Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

11. September: 

«Am schlimmsten ist der Terror der Regierenden»

11. Sep 2006 07:23
Thomas Macho
Bild vergrößern
Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho erläutert der Netzeitung, warum der 11. September zum Gedenktag taugt, nicht aber Hurrikan «Katrina». Und warum die größte Bedrohung nicht vom Terrorismus ausgeht.

Netzeitung: Warum heißt es eigentlich immer 'Der 11. September' und nicht etwa 'der Tag, an dem die Flugzeuge im World Trade Center und Pentagon einschlugen'? Wie ist es zu dieser Formelhaftigkeit gekommen?

Thomas Macho: Ereignisse, denen die Bedeutung zugeschrieben wird, dass sie Epoche machen oder eine Zeitenwende markieren, werden häufig als Daten codiert. Das Datum betont den Ereignischarakter – es zeigt, dass das, woran wir uns erinnern, bis auf Sekundenbruchteile und auf genaueste Raumkoordinaten hin bestimmt werden kann.

Netzeitung: Am heutigen Montag jährt sich der 11. September zum fünften Mal. Wie erklären Sie sich das riesige öffentliche Interesse an diesem ersten runden Jahrestag?

Macho: Zunächst einmal ist ein fünfter Jahrestag natürlich noch nicht sehr rund, er ist allenfalls halbrund. Wir sind ja daran gewöhnt, alles was eine Null am Ende hat, für rund zu halten. Das ist übrigens noch gar nicht sehr lange so. Erst unter Napoleon wurden Maßsysteme auf die Dezimalordnung umgestellt, etwa im Geldwesen, bei der Flüssigkeits-, Längen- oder Gewichtsmessung.

Diese Ordnungen widersprechen aber unserem Kalendersystem, das ja bekanntlich nicht auf die zehn, sondern auf die zwölf abstellt. Auch haben wir erst vor etwa dreihundert Jahren damit begonnen, Jahrhunderte als Einheiten für Epochen zu begreifen.

Netzeitung: Mit den Bildern, die an den 11. September erinnern, scheint sich eine Veränderung abzuzeichnen. Wurde der Einschlag der Flugzeuge zunächst in einer medialen Endlosschleife abgespult, richtet sich der Blick nun zunehmend von ihnen weg, nämlich zur Seite oder nach unten. Jüngstes Beispiel: Oliver Stones Film «World Trade Center», der nur den Schatten eines anfliegenden Flugzeugs zeigt, nicht aber die Kollision selbst. Haben wir es hier mit einem Bilderverbot zu tun, das eine sakrale Aufladung des katastrophalen Geschehens bewirkt?

Macho: Es sieht ja im Moment ganz so aus, als würde der 11. September zu einem globalen Gedenktag aufsteigen. Ein Gedenktag muß aber aus der Opferperspektive legitimiert werden. Es kann nur eine Erinnerung der Opfer geben und nicht eine Memorialisierung des Unfalls. Sonst hätten wir zum Beispiel längst einen Challenger-Park. Als es die Raumfähre 1986 in der Luft zerrissen hat, war das ja auch ein hinreichend spektakuläres Ereignis.

Ich halte daher die Umschreibung der Bilder, von der Sie sprechen, für notwendig. Sie macht den 11. September zum Synonym für eine Bedrohung, aber auch für einen fortdauernden Krieg. Man muss das Geschehen aus der Perspektive der Opfer, also von unten zeigen. Vermutlich geht es hier aber weniger um ein Verbot der Bilder, die sich durch stete Wiederholung sowieso schon tief in unsere Erinnerung eingebrannt haben, als um eine Relativierung des Spektakels.

Viel ist ja bereits darüber gesagt worden, wie sehr die Katastrophe dem Szenario eines Hollywood-Blockbusters glich, und über dieser Faszination drohten tausende Opfer leicht in Vergessenheit zu geraten. Insofern ist es konsequent und notwendig, diese Verschiebung vom Unfall auf die Wahrnehmung der Opfer zu vollziehen.

