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Günter Grass: 

«Günter Grass hätte schweigen sollen»

15. Aug 2006 11:15
Maxim Biller
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Mit seinem Geständnis, findet der Schriftsteller Maxim Biller, hat Günter Grass großen Schaden angerichtet. Im Gespräch mit der Netzeitung plädiert er dafür, dass Grass den Nobelpreis zurück gibt.

Netzeitung: Wenn es einen Schalter zum Auslösen großer Feuilletondebatten gibt, dann hat Günter Grass ihn jetzt wohl gerade umgelegt. Waren Sie von seinem Bekenntnis, mit siebzehn Jahren bei der Waffen-SS gewesen zu sein, überrascht?

Maxim Biller: Überrascht eigentlich nicht. Grass hat sowieso schon immer etwas seelenlos über Juden und die Opfer des Krieges gesprochen. Das Interessante ist vielmehr, dass er die Debatte gar nicht ausgelöst hat. Das Leseexemplar des Buchs «Beim Häuten der Zwiebel» gab es schon seit Wochen.

Viele konnten das lesen, und ich weiß von mehreren Redaktionen, dass man diesen Text einfach nicht ernst genommen hat. Erst Frank Schirrmacher von der FAZ hat wirklich begriffen, was das bedeutet und eine Geschichte daraus gemacht. Insofern hat Günter Grass die Debatte gar nicht ausgelöst. Die ist ihm eher rausgerutscht.

Netzeitung: Man bekommt den Eindruck, dass Grass nun um Verständnis für einen alten Mann in höchster Gewissensnot wirbt. Die Wahrheit hätte raus gemusst, Schuld und Schande seien über sechzig Jahre kaum mehr zu ertragen gewesen.

Biller: Von mir als Jude kann er zumindest kein besonderes Mitleid erwarten. Das kann übrigens niemand, der in der Waffen-SS gedient hat, ganz gleich in welchem Alter und unter welchen Umständen.

Netzeitung: Und von der Öffentlichkeit?

Biller: Ich habe das Gefühl, dass die eher routiniert, fast schon gelangweilt reagiert. Insofern hat Grass natürlich den perfekten Zeitpunkt für seine Offenbarung gewählt. Noch vor zehn Jahren wäre etwas ganz Brutales über ihn hereingebrochen. Jemand, der wie Grass die Meinung vertreten hat, dass die Deutschen sich wegen Auschwitz nicht wiedervereinigen dürfen und gleichzeitig dieses Geheimnis mit sich herumgetragen hat, der hat eigentlich alles zerstört. Alles was er sonst getan und gesagt hat – auch die Dinge, die moralisch richtig waren.

Netzeitung: Dann steht er jetzt als Heuchler da?

Biller: Ja. Und zwar vor allem in den Augen derer, die das, was Grass an Richtigem gesagt hat, immer für falsch gehalten haben. Mir wäre es daher sogar lieber gewesen, Günter Grass hätte dieses Geständnis nie gemacht. So aber hat er der deutschen Vergangenheitsbewältigung schwer geschadet. Ich liebe all das, was gut und aufrichtig ist an der Beschäftigung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit – das hat er kaputtgemacht.

Netzeitung: Man fordert bereits Konsequenzen.

Biller: Zu recht. Wenn Grass schon nicht geschwiegen hat, sollte er den Nobelpreis zurückgeben. Den bekommt man nämlich nicht nur einfach als großer Schriftsteller. Voraussetzung ist auch, dass man humanistische Ideale vertritt und für die Aufklärung kämpft. Sonst wären Dario Fo oder Elfriede Jelinek jetzt nicht Nobelpreisträger. Wenn Grass meint, unbedingt aus der Reserve kommen zu müssen, dann sollte er auch dafür bezahlen. Er hätte den Preis schließlich niemals gekriegt, wenn bekannt gewesen wäre, was jetzt bekannt geworden ist.

Netzeitung: Mit dem Schreiben, sagt Grass jetzt, habe er immer geglaubt, schon «genug getan zu haben.» Kann es denn einen moralischen Autor jenseits biografischer Fakten geben?

Biller: Wenn Grass kein deutscher Schriftsteller wäre, würde ich sagen, das ist der reinste Talmudismus. Irgendeine Erklärung findet sich immer. Grass hat getan, was er getan hat, auch wenn ihn keine Schuld daran trifft, dass ihm irgendwer als jungem Menschen das Gehirn gewaschen hat. Vielleicht denkt man darum bei vielen der älteren deutschen Intellektuellen: Wo es in der Kindheit braun rein ging, kommt es im Alter braun wieder raus.

