tansania hinunter und schließlich in den Victoriasee treiben zu lassen.»

Die Schilderung des Realen endet, das Grauen bleibt.

Fiktionales Amerika

Ähnlich ist es in den Romanen und Storys des US-amerikanischen Dichters Denis Johnson. In «Engel» lesen wir die denkbar drastischste Beschreibung einer Massenvergewaltigung; «Fiskadoro» erzählt eindringlich vom gebrochenen Leben nach der atomaren Apokalypse; Johnsons Erzählungen sind voller Tod, Gewalt, physischer und psychischer Zerstörung.

In Johnsons Novelle «Train Dreams» findet der Protagonist eines Tages seine verschollene Tochter Kate wieder. Sie wuchs, nachdem sie verloren ging, in einem Wolfsrudel auf und wurde verstümmelt. Johnson wählt nicht die distanzierte Perspektive des Reporters, sondern schaut direkt in den Abgrund: «Ihre Augen blickten nur in blanker Furcht, wie die eines Wolfs. Starr. Starr und stumm. Es war Kate, aber nicht mehr Kate. Nicht-mehr-Kate lag auf der Seite, das linke Bein an die Hüfte gepresst; zersplitterter, blutiger Knochen ragte unterhalb des Knies heraus – ein erschöpftes Kind, das auf nur drei Beinen herumgekrochen war, weil es das vierte, zertrümmerte nachschleifen musste.» Die fiktionale Szene endet, das Entsetzen bleibt.

Realität trifft Fiktion

Nun ist im Berliner Tropen Verlag ein Buch erschienen, das die Ebene des grauenvollen Bürgerkriegsberichts mit dem schonungslosen Blick verbindet – Denis Johnson ist hier als Journalist unterwegs. Im Auftrag großer US-Magazine wie «Esquire» und «The New Yorker» reiste er Anfang der neunziger Jahre mehrmals in Krisengebiete und berichtete von dort. Drei dieser Reisen führten ihn nach Afrika, und die dabei entstandenen Reportagen finden sich jetzt in einem Band, der den passenden Titel «In der Hölle» trägt.

Charles Taylor
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Die Hölle befindet sich für Johnson in zwei Ländern: Liberia und Somalia. Dem westafrikanischen Liberia stattete er zwei Besuche ab. Den ersten 1990: Der Bürgerkrieg tobt seit einem Jahr und ist unüberschaubar geworden, weil die Staatsmacht zusammengebrochen ist und es an Kombattanten nur so wimmelt. Zwei Jahre später kehrt Johnson zurück, als sich der Warlord Charles Taylor zwar selbst zum Präsidenten ernannt hat, der Krieg aber in unverminderter Härte anhält.

Mordende Staaten

Nach Somalia fährt Johnson im Februar 1995, nur wenige Wochen, bevor die Uno nach wiederholten Massakern an Blauhelmsoldaten ihre Truppen endgültig aus dem Land abzieht. Sein Text «Ein Anarchisten-Führer durch Somalia» endet mit den Worten «Der Krieg ist vorbei», ausgesprochen vom nur ein Jahr später gestorbenen General Mohamed Aidid, der den 1991 begonnen somalischen Bürgerkrieg geprägt hat wie kaum ein anderer.

Von heute aus gesehen ist Aidids Satz «Der Krieg ist vorbei» ein Witz: in Somalia herrscht immer noch Bürgerkrieg; das Land ist in viele kleine Teile zerfallen, die von verschiedenen Milizen kontrolliert werden. Als Witz versteht ihn bereits Johnson. Er hat sich im benachbarten Äthiopien einem von Aidids Offizieren als Reisebegleiter angeschlossen und folgt diesem quer durch das verwüstete Somalia in die Hauptstadt Mogadischu. Lange passiert nichts, außer dass die Fahrzeugkarawane um Johnson sehr langsam vorankommt sowie Drogen und Geld den Besitzer wechseln.

Die Ankunft in Mogadischu schließlich fällt mit dem Abzug der UN-Truppen in eins. Wo Aidid triumphiert, hat Johnson schon längst resigniert. Er beklagt «jene Massenhalluzination der Menschheit: (…) dass die Regierungen, die in jedem Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts durchschnittlich eine Million Zivilisten getötet haben, anstatt sie, wie es angeblich ihre Absicht war, zu schützen und ihnen zu dienen, ihre Kriege irgendwann beendet haben.»

