Vertriebenendebatte: 

netzeitung.dePolen wehren sich gegen Täterrolle

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Erika Steinbach vor Schautafel der Ausstellung "Erzwungene Wege" (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Erika Steinbach vor Schautafel der Ausstellung "Erzwungene Wege"
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Berliner Ausstellung «Erzwungene Wege» thematisiert das Schicksal deutscher Vertriebener im internationalen Kontext. Harsche Kritik daran ist nach wie vor aus Polen zu hören, besonders an der Initiatorin Erika Steinbach.

Von Thomas Dudek

Fast ehrfürchtig stehen die zwei Männer vor der Glocke, die 1937 in Bochum gegossen wurde. Ihre Blicke wenden sie nicht von ihr ab, bis einer von ihnen schließlich seine Hände auf das kalte Metall legt und zu seinem Begleiter auf polnisch sagt: «Das ist sie, die Glocke der 'Gustloff'».

Für Peter Hoch, der seit 1981 in Berlin lebt, ist die Glocke der «Wilhelm Gustloff», des ehemaligen Flagschiffs der KdF-Flotte, welches im Februar 1945 von einem sowjetischen Torpedo getroffen wurde und mit über 9.000 Menschen in der Ostsee unterging, das emotionalste Exponat auf der umstrittenen Ausstellung «Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert“, die am 10. August offiziell im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet wurde.

Flucht nach Westen
Ein Leben lang hat ihn die »Gustloff«, die Günter Grass als Vorlage für den 2001 erschienenen Roman »Im Krebsgang« diente, begleitet, da sein eigenes Schicksal eng mit demjenigen Schiffes verbunden ist.

Im Winter 1945 flüchteten seine Eltern vor der anrückenden Roten Armee aus Ostpreußen. Seine Mutter war damals hochschwanger mit ihm. Bis nach Gdingen kam die Familie, wo die »Wilhelm Gustloff« vor Anker lag und mit verwundeten Soldaten und Flüchtlingen an Bord Richtung Westen ablegen sollte.
Ein Untergang und eine Geburt
Auch Familie Hoch wollte an Bord des ehemaligen Erholungsschiffes gehen, was ihr jedoch wegen Überfüllung verweigert wurde. Für die flüchtende Familie eine Enttäuschung, für Peter Hoch, wie er heute weiß, aber ein Glück.

Nur zwei Tage nach dem Untergang der »Gustloff« am 16. Februar 1945, erblickte er das Licht der Welt. »Wäre meine Familie aufs Schiff gekommen, würde ich heute wahrscheinlich gar nicht leben«, sagt er und blickt wieder auf die Glocke des Unglücksschiffes.

Polnisch-deutsche Schicksale
Mit dem kleinen Säugling kam die Familie nicht mehr weit. Sie wurde von der anrückenden Sowjetarmee eingeholt und der Lauf der Geschichte wollte es, dass Peter Hoch in Polen aufwuchs und erst mit 36 Jahren nach Deutschland aussiedelte.

Auf ein ähnliches Schicksal blickt sein Freund und Begleiter Alfred Czesla zurück, nur dass dieser noch immer in Polen lebt. Der in Allenstein lebende und lehrende Soziologe, fühlt sich aber bis heute seinen deutschen Wurzeln verbunden. Nach der Wende organisierte er in seiner Heimatstadt die Vereinsstruktur der deutschen Minderheit und besitzt heute neben dem polnischen auch den deutschen Pass.

Keine Chance in Polen
An der Ausstellung hat Czesla, ebenfalls Jahrgang 1945, nichts auszusetzen. Seiner Meinung nach ist sie gut gemacht und zeichnet das Leid der Menschen treffend nach. Auf die Frage, ob die Schau auch in Polen gezeigt werden sollte, antwortet er nur: »Die deutsche Minderheit müsste sie sich anschauen.«

Doch Alfred Czesla weiß, dass die deutsche Minderheit dafür nach Berlin reisen müsste, da die Chance, dass die Ausstellung auch einmal dort präsentiert wird, angesichts der Kritik, die aus Polen an ihr und ihren Machern geübt wird, wohl gering ist. Auch müsste man sich beeilen, um die Schau noch in ihrer heutigen Form sehen zu können.