Netzeitung: Sie sprechen vom Unfall. Geht es aber nicht vielmehr um die Täter, die zugunsten der Opfer aus dem Blick genommen werden? Also darum, nicht der Faszination für eine Tat zu erliegen, die ja aus Sicht der Terroristen als überaus gut gelungen erscheinen muss?

Macho: Ich spreche sehr bewusst vom Unfall, da ja die ganze Choreographie des Anschlags das Bild des großen Unfalls zitierte. Es war ja nicht nur so, dass man in den ersten Augenblicken von einem solchen Unfall ausging; auch danach glich die Rezeption des 11. Septembers der Rezeption von Unfällen. Das Katastrophale der Anschläge wurde beinahe ausschließlich im Zusammenhang mit den Möglichkeiten von Technologien diskutiert.

Vergleichen Sie diesen Fall nur einmal mit dem Hurrikan «Katrina». Der hat ja auch viele Opfer gefordert und wird wohl trotzdem niemals zum Gedenktag avancieren. Bei einer Naturkatastrophe weiß man eben auch nicht, gegen wen man im Anschluss Krieg führen soll. Die Natur selbst kommt kaum in Frage, und im Fall von «Katrina» auch nicht die Verursacher des Klimawandels, denn da müsste man im eigenen Land beginnen.

Daher wird «Katrina» rasch vergessen und von den Medien höchstens am Rande gelegentlich in Erinnerung gerufen. Niemand von uns würde spontan sagen können, wann die Katastrophe genau stattgefunden hat, denn sie ist als Datum, als Ereignis, nicht genau fixiert. Das ist der klassische Typus der Naturkatastrophe.

Der Unfall markiert hingegen die Technikkatastrophe, und die wird datiert. Bei Tschernobyl etwa sind die Aussichten, dass man den Zeitpunkt auch in zwanzig Jahren noch erinnern wird, relativ günstig. In der Art und Weise, wie sie mediale Aufmerksamkeit erzeugt, ist Tschernobyl dem 11. September sehr ähnlich.

Netzeitung: Der Kalender hängt also eher mit Technologie zusammen als mit Natur.

Macho: Das glaube ich schon. Auch weil Technologie besser auf ein Täter-Opfer-Schema passt als die Natur. Ein Hurrikan kann kein Täter sein.

Netzeitung: Nun wird die Sicherheitsbedrohung am 11.9.2006 allgemein als besonders prekär eingeschätzt. Dem liegt die noch unbewiesene Unterstellung zugrunde, dass islamische Terroristen nicht nach pragmatisch-taktischen Überlegungen, sondern im Gedenktagsturnus zuschlagen. Glauben Sie, dass das Datum tatsächlich auf diese Weise allgemeinverbindlich ist?

Macho: Es gab ja diese Spekulationen über die Anschläge in Madrid (am 11. März 2004), dass ihr Datum in einem Teilungsverhältnis zum 11. September stehe. Dann müsste man befürchten, dass sich auch die Terroristen auf das christliche Kalendersystem beziehen. Das ist aber insofern paradox, als ja die islamische Zeitrechnung die einzige ist, die sich bis heute erfolgreich gegen die Hegemonie des christlichen Kalenders zur Wehr gesetzt hat – und weitgehend sogar gegen die Hegemonie eines Sonnenkalenders, denn faktisch ist der christliche Kalender ja noch immer ein Sonnenkalender.

Auch der jüdische Kalender, der einmal aus Protest gegen den ägyptischen Sonnenkalender als Mondkalender konzipiert wurde, ist seit dem vierten Jahrhundert nach Christus zumindest ein Lunisolarkalender. Das heißt, in ihm sind der Lauf von Sonne und Mond synchronisiert. Einzig der Islam erhält den Mondkalender weiterhin aufrecht, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt, etwa die vielen Wanderfeste. Wenn islamische Terroristen den christlichen Kalender trotzdem in ihre Überlegungen integrieren sollten, gehört das zur Anschlagsstrategie ebenso dazu wie das Zitat von Hollywoodfilmen.