Netzeitung: Mit Wellershoff, Walser oder Fest haben jetzt zunächst Autoren reagiert, die in einem ähnlichen Alter sind wie Grass. Was sagen Sie dazu als Vertreter einer jüngeren Schriftstellergeneration?

Biller: Offenbar haben Schriftsteller der mittleren und jüngeren Generation nicht die soziale Bedeutung wie die älteren. Das hat sicher auch mit der Bedeutung der neuen Medien zu tun. Literatur spielt nicht mehr dieselbe Rolle, zugleich sind die damals jungen Leser nun alt geworden und tragen ihre ehemaligen Helden noch immer auf Händen.

Netzeitung: Zeitzeugenschaft ist doch wohl ein wichtiger Faktor. Die Geschichten von Überlebenden stoßen auf besonders offene Ohren.

Biller: Ja klar, die Alten haben scheinbar mehr zu erzählen. Sie können von interessanteren Dingen schweigen oder von interessanteren Dingen reden. Die Frage ist aber doch auch: Was beschäftigt eigentlich eine Gesellschaft in der Gegenwart? Und da hat man sich ja noch mit keinem großen Eifer an die Frage gemacht, was es bedeutet, wiedervereinigt zu sein. Was es heißt, dass das kollektive Gedächtnis auf einmal um 18 Millionen ostdeutsche Erinnerungen vergrößert worden ist. Und was daraus für Geschichten entstehen. Filme wie «Das Leben der anderen» fangen jetzt gerade einmal damit an.

Netzeitung: Die derzeitige Aufregung über Günter Grass hat doch wohl auch damit zu tun, dass er vielen bislang immer als moralisches Gewissen der Nation galt.

Biller: Für mich ist meine Tante Klara aus Holon in Israel ein moralisches Gewissen. Sie war nicht in der Waffen-SS, sondern in Auschwitz. Seit vielen Jahren verehre ich aber Heinrich Böll. Der hat nicht nur viel besser geschrieben als Grass, er hat auch ganz ehrlich davon erzählt, wie es war, Soldat zu sein. Ganz gleich, worüber er schrieb, ging es bei Böll immer darum, wie es ist, wenn ein Mensch schreckliche Dinge tun oder erleben muss.

Falls es also nach 45 einen Schriftsteller gibt, der für mich eine moralische Instanz war, dann war das Heinrich Böll. In seiner ganzen Art über Menschlichkeit nachzudenken und menschlich zu handeln. Denken Sie daran, wie er Solschenizyn direkt nach seinem Rauswurf aus der Sowjetunion empfing und bei sich aufnahm.

Und Grass als Schriftsteller? Ich habe ein paarmal versucht, die «Blechtrommel» zu lesen und bin immer schon auf der dritten Seite gescheitert. Günter Grass ist, wie ich finde, leider kein Großer. Es ist alles so schwülstig in seiner Prosa, zu viele Worte. Ich weiß nicht, was alle an ihm finden.

Netzeitung: Könnte nicht aber die Auseinandersetzung mit Grass jetzt auch dazu führen, dass man sich kritisch mit deutschen Täterbiografien auseinandersetzt? Also zu einem Effekt, der der Fixierung auf deutsche Opfer – etwa in der aktuellen Vertriebenen-Diskussion – entgegenläuft?

Biller: Das glaube ich nicht. Wir haben doch seit dem Historikerstreit immer wieder denselben Mechanismus. Es kommt einer, sagt, tut oder gesteht etwas – von rechts. Dann regen sich alle ganz furchtbar auf, und drei Monate später ist die deutsche Gesellschaft noch ein Stückchen weiter bei sich. Und etwas weiter weg von den Früchten der amerikanischen Umerziehung. Günter Grass hat doch vor kurzem noch über dieses versunkene Schiff geschrieben.

Netzeitung: «Im Krebsgang» – da geht es um die deutschen Opfer auf der «Wilhelm Gustloff».

Biller: Ja genau, die deutschen Opfer. Das hatte man jetzt schon fast wieder vergessen. Jede dieser Geschichten macht die Deutschen noch ein bisschen authentischer. Durch jede dieser Geschichten verlieren sie noch mehr von ihren Schuldgefühlen.

Mit Maxim Biller sprach Ronald Düker.

 
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