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Günter Grass: 

Eine trübe Suppe

16. Aug 2006 07:31
Michael Jürgs
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Von Michael Jürgs ist 2002 die Biografie «Bürger Grass» erschienen. Auch ihm hat Grass nicht gesagt, dass er bei der Waffen-SS war. Dennoch verteidige er ihn gegen Konservative, die nun «herumfuchteln», wie er der Netzeitung sagte.

Netzeitung: Herr Jürgs, Sie haben ja eine sehr literarische Biographie geschrieben.

Michael Jürgs: Ich nehme das mal als Kompliment.

Netzeitung: Dürfen Sie. In der «Welt» lobt Tilman Krause ein Passage aus den demnächst erscheinenden Memoiren «Beim Häuten der Zwiebel» von Grass: Grass hat sich von der Truppe entfernt, ist im Wald. Geräusche. Freund oder Feind? Was tun? Grass pfeift «Hänschen klein, ging allein». Der andere pfeift «in den Wald hinein» zurück. Die Passage, Krause nennt sie eine Huldigung an Grimmelshausen, findet sich auch in ihrer Biografie...

Jürgs: Viele Passagen im meinem Buch sind so, weil Grass sie mir so erzählt hat. Er ist ein sehr literarischer Erzähler. Und die Zeit als er Siebzehn war, bis zum Ende des Kriegs, bis zur Gefangenschaft, hat ihn nicht nur unendlich geprägt, sondern auch für immer verändert, wie wir alle glaubten. In dieser unglaublich intensiven Erzählung von ihm ist natürlich Übereinstimmung zu finden.

Netzeitung: Worauf ich hinaus will: Grass, der großartige Fabulierer. Das ist Ihnen ja als Problem bewusst gewesen. Ich zitiere aus Ihrer Biographie, es geht um besagte Passage im Wald. Was dabei passierte, hörte sich «nacherzählt wieder so absurd, so komisch an, wie von Grass, Dichter, erfunden und nicht von Grass, Soldat, selbst erlebt».

Jürgs: Natürlich war mir das bewusst. Man darf nicht glauben, dass man - im buddhistischen Sinn - außer der Wirklichkeit auch noch die Wahrheit findet, wenn man über jemanden schreibt. Um Gottes willen, wer das von dem glaubt, was er über einen Menschen schreibt...

Netzeitung: War es denn möglich, nachzufragen bei Grass?

Jürgs: Die Möglichkeit gab es. Aber es gab keinen Audiator. Wen hätte ich fragen sollen: 'Stimmt das denn, was der Grass erzählt? Warst Du dabei?' Es gab nur die Möglichkeit, einen wie Erich Loest, der ja dann Werwolf war und darüber sehr gut geschrieben hat, allgemeiner zu befragen. 'Ja, ja, so war die Zeit' - 'Stimmt, der Schörner - der Bluthund von Grass - ließ die Deserteure aufhängen'. Das ging.

Netzeitung: Im Extremfall würde das bedeuten: Was in Ihrer Biografie steht, ist nicht falsch, man muss nur Wehrmacht durch SS ersetzen.

Jürgs: Klar. Grass hat nach eigenen Angaben nie einen Schuss abgegeben, war nicht in Verbrechen involviert, das glaube ich auch alles. Wobei, mit Glauben bin ich nun vorsichtig. Sagen wir, ich nehme es hin. Wenn er in einer der SS-Truppen gewesen wäre, die Deserteure aufgehängt haben, hätte man das vermutlich erfahren.

Die Frage, die andere sich nun stellen müssen, ich nicht mehr: Warum gab es in dieser Einheit keinen, der in den letzten sechzig Jahren sagte: 'Sag mal, der Grass war doch bei uns?'

Netzeitung: Das ist in der Tat erstaunlich. Andererseits gibt es ja einen wie den österreichischen Schriftsteller Robert Schindel, der es auch seit zwanzig Jahren weiß.

Jürgs: Glaube ich nicht, wenn er das gewusst hätte, hätte er es längst ausgeplaudert.

Netzeitung: Vielleicht, weiß nicht. Was kann man glauben? Immerhin: diese SS-Division, Frundsberg heißt sie, scheint es gegeben zu haben.

Jürgs: Ja, aber es erstaunt doch, dass die rechtsradikale Schweinbande, gegen die Grass ja immer seine Stimme erhoben hat, nicht geschrieen hat: 'Der hat's gerade nötig. Der war bei uns?' - Das ist die eine Frage. Die andere Frage lautet: Warum hat Grass nicht diese Chancen benutzt, die Rechten zu erreichen? Nehmen wir die berühmte Rede an die jungen NPD-Wähler. Er hätte darin doch noch einen Schritt weitergehen können. 'Ich bin so sehr verführt worden, dass ich sogar bei der Waffen-SS war, und dennoch stehe ich heute Gottseidank auf der richtigen Seite.'

So viele vertane Chancen. Oder seine Verleger in New York, emigrierte Juden. Warum nicht da? Oder als Willy Brandt von den Konservativen verteufelt und gejagt wurde. Warum nicht da?

Netzeitung: Hm. Ich habe mich noch etwas anderes, mehr Medientechnisches gefragt. Günter Grass, der Schriftsteller. Schreibt mit der Schreibmaschine: hat er nicht jedes Mal an seine SS-Zeit gedacht, wenn er ein Doppel-S, ein SS, in die Tasten gehämmert hat? Stellen sich das mal vor.