Bürgerkrieg in der Hölle

Johnsons Somalia-Artikel ist von vielen literarischen Passagen geprägt, inhaltlich bei den Reisebeschreibungen und dort, wo er über sich selbst schreibt; formal durch den ständigen Wechsel der Erzählperspektive zwischen erster und dritter Person Singular. Umso mehr gehören die beiden Liberia-Texte zum Genre der journalistischen Reportage.

Das gilt vor allem für die erste, «Bürgerkrieg in der Hölle», in der Johnson aus der Hauptstadt Monrovia über den Kampf um die Macht berichtet. Präsident Samuel Doe wurde gerade gestürzt und die einst verbündeten Rebellen Prince Johnson und Charles Taylor kämpfen unter Anwesenheit internationaler Beobachter um seine Nachfolge.

Musik und Terror

Nachdem die Beschreibung der Situation in Liberia mit luziden aktuellen und historischen Beobachtungen eingeleitet ist, nimmt der Reporter Denis Johnson an einer skurrilen Pressekonferenz des selbst ernannten Feldmarschalls Prince Johnson teil.

Sie beginnt als Creole-Reggae-Konzert, bei dem Prince Johnson singt und Gitarre spielt, und endet mit einem den Journalisten vorgespielten Video, auf dem zu sehen ist, wie er und seine Männer bei einem Verhör dem Ex-Präsidenten Doe die Ohren abschneiden, während dieser um Gnade bittet. Denis Johnson erzählt detailliert und distanziert zugleich, sein Text schließt mit den Fragen «Wo liegt Liberia? Kümmert es da draußen irgendwen?»

Die Kinderarmee

Die zweite Liberia-Reportage über «Die Kinderarmee» funktioniert anders. Von Beginn an setzt sich Johnson selbst in den Mittelpunkt – von seiner Ankunft im Nachbarland Elfenbeinküste, über den Grenzübertritt nach Liberia bis zum lange erwarteten Gespräch mit dem von seinen Kindersoldaten umringten Charles Taylor. Wie sein mittlerweile unterlegener Konkurrent Prince Johnson ist auch er ein Massenmörder, aber da das ohnehin jeder weiß, konzentriert sich Denis Johnson nur noch darauf, das Interview hinter sich zu bringen, um endlich das Land, das ihm als Hölle erscheint, verlassen zu können.

Diese für einen Roman typische Innenschau ist formal perfekt in die Reportage eingepasst, wodurch die Reportage von Anfang an weit über diese Textform hinausweist. Johnson hält die journalistische Distanz, die auch eine Distanz zu sich selbst ist. Er ist Akteur und Beobachteter gleichzeitig, treibt also die Handlung voran und berichtet neutral über ihr Scheitern. Die Objektivität des Krieges verschmilzt mit der Subjektivität des Autors. Die Realität muss dem Wunsch weichen, ihr zu entkommen, während der Wunsch, um sich erfüllen zu können, die Realität anerkennen muss. Es ist eine der besten Reportagen, die je geschrieben wurden.

Im Herzen der Finsternis

Das betont auch der deutsche Schriftsteller Georg M. Oswald in seinem kenntnisreichen Vorwort zum Buch. Er bettet Johnsons journalistisches Schaffen in biografische, religiöse (Johnson ist bekennender Christ), dichterische und zeitgeschichtlich-politische Bezüge ein, wobei er einen Aspekt besonders hervorhebt:

«In der angelsächsischen Literatur gibt es einen zentralen von einer Afrikaerfahrung berichtenden Text, auf den sich alle anderen nach ihm entstandenen beziehen wie die Planeten eines Sonnensystems auf ihren Fixstern. Die Rede ist von Joseph Conrads Heart of Darkness.» Johnsons «Kinderarmee» ist der Planet, der dem Fixstern am nächsten steht.

Denis Johnson: In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt. Mit einem Vorwort von Georg M. Oswald. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Tropen, Berlin 2006. 184 Seiten, 18,80 Euro.

 
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