Und dennoch rechne ich nicht damit, dass der nächste Anschlag jahrestagsgerecht geplant wird. Dagegen sprechen einfach zu viele pragmatische Gründe, wie etwa die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

Netzeitung: Zuletzt hatte sich vor dem Jahrtausendwechsel eine apokalyptische Stimmung breitgemacht. Es sprangen aber dann nur einige Ziffern von Neun auf Null. Die Katastrophe vom 11. September kam hingegen buchstäblich aus heiterem Himmel und verursachte eine andere große Null: Ground Zero. Hat er nicht letztlich nachträglich eine latente millennaristische Erwartung eingelöst?

Macho: Eine millennaristische Erwartung lebt ja davon, dass sie das Datum vor sich und nicht hinter sich hat. Und so generierte sich das Jahr 2000 eben tatsächlich durch den Umschlag von Neunen in Nullen. Übrigens hängt auch der Millennarismus historisch mit der Einführung der Jahrhundert- und Jahrtausendrechnung zusammen, von der wir schon sprachen. Noch im Mittelalter bestand daher das Problem, dass man sich nicht auf verbindliche Apokalypsedaten einigen konnte.

Beim Millennium hatte man aber einen klar definierten Datumswechsel vor sich, und so ließen sich Ängste und Panikgefühle im Vorfeld auch gut schüren. Das ging beim 11. September natürlich nicht, weil das Geschehen keiner Ziffernlogik folgte, und, weil es völlig überraschend kam, auch keine Erwartungen eingelöst hat. Erst im Nachhinein hat dieses Ereignis die Rechtfertigung für die Orientierung an seinem Datum geliefert und dafür gesorgt, dass es für eine ständige Bezugnahme festgehalten wurde.

Netzeitung: Es war oft davon zu hören, dass die Welt nach dem 11. September nicht mehr dieselbe sei, dass man nun in ein neues Zeitalter eingetreten wäre und so weiter. Soll nicht hier tatsächlich abseits der kalendarischen Ziffernlogik eine neue Zeitrechnung etabliert werden?

Macho: Jedes Datum – das gilt übrigens für Individualbiografien wie für politische Epochen – kann später als ein Zeitumschlagspunkt zitiert werden. Und das funktioniert immer als Referenz auf den christlichen Kalender, weil er der erste war, der seinen Bezugspunkt nicht an den Anfang setzte, sondern in die Mitte, so dass man dann in Jahren davor und Jahren danach rechnen konnte. So ist es mit dem 11. September nun auch, nur dass die schon inflationär gewordene Rede von einer neuen Zeitrechnung wohl lediglich ein rhetorisches Phänomen darstellt.

Netzeitung: Was nach dem 11. September kaum auffiel, ist der Umstand, dass die Rede vom «Ground Zero» ja nicht neu war. Ground Zero bezeichnete ursprünglich den Detonationsort von Nuklearwaffen und zwar im Zusammenhang mit dem Manhattan Project und den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Bedeutet die Kontextverschiebung hin zum 11. September nicht auch, dass hier ein weitgehend unaufgearbeitetes Tätertrauma durch ein Opfertrauma ersetzt oder verdeckt wird?

Macho: Das glaube ich nicht. Denn in Bezug auf Hiroshima plagen die Amerikaner erstaunlicherweise bis heute kaum Schuldgefühle. Die Atombomben sind beinahe widerstandslos in die Good-War-Ikonographie des Zweiten Weltkriegs eingeschrieben worden. Das Vietnamtrauma hat da viel stärker nachgewirkt, als Erinnerung an einen Krieg, in dessen Verlauf man schuldig geworden ist, und er zudem auch noch verloren wurde.

Die Rede vom Ground Zero hat also wohl weniger einen psychologischen als einen banalen technischen Hintergrund. Hier geht es nämlich auch – wie bei den ersten Atomversuchen, etwa in Los Alamos – um den Countdown, das Herunterzählen bis zur Detonation. So ist Ground Zero ganz einfach der Raum, der am Punkt Null der Explosion entsteht.

Und auch wenn es sich am 11. September gar nicht um eine Explosion handelte – schließlich stürzten die Türme durch das Schmelzen der Stahlträger ein – erschien es attraktiv, das Ereignis dergestalt zu codieren: also als eine Explosion, die auf den Punkt genau geschieht und nicht in einem langsameren zeitlichen Prozeß.