Glocke zurückverlangt
Bereits drei der Exponate, die aus Polen zur Verfügung gestellt wurden, wurden umgehend nach der Eröffnung zurückverlangt. Mittlerweile ist auch fraglich, wie lange die Glocke der »Gustloff« noch im Kronprinzenpalais ausgestellt werden kann.

Die Danziger Küstenwache, welche sie zur Verfügung stellte, verlangt das Exponat seit dem 18. August offiziell zurück. Eine Forderung, die vom Danziger Meeresmuseum, welches sie nun selber ausstellen möchte, unterstützt und von der polnischen Senatorin Dorota Arciszewska-Mielewczyk mit folgenden Worten begrüßt wird: «Wenn die Deutschen es wollen, können sie sich die Glocke in einem polnischen Museum anschauen.»

Aus Tätern werden Opfer
Diese Rückforderungen sind nur der letzte Akt in einem jetzt schon langjährigen Streit um ein mögliches »Zentrum gegen Vertreibungen«, dem die Ausstellung »Erzwungene Wege« den Weg bereiten soll. Vor sechs Jahren entstand im Bund der Vertriebenen, deren Vorsitzende die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach ist, die Idee eines Zentrums, in dem die in Europa stattgefundenen Vertreibungen dokumentiert werden sollen – mit Sitz in Berlin.

Ziemlich bald kamen darauf Bedenken aus Warschau und Prag, die hinter einem solchen Zentrum, welches seinen Sitz zudem noch in der deutschen Hauptstadt haben soll, eine Umschreibung der Geschichte befürchten, die aus Tätern Opfer machen will.

Diskussion seit 2002
Vor allem aus Polen kommen die heftigsten und lautesten Einwände gegen das Projekt. Seit 2002, als auch in Deutschland die Diskussion um das »Zentrum gegen Vertreibungen« zu einem Thema zwischen der Rot-Grünen Koalition und den Unionsparteien wurde, entwickelte sich die Diskussion zwischen den beiden Nachbarstaaten zu einem Streit, der die Beziehungen bis heute belastet.

Es wurde über den Standort gestritten – zwischendurch wurde über Breslau als Alternative nachgedacht – und über die Organisation einer solchen Forschungs- und Gedenkstätte. Schließlich favorisierte man die Idee eines europäischen Netzwerks, deren Teil die Ausstellung des Bonner Hauses der Geschichte, »Flucht, Vertreibung, Integration« sein sollte, die auch als Reaktion auf das ZvG konzipiert wurde.

Gedenkstätte mit europäischem Charakter
Eine endgültige Lösung hat man aber bis heute nicht gefunden, auch wenn sich SPD und CDU/CSU im Koalitionsvertrag auf eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung einigten, wie immer die auch aussehen mag.

Bei aller Kritik aus dem In- und Ausland und trotz der Idee des Netzwerks, hielt der Bund der Vertriebenen, unterstützt von der Union, an den Plänen für das eigene »Zentrum gegen Vertreibungen« fest. Um dem Vorwurf des Revisionismus entgegenzutreten, betonte man den europäischen Charakter der Forschungs-, und Gedenkstätte, was man mit der Ausstellung nun beweisen möchte.

Die Habseligkeiten eines Flüchtlings
Gleich beim Eingang in den ersten Ausstellungsraum ist eine große Tafel aufgestellt, auf der alle Völker aufgezählt werden, die weltweit vertrieben oder zwangsumgesiedelt wurden. Aus Platzgründen werden in den zwei Räumen, in denen durch die schwarz-weiße Farbgestaltung eine kühle Atmosphäre herrscht, jedoch nur die 13 großen Vertreibungen in Europa gezeigt.

Im ersten Raum wird der Besucher neben der Glocke der »Wilhelm Gustloff« mit den wenigen Habseligkeiten und Erinnerungsstücken eines Flüchtlings konfrontiert. Im zweiten und wichtigsten Raum der Ausstellung werden mit Hilfe von Informationstafeln, Exponaten und Zeitzeugenberichten, die großen Flüchtlingsbewegungen und Vertreibungen dargestellt.

Grund der Vertreibung nicht vergessen
Es wird unter anderem über die Deportation der Juden aus Deutschland nach 1933 informiert, über den Genozid an den Armeniern in der Türkei und die Zwangsumsiedlungen zwischen 1939 bis 1945 in Ostmitteleuropa. Auch die letzten in Europa stattgefundenen Vertreibungen im ehemaligen Jugoslawien, werden erwähnt.