Jürgs: Ich bin baff, daran habe ich noch nie gedacht. Oder wenn er das Wort Waffen geschrieben hat. Oder als er die Szene in der «Blechtrommel» geschrieben hat, wo die SS die Post niederbrennen und die Leute ermorden. Da gibt es heute ein Denkmal in Danzig...

Netzeitung: Was gedenken Sie nun zu tun?

Jürgs: Nichts. Ich habe ein paar Interviews gegeben, sonst nichts. Ich bin so weit gegangen, dass ich das eine oder andere verlockende Angebot, darüber zu schreiben, ausgeschlagen habe. Bei manchen habe ich gedacht: ich höre falsch. Bei Blättern, die Grass über Jahrzehnte gejagt haben. Da schreibe ich nicht. Keiner darf den Verdacht haben, ich würde mein trübes Süppchen kochen.

Netzeitung: Und mit Ihrer Biographie? Vielleicht kommt ja eine neue Auflage auf den Markt?

Jürgs: Kaum, und wenn: die wird von Grass aufgekauft (lacht).

Netzeitung: Sie sehen aber, dass da ein Problem ist.

Jürgs: So kann man es ausdrücken. Sollte es eine neue Auflage geben, was ich, wie gesagt, nicht glaube, muss ich nicht nur – um einen Berühmteren zu zitieren - einen Teil umschreiben, ganz bestimmt nicht, sondern das gesamte Buch nicht neu schreiben, aber neu bewerten.

Netzeitung: Inwiefern?

Jürgs: Da, wo ich die moralische Wertung mache, da, wo man mir vorgeworfen hat, ich würde das Denkmal Grass zu wenig ankratzen, da müsste ich alles Mögliche ändern. Ich staune allerdings auch über die, von denen ich nichts höre, und die Grass genauso schätzten. Reich-Ranicki wäre unglaublich spannend.

Netzeitung: Ich finde gerade gut, dass er nichts sagt.

Jürgs: Ja, ist ok.

Netzeitung: Wissen Sie, eigentlich wollte ich dieses Interview gar nicht machen. Ich finde, es haben sich schon viel zu viele zu dem Fall geäußert. Aber Sie als Biograph haben nun einmal diesen speziellen Zugang zu Grass.

Jürgs: Ich bin auch nicht traurig, wenn Sie nichts davon drucken. Im Gegenteil, wie Sie gehört haben.

Netzeitung: Nein, nein, ich finde es nun schon interessant. Zum Beispiel frage ich mich gerade, ob Sie wirklich die moralischen Urteile von Grass neu bewerten müssten. Entweder hat er zu einer Sache etwas Zutreffendes gesagt oder er hat nicht.

Jürgs: Ich bin Journalist, kein Dichter, kein Schriftsteller: Jetzt, wo ich mehr weiß, gibt es an vielen Stellen die Pflicht an den Audiator, also an sich selbst, zu fragen: Was steht da?

Netzeitung: Da möchte ich Sie in Schutz nehmen, und aus dem kurzen Vorgespräch zitieren: Es ist doch absurd, Ihnen den Vorwurf zu machen, Sie hätten Grass nicht nach der SS gefragt. Kein Mensch wäre bis vor kurzem auf die Idee gekommen, Grass nach einer möglichen Zugehörigkeit zu fragen.

Jürgs: Ja, da verteidige ich mich ja auch, klar, dennoch... Aber sprechen wir von heute. Ich kenne das Manuskript des neuen Buchs von Grass nicht. Aber die Redaktionen haben es alle auf den Tisch gekriegt, und keiner hat die Sensation erkannt. Sensation nicht im Sinne von Schlagzeile, sondern von «um Gottes Willen». Es ist die große Leistung von Frank Schirrmacher, dass er das sofort erkannt hat.

Netzeitung: Und Ihre persönliche Reaktion? Persönliche Enttäuschung, konnte man lesen.

Jürgs: Ja. Grass, den ich als bedeutende Figur und moralische Größe akzeptiert habe, hat mich enttäuscht. Das ist mein Problem. Dann beschäftigt mich die Wirkung, die er mit dieser Erklärung hat, sie ist schlimm genug. Aber ich verteidige ihn sofort gegen all die Konservativen, die nun herumfuchteln. Kümmert Euch um Euere faschistische Vergangenheit in CDU/CSU, und zwar - you named it, we got it - dass es nur so rauscht. Das ist eine andere Geschichte. Aber was immer Grass nun an politischen Reden von sich gibt, tja.

Netzeitung: Politische Reden wird er wohl erst mal keine mehr geben.

Jürgs: Doch, ich bin gespannt, was er bei Wickert sagen wird. Aber plötzlich, habe ich das Gefühl, ich mag... ja, ich mag dieses Selbstmitleid nicht - «ich habe die Last 60 Jahre getragen». Das erinnert mich an das berühmte Gedicht von Fontane: «Ich habe es getragen sieben Jahr, und kann es nicht tragen mehr». Junge, Junge. Wenn einer unserer Väter in der SS gewesen wäre, und hätte uns, den Söhnen, nicht gesagt, was er gemacht hat...

Netzeitung: Das übertragen Sie nun auf die Nation?

Jürgs: Klar.

Netzeitung: Das hilft mir, gewisse Reaktionen zu verstehen.

Jürgs: Es sind enttäuschte Söhne, die reagieren wie ich. Und es sind Gleichaltrige wie er, die sagen, so schlimm war es nicht. Man kann es auch ganz kühl sehen wie Eckhard Fuhr in der «Welt am Sonntag»: 'Ja, nun ist Grass in der Nation angekommen'. Glänzend.

Mit Michael Jürgs sprach Michael Angele

 
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