Marienlob mit Synthesizer
11.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Tod, Auferstehung und Erneuerung sind einer der zentralen Themenkomplexe, denen sich die Berliner Philharmoniker in dieser Saison widmen. Mit Werken von Jonathan Harvey und Igor Strawinsky ist dem Orchester unter Simon Rattle nun ein schlüssiger Brückenschlag zwischen Christentum und antiker Mythologie, klassischer Moderne und Gegenwart gelungen.
Das Stück zu Ehren der Mutter Jesu beschreibe «die Wirkung ihres sanften, unaufdringlichen Einflusses auf energische, brutale und mutlose Kräfte», erklärt der Komponist selbst seinen eigenwilligen Ansatz. Auf ein buntes Klanggewebe aus verschiedenen Grundmelodien folgt ein Abstieg zu immer dunkleren, erstarrenden Tönen, die wiederum von einem hohen, melodiereichen Schlussabschnitt abgelöst werden.
Pendant zu Harveys Madonna ist Persephone - in der griechischen Mythologie die Tochter der Erdmutter Demeter, die einen Teil des Jahres in der Totenwelt verbringt und vorübergehend zurückkehrt, um den Menschen den Frühling zu bringen.
Anders als bei Homer wird Persephone nach dem Libretto von André Gide nicht gegen ihren Willen von Gott Hades in die Unterwelt verschleppt. Sie begibt sich freiwillig dorthin - aus Mitleid mit den Bewohnern des Schattenreichs, interpretiert von dem hervorragenden Rundfunkchor Berlin und den Knaben des Staats- und Domchors. Unter Rattles Dirigat entsteht ein beachtliches Gesamtkunstwerk, in dem sich der Klangreichtum von Musik, Gesang und Rezitation verbindet.
Mit Tod und Wiederauferstehung setzen sich die Berliner Philharmoniker auch bei ihrer Arbeit mit Schülern auseinander. Ende der Woche wird im Foyer der Philharmonie ein «Education»-Projekt zu Harveys Komposition «Death of Light/Light of Death» aufgeführt, die sich auf den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald bezieht.

