Herman & Co.:
Rabenmütter gibt es nur in Deutschland
19.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Fast genau ein Jahr ist es her, dass die «Zeit»-Redakteurin Susanne Gaschke mit dem flott geschriebenen Buch «Die Emanzipationsfalle» die umstrittene These in die Welt setzte, die Emanzipation der Frauen sei der Grund für das Sinken der Geburtenziffern in Deutschland: Die Emanzipation habe den Drang in Ausbildung und Beruf gefördert. Und je besser ausgebildet und erfolgreicher im Beruf die deutsche Frau sei, umso fortpflanzungsunwilliger werde sie.
Gaschkes Buch wurde in allen großen Feuilletons besprochen und in seiner Bestandsaufnahme deutschen Frauenlebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts als überaus treffend gelobt. Allerdings hielt bis hin zur «FAZ» niemand die Begründungen und die daraus hergeleiteten Vorschläge zur Bewältigung des Bevölkerungsrückgangs für realistisch. Eva Herman hat sich nun für ihr «Eva-Prinzip» eine weitere Zuspitzung der Gaschke-Thesen ausgedacht. Die fundierte Feminismus-Kritik der «Zeit»-Autorin verkürzte die Nachrichtensprecherin auf die simple These, der Platz der Frau sei im Haus.
Sowohl Spanien, Italien, Griechenland, als auch fast alle neuen EU-Mitgliedsstaaten liegen hinter der deutschen Geburtenziffer. Prognosen, die vom Aussterben der Deutschen im Jahr 2100 sprechen, bezeichnet der Statistiker Professor Gerd Bosbach daher als «bestenfalls Kaffeesatzleserei, im schlimmsten Fall schlichten Unsinn».
Vor diesem Hintergrund wird dann besonders interessant, dass Journalisten wie Herman nun für eine allenfalls dem Spekulativen zuzuordnende Bedrohung die Schuldigen suchen. Plötzlich sind es die Frauen selbst, die das bevorstehende Aussterben der Deutschen zu verantworten haben, insbesondere jene, die gut ausgebildet in guten Berufen arbeiten.
Herman wiederum verlangt rigoros die Rückkehr zur «eigentlichen Natur» des Weiblichen. Längst vergessene Thesen des Radikalfeminismus der frühen siebziger Jahre werden von ihr bemüht, um mittels eines uralten Feindbildes die real erreichte Chancengleichheit von Mann und Frau erneut zu einem Geschlechterkampf umzudefinieren. Dass dieser sich aber schon in den Siebzigern fast ausschließlich in den Medien zutrug, bleibt selbstverständlich unerwähnt.
Staunend kann man bei Herman lesen, dass arbeitende Frauen hormonell vermännlichten. Parallel dazu verweiblichten verschreckte Männer und liefen den herrischen Frauen scharenweise davon. Haben diese entweiblichten Frauen «ihr wahres Selbst verleugnende Opfer des Emanzipationswahns», so Herman aber wider Erwarten Kinder, ist es auch nicht recht: Herman bastelt sich nämlich aus allerlei verhaltensbiologischen Beobachtungen die These zurecht, Kinder solcher Rabenmütter wüchsen zu beziehungsunfähigen Erwachsenen heran.
Interessant wird es, wenn es gilt, daraus die richtigen Schlüsse auch für die demografische Entwicklung zu ziehen. Denn zwischen Emanzipation und Demografie besteht in den Industrieländern tatsächlich ein Zusammenhang.
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat im Jahr 2005 eine europaweite Studie zum Phänomen des so genannten ökonomisch-demografischen Paradoxons vorgelegt: Warum sinken in den westlichen Industrienationen die Geburtenzahlen, obwohl die Menschen sich bei steigendem Wohlstand mehr Kinder leisten könnten? Da die Geburtenziffern in den europäischen Ländern stark differieren, wurde in der Studie eine differenzierende Analyse erarbeitet. Insbesondere wurde hinterfragt, ob die Emanzipation der Frauen eine besondere Rolle spielt.
Das Fazit der Studie besagt, dass die Geburtenraten dort am meisten zurückgehen, wo Frauen zwar weitgehend emanzipiert sind, der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt. In Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frau anerkannt und unterstützt wird, werden hingegen die meisten Kinder geboren. Nach Spanien, Italien und Griechenland ist Deutschland das frauenunfreundlichste und deshalb kinderärmste Land Europas.
Ein weiteres Argument für den Rückgang der Kinderzahlen wird in der Studie entkräftet: Stabile Ehen sind durchaus nicht Voraussetzung für reichen Kindersegen. Denn auch die Scheidungshäufigkeit ist ein Indikator für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wo Frauen die Möglichkeit haben, im Fall einer Trennung finanziell unabhängig von ihrem männlichen Partner zu existieren, muss der Kinderwunsch nicht unterdrückt werden. In Ländern mit einem höheren Anteil außerehelicher Geburten kommen daher sogar generell mehr Kinder zur Welt.
Und trotzdem zeigt jedes der Portraits, dass in Deutschland die Uhren noch anders ticken als in den wirklich modernen westlichen Ländern, deren Bewohner gern Kinder in die Welt setzen. Professor Constance Scharff etwa musste nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nach Jahren in den USA und Frankreich erst einmal lernen, dass es hierzulande noch längst keine Selbstverständlichkeit ist, was in den anderen Ländern nicht einmal mehr problematisiert wird: die arbeitende Mutter.
In anderen Sprachen gibt es nicht einmal ein Wort für den deutschen Terminus «Rabenmutter». Auf deutschen Spielplätzen hingegen müssen sich berufstätige Mütter noch immer vor deutschen Hausfrauen für ihren «Egoismus» rechtfertigen. Und nun werden sie auch noch von einer «Tagesschau»-Sprecherin diszipliniert. Das Resultat dürfte im schlimmsten Fall ganz gegen die Intention von besorgten Müttern wie Herman ausfallen: noch mehr Frustration, noch weniger Kinder.

