27.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«Opernchefin ermutigt zum Diktat des Terrors»
Die westliche Kultur habe ein Recht auf «Geschmacklosigkeiten», meint der Historiker Wolffsohn. Das gelte auch für die Inszenierung der Mozart-Oper «Idomeneo». Der Publizist Broder sprach dagegen von einem verhunzten Stück.
Von Dietmar NeuererDie Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, hat nach Absetzung eines Mozart-Stückes aus Angst vor islamistischen Anschlägen nach Ansicht des Historikers Michael Wolffsohn Terroristen in die Hände gespielt. «Frau Harms dokumentiert, dass sie, obwohl für Kultur zuständig, den Geist unserer Kultur nicht verstanden hat», schreibt Wolffsohn in einem Gastbeitrag für die Netzeitung. «So ermutigt man zum Diktat des Terrors, des geistig-geistlichen und weltlich-gewaltsamen Terrors.»
Ähnlich äußerte sich die Vize-Fraktionschefin der Liberalen im Europäischen Parlament, Silvana Koch-Mehrin (FDP). «Terroristen können das als klaren Erfolg für sich verbuchen, weil sie sehen, dass sie mit ihren Drohungen solche Konsequenzen hervorrufen können», sagte Koch-Mehrin der Netzeitung.
Koch-Mehrin, die auch dem FDP-Präsidium angehört, kritisierte die Entscheidung der Opern-Intendantin Kirsten Harms scharf. «Ich finde es ausgesprochen dumm, erst ein Stück in den Spielplan aufzunehmen, um dann hinterher zu sagen, wir setzen es wieder ab, weil wir bestimmten Leuten damit auf die Füße treten könnten», sagte sie. «Das spricht nicht gerade für das Kunstfreiheit-Verständnis der Opernleitung.»
«Recht auf Geschmacklosigkeit»Wolffsohn vertrat die Auffassung, dass man die Darstellung von enthaupteten Köpfen zwar als «Schnapsidee» des Regisseurs Hans Neuenfels sehen könne. Doch auch das «Recht auf Geschmacklosigkeit» gehöre zur «Faszination» der westlichen Kultur. «Wenn sich Kulturamtsträger Kulturinhalte von Kulturlosen und Terroristen, gleich welcher Herkunft, oder Religion vorschreiben lassen oder glauben, erahnen zu müssen, was diese wollen könnten - ist die Kultur am Ende», warnte Wolffsohn. «Denn Kultur ist zugleich das Eine und dessen Gegenteil, alles ist in ihr und durch sie möglich», betonte er. «Ohne Vielfalt, einschließlich Geschmacklosigkeiten und Perversitäten, keine Kultur, zumindest keine westliche.»
Der Publizist Henryk M. Broder warf dagegen dem Regisseur der Inszenierung vor, das Stück «verhunzt» zu haben. «Die Geschichte mit den abgeschlagenen Köpfen kommt bei Mozart gar nicht vor, das ist typisches Regietheater, das ist der Skandal», sagte Broder der Netzeitung. «Wenn es aber andererseits nur darum ginge, dass in dem Stück die Köpfe von Poseidon, Buddha und Jesus abgeschlagen würden, hätte sich keiner aufgeregt und es hätte auch keine Gefährdungsanalyse des LKA gegeben.»
Wolffsohn warf indes Intendantin Harms «einen Akt vorauseilenden Gehorsams» vor, weil sie seiner Ansicht nach eigenmächtig handelte. Das Berliner Landeskriminalamt habe ja «offenbar auch nicht vorgeschlagen oder verlangt, die Inszenierung abzusetzen», schreibt der Historiker.
Broder erklärt sich die Absetzung der Oper mit dem Umstand, dass in der seit Monaten geführten Integrationsdebatte «nicht von den Asiaten, auch nur selten über die russischen Spätaussiedler» gesprochen werde, sondern als «einzige Problemgruppe» die Moslems auftauchten. Weil es aber «politisch nicht korrekt» sei, eine Gruppe beim Namen zu nennen, werde das Problem generalisiert, erläuterte der Publizist.
Das gelte nun auch für den Fall der Oper, so Broder. «Es ist undenkbar, dass ein Opernstück abgesetzt worden wäre, weil sich irgendeine Religionsgruppe beleidigt fühlt – außer es sind die Moslems», sagte er. «Denn diese Beleidigung geht immer mit einer manifesten physischen Bedrohung Hand in Hand, und der möchte man sich nicht aussetzen.» Broder: «Undenkbar, dass Christen, Buddhisten oder Juden durch die Stadt rasen und Puppen anzünden und Flaggen verbrennen.» Bei den Moslems habe man sich dagegen «inzwischen daran gewöhnt und halten das sozusagen für einen selbstverständlichen Ausdruck ihrer kulturellen Identität».
Die Deutsche Oper Berlin hatte am Montag bekannt gegeben, die für den 5. November geplante Wiederaufnahme von «Idomeneo» für November aus dem Spielplan zu nehmen. Zur Begründung führte Intendantin Kirsten Harms an, bei den Berliner Sicherheitsbehörden seien «nach deren Einschätzung durchaus ernst zu nehmende Hinweise» eingegangen, dass Szenen der Inszenierung, die sich auch mit dem Islam auseinander setzten, derzeit ein unkalkulierbares Risiko für das Haus darstellten. Neuenfels lässt in der Inszenierung den kretischen König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed präsentieren.