Netzeitung: Ein typisches journalistisches Etikett bezeichnete den 11. September kürzlich als den «Tag, der nicht vergeht.» Das würde doch letztlich bedeuten, dass wir nun tatsächlich ins lang beschrieene Stadium des 'Endes der Geschichte' eingetreten wären – die Menschheit wäre dann auf unübersehbare Zeit als eine im Religionskrieg befindliche Doppelmasse zementiert.

Macho: Da kann ich nur warnen. Die Rede vom «Tag, der nicht vergeht» ist eine Mythisierung und hat als solche vor allem eine legitimatorische Funktion. Sie soll diesen ganzen Katalog von Maßnahmen rechtfertigen, die nun unentwegt getroffen und mit dem 11. September begründet werden. Die permanente Bewachung und Bespitzelung der eigenen Bevölkerung, die Entkräftung von Bürgerrechten durch Notstandsverordnungen – das alles sehe ich mit allergrößter Beunruhigung.

Es lässt sich auch historisch zeigen, dass die Paranoia vor dem Terror, da wo sie rechtliche Konsequenzen erzwingt, letztlich zum Terror der Regierenden selbst führt. So war es etwa 1793 in Frankreich mit der Spirale der jakobinischen 'Grande Terreur'. Damals ist eine ganze Reihe von zentralen Gesetzen außer Kraft gesetzt worden, bevor die Guillotine in Dauerbetrieb genommen wurde. Da, wo sich paranoische Vermutungen direkt in Verfolgungsaktivitäten übersetzen, kann der befürchtete Terror in direkten Staatsterror übergehen.

Über den Begriff der kriegerischen Doppelmasse, den Sie im Anschluss an Elias Canetti erwähnen, ist zu sagen, dass er im Terror auf eine paranoide Weise totalisiert wird: nach dem Muster 'ich verfolge, weil ich verfolgt werde, und ich werde verfolgt, weil ich verfolge'. Es kann also sein, dass Terroristen auf einen staatlichen oder militärischen Terrorismus reagieren, oder aber – und zwar häufiger –, dass Staaten auf terroristische Aktionen antworten, indem sie die Rechte der Bevölkerung beschneiden. Das zeigt übrigens mustergültig auch die Geschichte der RAF und des deutschen Herbstes.

Wenn die Paranoia dann eskaliert, macht sich eine Art Bürgerkriegsstimmung breit. Denn ebenso wie Paranoia ist auch Terrorismus eine ansteckende Krankheit. Er befällt die Gemeinschaft wie ein Virus, bringt «Nachahmungstäter», Bluffer und «Trittbrettfahrer» hervor. Daher würde ich präzisieren und hier nicht von der 'antagonistischen Doppelmasse', sondern von der 'mimetischen Doppelmasse' sprechen wollen. Täter und Opfer stehen sich nicht mehr einfach nur gegenüber, sie werden einander gleich. Der Feind ist plötzlich überall.

Netzeitung: Und das Ende der Geschichte?

Macho: Ist auch mit dem 11. September nicht erreicht, die Geschichte geht zum Glück weiter. Und zwar auf eine ganz andere und viele interessantere Art und Weise, als uns das die Sicherheitspolitiker und Paranoiker einreden wollen.

Netzeitung: Die Bedrohung, die unter dem Etikett der inneren Sicherheit verkauft wird, wiegt also schwerer als jene durch den Terrorismus?

Macho: Ich denke schon. Die latente Aushöhlung von verfassungsrechtlich garantierten Strukturen, die vor dem Hintergrund von Bedrohungsszenarien geschieht und dafür sorgt, dass die so genannte freie Welt immer unfreier wird – die macht mir die größten Sorgen. Wie gesagt: Der Terror hat immer auch ein Inversionsrisiko, und der invertierte Terror ist der, vor dem wir uns am meisten fürchten müssen.

Prof. Dr. Thomas Macho lehrt Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Mit ihm sprach Ronald Düker.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.