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Entrückung: 

Trinkt vom süßen Kelch der Liebe

05. Sep 2006 07:45
Sonic Youths Thurston Moore: 'Do you believe in Rapture?'
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The Rapture, die Entrückung der Gemeinde ins Himmelreich, beschäftigt Millionen amerikanischer Christen. Die Popmusik hat sich auf die Massenhysterie ihren eigenen Reim gemacht.

Von Ulrich Gutmair

Für Verzückung und Entrückung kennt das Englische nur ein Wort: «Rapture». Und womöglich kann es für amerikanische Protestanten auch keinen schöneren Tod geben, als unversehens im Bewusstsein zu sterben, in Kürze ins Himmelreich entrückt zu werden. Dabei handelt es sich natürlich um ein Missverständnis, über das eine Parabel in einer der Folgen der Fernsehserie «Six Feet Under» aufklären soll, der nichts Menschliches fremd ist.

In ihr ereilt eine rüstige, wasserstoffblonde, aber etwas kurzsichtige Seniorin der Tod, weil sie ein allzu wörtliches Verständnis von der Heiligen Schrift hat. Sie hält die versehentlich in den Himmel schwebenden Sexpuppen eines ungeschickten Pornogroßhändlers, dem die Dinger entfleuchen, für echte Menschen. Da gibt's kein Halten mehr, sie springt begeistert aus dem Auto - und wird überfahren.

Elvis und die Holy Rollers

Was die Hausfrau da zu sehen glaubt, ist die Entrückung der Gemeinde der Gläubigen ins Himmelreich. Sie gehört zu den theologischen Kernbeständen diverser protestantischer Kirchen und Sekten, wobei sich die Exegeten allerdings nur auf den Brief an die Thessalonicher berufen können, in dem es heißt: «Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben. Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen.»

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  • Man kann nur darüber spekulieren, welche Bedeutung diese Idee der körperlichen Entrückung für die Mitglieder uramerikanischer Kirchen wie der Pfingstgemeinden hatte. Immerhin wurden ihre Mitglieder als Holy Rollers verunglimpft, weil sie sich angeblich ekstatisch auf dem Boden rollten, wenn der Heilige Geist sie erfasste, wie es in den Memoiren von Charles G. Leland von 1893 heißt. Von Anfang an waren Afroamerikaner in den Gemeinden der Pfingstler gleichberechtigt, und man darf annehmen, dass die afrikanischen Formen des Religiösen ihre Spuren hinterlassen haben, die bis zum obszön die Hüfte schwingenden Elvis reichen, der ebenfalls einer Pfingstgemeinde angehörte.

    Die trunkene Gnade

    Sonic Youth wiederum, in der Kunst und der Popmusik gleichermaßen versierte Nachfahren des Kings, wussten schon immer, dass Rock'n'Roll eine Form der religiösen Praxis ist und machten Madonna schon Anfang der Achtziger Konkurrenz im Kruzifixtragen. «Do you believe in Rapture?» heißt einer der Songs auf «Rather Ripped», dem neuen Album der New Yorker Band, die ihre Gitarren einst mit Schraubenziehern bediente.

    Der Erotik und der Gewalt liegen eine Übertretung der unsichtbaren Grenze zum anderen zugrunde, und so klingt das auch in «Do you believe in Rapture?» Da schreit ER mit blutiger Zunge nach Blut und Krieg, der doch eine sweet sensation verspricht wie nichts anderes, und eine zweite Chance für die Sünder natürlich.

    Cover von 'Rather Ripped'
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    Ein schrecklicher Schlag wird die Welt heute treffen, erzählt uns Thurston Moore, der den Text zu diesem Song auch geschrieben hat. Brennende Augen halten nach dem Kommen Jesu Ausschau, der den Weg bahnt. Endlich, die Entrückung kommt, der Wein, die trunkene Gnade will getrunken werden, vielleicht auch von ganz realen Lippen geleckt.

    Wenn auch hier Schraubenzieher im Spiel gewesen sein sollten, dann lassen sie die Gitarren auf «Do you believe in Rapture?» nun wie metallische Harfen erklingen. Die paradox anmutende Begründung für diese unorthodoxe Technik lautete einst, damit könnten intensivere Erfahrungen erzeugt werden als mit technologisch vermittelter Discomusik. Vom Lärm als dem Medium zur Erlangung «primärer Erfahrung» und Ekstase haben Sonic Youth nie abgelassen, noch nie hat er aber so süß und entzückend wie auf «Rather Ripped» geklungen.

    Das Elend der Zurückgelassenen

    Die Entrückung hat in der amerikanischen Popkultur aber auch abgesehen von Rock'n'Roll eine bemerkenswerte Karriere hinter sich und in den Neunzigern gar ein eigenes literarisches Genre, die Left-Behind-Romane, begründet. Die handeln vom traurigen Leben jener, deren Angehörige ins Himmelreich aufgenommen wurden, während sie selbst ihr elendes Dasein weiterfristen müssen, in halbleeren Wohnungen, Vorstädten, Autos und Flugzeugen. Der Rapper KRS-One hatte für dieses Problem nur Häme übrig. Zur Melodie von Blondies «Rapture» reimte er: «Step into a world / Where there's no one left / But the very best.»

    Kim Gordon von Sonic Youth
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    Dabei lautet die Frage wohl eher, ob die Entrückung, so wie sie sich das halbe christliche Amerika vorstellt, nicht gerade bewusst ohne den ganz realen Anderen auskommen will und Ausflucht sucht in der anonymen Macht Gottes und der Leere des Himmels. Bezeichnenderweise ist da für Marienanbetung ebenso wenig Platz wie für sexy, von Pfeilen durchbohrte Sebastians.

