Vertriebenendebatte:
Polen wehren sich gegen Täterrolle
28.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Fast ehrfürchtig stehen die zwei Männer vor der Glocke, die 1937 in Bochum gegossen wurde. Ihre Blicke wenden sie nicht von ihr ab, bis einer von ihnen schließlich seine Hände auf das kalte Metall legt und zu seinem Begleiter auf polnisch sagt: «Das ist sie, die Glocke der 'Gustloff'».
Für Peter Hoch, der seit 1981 in Berlin lebt, ist die Glocke der «Wilhelm Gustloff», des ehemaligen Flagschiffs der KdF-Flotte, welches im Februar 1945 von einem sowjetischen Torpedo getroffen wurde und mit über 9.000 Menschen in der Ostsee unterging, das emotionalste Exponat auf der umstrittenen Ausstellung «Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert, die am 10. August offiziell im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet wurde.
Nur zwei Tage nach dem Untergang der »Gustloff« am 16. Februar 1945, erblickte er das Licht der Welt. »Wäre meine Familie aufs Schiff gekommen, würde ich heute wahrscheinlich gar nicht leben«, sagt er und blickt wieder auf die Glocke des Unglücksschiffes.
Auf ein ähnliches Schicksal blickt sein Freund und Begleiter Alfred Czesla zurück, nur dass dieser noch immer in Polen lebt. Der in Allenstein lebende und lehrende Soziologe, fühlt sich aber bis heute seinen deutschen Wurzeln verbunden. Nach der Wende organisierte er in seiner Heimatstadt die Vereinsstruktur der deutschen Minderheit und besitzt heute neben dem polnischen auch den deutschen Pass.
Doch Alfred Czesla weiß, dass die deutsche Minderheit dafür nach Berlin reisen müsste, da die Chance, dass die Ausstellung auch einmal dort präsentiert wird, angesichts der Kritik, die aus Polen an ihr und ihren Machern geübt wird, wohl gering ist. Auch müsste man sich beeilen, um die Schau noch in ihrer heutigen Form sehen zu können.
Die Danziger Küstenwache, welche sie zur Verfügung stellte, verlangt das Exponat seit dem 18. August offiziell zurück. Eine Forderung, die vom Danziger Meeresmuseum, welches sie nun selber ausstellen möchte, unterstützt und von der polnischen Senatorin Dorota Arciszewska-Mielewczyk mit folgenden Worten begrüßt wird: «Wenn die Deutschen es wollen, können sie sich die Glocke in einem polnischen Museum anschauen.»
Ziemlich bald kamen darauf Bedenken aus Warschau und Prag, die hinter einem solchen Zentrum, welches seinen Sitz zudem noch in der deutschen Hauptstadt haben soll, eine Umschreibung der Geschichte befürchten, die aus Tätern Opfer machen will.
Es wurde über den Standort gestritten zwischendurch wurde über Breslau als Alternative nachgedacht und über die Organisation einer solchen Forschungs- und Gedenkstätte. Schließlich favorisierte man die Idee eines europäischen Netzwerks, deren Teil die Ausstellung des Bonner Hauses der Geschichte, »Flucht, Vertreibung, Integration« sein sollte, die auch als Reaktion auf das ZvG konzipiert wurde.
Bei aller Kritik aus dem In- und Ausland und trotz der Idee des Netzwerks, hielt der Bund der Vertriebenen, unterstützt von der Union, an den Plänen für das eigene »Zentrum gegen Vertreibungen« fest. Um dem Vorwurf des Revisionismus entgegenzutreten, betonte man den europäischen Charakter der Forschungs-, und Gedenkstätte, was man mit der Ausstellung nun beweisen möchte.
Im ersten Raum wird der Besucher neben der Glocke der »Wilhelm Gustloff« mit den wenigen Habseligkeiten und Erinnerungsstücken eines Flüchtlings konfrontiert. Im zweiten und wichtigsten Raum der Ausstellung werden mit Hilfe von Informationstafeln, Exponaten und Zeitzeugenberichten, die großen Flüchtlingsbewegungen und Vertreibungen dargestellt.
Doch trotz des europäischen Schwerpunkts dieser Ausstellung, ist die polnische Kritik, die aus allen politischen Richtungen kommt, an »Erzwungene Wege« nicht leiser geworden. Der Premierminister Jaroslaw Kaczynski bezeichnete die Schau als »eine sehr irritierende und traurige Angelegenheit«.
Die liberale »Gazeta Wyborcza« warf der Ausstellung nach der ersten Besichtigung eine »Verharmlosung des III. Reichs vor«. Und der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz Józef Michalik mahnte, man dürfe nicht vergessen, weshalb das Unrecht der Vertreibung geschah.
Dem CDU-Politiker Jochen-Konrad Fromme und Vorsitzendem der Gruppe der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler in der CDU/CSU-Fraktion, ist die polnische Kritik an der Ausstellung und Erika Steinbach bekannt. Noch fast zwei Wochen nach der Eröffnung der Ausstellung steht er im Kronprinzenpalais inmitten einer kleinen Gruppe deutscher und polnischer Journalisten und diskutiert über das Projekt.
Nur so könnte, laut Fromme, allgemein auf das Problem der Vertreibungen aufmerksam gemacht werden. Doch auch Fromme muss einräumen, dass die Flucht und Vertreibung der Deutschen in einem solchen Rahmen am besten behandelt werden würde, «allein schon wegen der sprachlichen Probleme.»
Dies wäre eine Lösung, die auch Dieter Bingen begrüßen würde. «Nur wenn sich Steinbach und das 'Zentrum gegen Vertreibungen' aus der Debatte zurückziehen würden, könnte die Diskussion besonnen geführt werden.»
Eine Stimme, die vielleicht auch in Deutschland gehört werden sollte, denn die Historiker der beiden Länder erforschen schon seit Jahren gemeinsam die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten. Herausgekommen ist das vierbändige Standardwerk «Die Deutschen östlich der Oder und Neiße. 1945-1950», das sowohl in deutscher und in polnischer Sprache erhältlich ist.
Ein Beispiel, welches beweist, dass vielleicht nur außerhalb der Politik und den Interessen von überlebenden Zeitzeugen, eine objektive Bewertung der schrecklichen Ereignisse möglich ist.
Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert. Im Berliner Kronprinzenpalais bis zum 29. Oktober 2006

