netzeitung.deOhne Perversitäten keine Kultur

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Mozart-Oper 'Idomeneo': Das Probenfoto vom 11.03.2003 zeigt Idomeneo, wie er die abgeschlagenen Köpfe der 'Religionsführer' auf Stühlen drapiert (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Mozart-Oper 'Idomeneo': Das Probenfoto vom 11.03.2003 zeigt Idomeneo, wie er die abgeschlagenen Köpfe der 'Religionsführer' auf Stühlen drapiert
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Historiker Wolffsohn hält die Absetzung einer Mozart-Oper in Berlin aus Angst vor islamistischen Anschlägen für falsch. Der zuständigen Intendantin wirft er vor, «den Geist unserer Kultur nicht verstanden» zu haben.

Von Michael Wolffsohn

Geschmackloser geht es kaum: Aus einem blutigen Sack werden am Ende der Mozart-Oper «Idomeneo» die enthaupteten Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed hervorgezaubert. Nicht Mozart hatte diese Schnaps-, genauer Blutsidee, sondern Hans Neuenfels für seine bereits im Jahre 2003 präsentierte Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin. Getreu dem Motto: «Und fällt dem Esel nichts mehr ein, dann fällt ihm Sex und Blut noch ein.» Doch auch daran hat sich der «dekadente Westen» längst gewöhnt. Gelangweilt gähnen wir uns nach der Aufführung nach Hause.

Neuenfels' «Idomeneo» ja oder nein - das ist nicht die Frage um westliche Seinsgründe. Hier ringen wir nicht um unsere westlichen Ideale. Und dennoch: Zur Faszination unserer westlichen Kultur, einschließlich ihrer unbestreitbaren Dekadenz, gehört das Recht auf Geschmacklosigkeit und Irrtum. Kein Landes- oder Bundeskriminalamt ist für dieses Problem zuständig. Folgerichtig hat das Berliner Landeskriminalamt offenbar auch nicht vorgeschlagen oder verlangt, die Inszenierung abzusetzen. Einen Akt vorauseilenden Gehorsams hat Kirsten Harms, die Intendantin der Deutschen Oper, vollzogen.

Wenn sich Kulturamtsträger Kulturinhalte von Kulturlosen und Terroristen gleich welcher Herkunft oder Religion vorschreiben lassen oder glauben, erahnen zu müssen, was diese wollen könnten - ist die Kultur am Ende. Denn Kultur ist zugleich das Eine und dessen Gegenteil, alles ist in ihr und durch sie möglich. Ohne Vielfalt, einschließlich Geschmacklosigkeiten und Perversitäten keine Kultur, zumindest keine westliche.

Frau Harms dokumentiert, dass sie, obwohl für Kultur zuständig, den Geist unserer Kultur nicht verstanden hat. So ermutigt man zum Diktat des Terrors, des geistig-geistlichen und weltlich-gewaltsamen Terrors. Vielleicht sollte man die Deutsche Oper umbenennen - in «Schilda-Oper». Die Schildbürger waren nur harmlos. Weiß Frau Harms was sie tut?

Michael Wolffsohn, 1947 in Tel-Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politik- Wissenschaftler. Er lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.