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  • Die Holy Rollers erscheinen in diesem Zusammenhang zumindest dem Europäer ja eher unprotestantisch. Dass der Father in Heaven, die von ihm ausgelösten sweet sensations und die Entrückung aber auch ganz anders angerufen werden kann, nämlich auf eine barock-schwule, gewissermaßen katholische Art und Weise, haben Antony and the Johnsons vor knapp zehn Jahren vorgeführt.

    Die Traurigkeit fällt ab

    Antony post auf dem Cover seines Debütalbums in exquisiter, von Unschuld, Keuschheit und Verlangen sprechender weißer Unterwäsche und Heiligenschein. Hier ist unter anderem von einem Gott die Rede, der jede einzelne verlorene Seele besucht, um ihre Schäden zu inspizieren. Ein mit Piano und Flöte instrumentierter Song mit dem Titel «Rapture» handelt wiederum davon, wie alles im Fallen begriffen ist. Augen fallen, Lippen fallen, Haare fallen, die Mutter und die Freunde fallen auf den Boden, und mit ihnen alle Traurigkeit. Sie fallen nicht hart und schmerzlich, sondern langsam und weich.

    Antony
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    «Is this the Rapture?», fragt Antony also, um seinen Song sodann mit der letzten Zeile des Vaterunser zu beschließen: «For the kingdom, the power, and the glory are yours, now and forever. Amen.» Der Entrückung, sei es durch den Herrn, sei es durch den Geliebten, geht aber die Hingabe voraus, von der nicht nur Antony mehr als ein Lied singen kann. Auf einem Album von 1987, «Poetic Champions Compose», bat Van Morrison um seine tägliche Entrückung: «Fill me up from your loving cup / Give me my rapture.»

    Das Bedürfnis zu verschwinden

    Das verständliche Bedürfnis, zu verschwinden und einen leeren Bürosessel zurückzulassen, kann auf vielerlei Weise sublimiert werden. Säkulare Erlösungsphantasien brauchen dazu meist den anderen, der das einsame Subjekt aus seiner tristen Selbstbezüglichkeit herausreißt. Das ebenso auf «Rather Ripped» vertretene «Turquoise Boy», von Kim Gordon gesungen, als solle der Geist von Nico beschworen werden, handelt eben davon: «Sweet liberation has come.»

    Ist Entrückung ohne Hingabe schwer denkbar, so hofft diese, auch wenn sie sich als bedingungslos deklariert, doch meist auf Erlösung aus dem Elend des Nichtangesprochenwerdens. Als Mike Watt von der legendären kalifornischen Punkband Minutemen über den Tod seines Freundes und Kollegen D. Boon trauerte und als tatsächlich Zurückgelassener in eine tiefe Depression verfiel, waren es Sonic Youth, die einen der besten Bassisten Amerikas durch Arbeit zurück ins Leben holten.

    Ciccone Youth: 'The Whitey Album'
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    Sie engagierten Watt für die Aufnahmen zu «EVOL», und er revanchierte sich mit einem Demoband des Madonna-Klassikers «Burning Up», das von brennender Liebe handelt, die sich der eigenen Unzulänglichkeiten genauso wenig schämt wie der Hingabe: «Oh, do you wanna see me down on my knees / Or bending over backwards now, would you be pleased», fragt Madonna, um zu antworten: «Unlike the others, I'd do anything / I'm not the same, I have no shame / I'm on fire.»

    Die katholische Blockade

    Watts hatte seine Version von «Burning Up» mit Drumcomputer, Bass und Gitarre zuhause eingespielt und provozierte damit eines der immer noch merkwürdigsten und erstaunlichsten Alben der Geschichte avancierter Popmusik, Ciccone Youths «Whitey Album», das erst vor kurzem wieder veröffentlicht wurde. Black-Flag-Bassistin Kira Roessler hatte Watt auf Madonna aufmerksam gemacht. Watt klebte sich ein Madonna-Foto auf den Bass, sang unglaublich leise «Burning Up», das schließlich neben einer schleppenden Version von «Into the Groove» auf dem «Whitey Album» erschien, und heiratete bald darauf Roessler.

    Mit «Into the Groove» hatte Madonna schon früh deutlich gemacht, dass sweet sensations in ihrem Universum ausschließlich von der heilig vor sich hin rollenden Offenbarung der Musik verursacht werden, deren Rhythmus aber noch mehr verheißt: «We might be lovers if the rhythm's right.» Im Lande der protestantischen Televangelisten, die von der Entrückung träumen, zeigte das Material Girl, dass die traditionellen Formen und Denkweisen katholischer Frömmigkeit auch als Chiffren des Sexuellen lesbar waren und nutzbar gemacht werden konnten.

    Dass die von religiöser Erziehung geprägte Teenage-Realität diesen verführerischen Bildern aber oft nicht standhält, formulierten Sonic Youth auf ihrem Album «Sister» von 1987. Dort stellten sie die denkbar schlichte und ernüchternde Frage: «I got a catholic block, do you like to fuck?» Irgendwann stoßen eben auch die erlesensten Sublimierungen auf ihre Grenzen.

    Sonic Youths aktuelles Album «Rather Ripped» und Ciccone Youths «Whitey Album» sind bei Universal erschienen.

     
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