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Grass und die Waffen-SS: 

Die Entwertung des Moralisten Grass

12. Aug 2006 08:21
Günther Grass
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Günter Grass hat 21 Jahre zu spät seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS eingeräumt, meint Michael Wolffsohn. «Im April 1985 hatte er eine goldene Gelegenheit», schreibt der Historiker in einem Beitrag für die Netzeitung.

Von Michael Wolffsohn

Auch Du, GG...?

Auch Du ein Wahrheitströpfler!

«Nichts Neues unter der Sonne.»

Er habe sich freiwillig gemeldet, erklärt der Dichter, «aber nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, was genauso verrückt war». Richtig.

Ob er den richtigen Zeitpunkt verpasst habe, seine SS-Zugehörigkeit zu thematisieren, wurde GG gefragt. Das wisse er nicht.

Ich weiß es: Im April 1985 hatte er eine goldene Gelegenheit. Damals diskutierten Deutschland und die Welt heftig über den Bitburg-Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan: Sollten sie gemeinsam auf den dortigen Friedhof gehen, wo auch Soldaten der Waffen-SS lagen? Sie gingen.

Als Reinwäscher der SS und besonders der Waffen-SS wurden Kohl und Reagan national und international von vielen verunglimpft. Kurz vor dem vierzigsten Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland angebräunt, und die USA, ohne die Hitler und seine Mit-Verbrecher nicht entmachtet worden wären, ebenfalls in die «faschistische» Schublade gesteckt. Aus ihr befreit wurden wir durch die große Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985.

Damals, im April 1985, hätte GG aufstehen und erklären sollen: «Auch ich war dabei.»

Ein solches Eingeständnis des «Blechtrommlers» hätte die unsäglich undifferenzierte Diskussion im In- und Ausland versachlicht. Stattdessen ließ GG Kohl und Reagan ins Messer laufen. Man muss nicht viel Phantasie aufbringen, um den Grund zu erkennen: Kohl hatte für GG das falsche Parteibuch und Reagan die falsche Ideologie.

Absurdes Theater war die Folge. Der Amerikaner Reagan und Kohl, Jahrgang 1930, der seine weiße Weste in brauner Zeit bescheiden mit der «Gnade» seiner Geburt erklärt hatte, die Anti-Hitler-Führungsmacht USA und das neue demokratische Deutschland standen als Nazi-Weißwäscher im politischen Regen während GG, der einstige Waffen-SS-ler, schwieg und bis heute als «Moralische Instanz» gefeiert wurde.

Hinter GG´s moralisch-poltischem Größenwahn stand offensichtlich ein kleinmütiger Mann. Er selbst hat sein Lebenswerk auf Lebensgröße, auf das deutsche Normalmaß seiner Zeitgenossen schrumpfen lassen.

«Der Kaiser ist nackt.» Durch sein beharrliches Schweigen wird GG´s moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet. Bleiben werden GG´s Worte, nicht seine Werte.

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Michael Wolffsohn, 1947 in Tel-Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.
 
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