Doch trotz des europäischen Schwerpunkts dieser Ausstellung, ist die polnische Kritik, die aus allen politischen Richtungen kommt, an »Erzwungene Wege« nicht leiser geworden. Der Premierminister Jaroslaw Kaczynski bezeichnete die Schau als »eine sehr irritierende und traurige Angelegenheit«.

Die liberale »Gazeta Wyborcza« warf der Ausstellung nach der ersten Besichtigung eine »Verharmlosung des III. Reichs vor«. Und der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz Józef Michalik mahnte, man dürfe nicht vergessen, weshalb das Unrecht der Vertreibung geschah.

Die Angst vor der Täterrolle
Für Prof. Dieter Bingen, den Direktor des renommierten Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, ist die Erklärung für die Kritik aus Polen ziemlich simpel. »Die Kritik an der Ausstellung ist verbunden mit der Kritik an der Person Steinbach und dem «Zentrum gegen Vertreibungen». Eine Instrumentalisierung, die nach Meinung des Politologen eine objektive Betrachtung der Ausstellung vergiftet. «Mit dem Projekt sind in Polen Ängste verbunden, zu sehr in die Täterrolle gedrängt zu werden», sagte Bingen gegenüber der Netzeitung.

Dem CDU-Politiker Jochen-Konrad Fromme und Vorsitzendem der Gruppe der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler in der CDU/CSU-Fraktion, ist die polnische Kritik an der Ausstellung und Erika Steinbach bekannt. Noch fast zwei Wochen nach der Eröffnung der Ausstellung steht er im Kronprinzenpalais inmitten einer kleinen Gruppe deutscher und polnischer Journalisten und diskutiert über das Projekt.

Eine Forschungs- und Gedenkstätte
Den Vorwurf des Revisionismus lässt er nicht gelten. «Vielmehr zeigt die Ausstellung mit ihren europäischen Beispielen, dass Vertreibungen eine Menschenrechtsverletzung sind», sagt er. Für Fromme ist die Ausstellung ein gelungener Grundstein für das «Zentrum gegen Vertreibungen», welches nicht nur eine Forschungsstätte, sondern auch eine Gedenkstätte sein solle.

Nur so könnte, laut Fromme, allgemein auf das Problem der Vertreibungen aufmerksam gemacht werden. Doch auch Fromme muss einräumen, dass die Flucht und Vertreibung der Deutschen in einem solchen Rahmen am besten behandelt werden würde, «allein schon wegen der sprachlichen Probleme.»

Keine besonnene Debatte ohne Rückzug
An den polnischen Kritikern bemängelt Fromme die mangelnde Diskussionsbereitschaft. Persönlich will er den polnischen Sejmmarschall Marek Jurek, der diese Woche Berlin besuchen wird, in die Ausstellung einladen, um so eine Diskussion anzuregen, die eine weitere politische Instrumentalisierung der Ausstellung vermeiden soll. «Und wenn die polnischen Vertreter nicht mit Erika Steinbach und anderen Vertretern des ZgV debattieren wollen, gibt es in Berlin noch genügend andere Gesprächspartner zu dem Thema.»

Dies wäre eine Lösung, die auch Dieter Bingen begrüßen würde. «Nur wenn sich Steinbach und das 'Zentrum gegen Vertreibungen' aus der Debatte zurückziehen würden, könnte die Diskussion besonnen geführt werden.»

Objektivität außerhalb der Politik
In Polen melden sich mittlerweile auch die ersten besonnenen Stimmen zu Wort. «Die Ausstellung ist amateurhaft, aber nicht revisionistisch», urteilte der Warschauer Historiker Tomasz Szarota und forderte von seinen Landsleuten mehr Objektivität.

Eine Stimme, die vielleicht auch in Deutschland gehört werden sollte, denn die Historiker der beiden Länder erforschen schon seit Jahren gemeinsam die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten. Herausgekommen ist das vierbändige Standardwerk «Die Deutschen östlich der Oder und Neiße. 1945-1950», das sowohl in deutscher und in polnischer Sprache erhältlich ist.

Ein Beispiel, welches beweist, dass vielleicht nur außerhalb der Politik und den Interessen von überlebenden Zeitzeugen, eine objektive Bewertung der schrecklichen Ereignisse möglich ist.

Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert. Im Berliner Kronprinzenpalais bis zum 29. Oktober 2006