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Yasmina Khadra: 

Ein Blick ins Massengrab der Revolution

09. Aug 2006 07:32
Yasmina Khadra
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Yasmina Khadras Kriminalromane erzählen von der tragischen Geschichte Algeriens. In «Nacht über Algier» wird Kommissar Llob zum Spielball der ganz Mächtigen.

Von Ronald Düker

Im Fall von Yasmina Khadras «Nacht über Algier» kann man, obwohl es sich um einen Kriminalroman handelt, den Schluss erzählen ohne zuviel zu verraten. «Ein paar Monate später, am 5. Oktober desselben Jahres (1988)», heißt es da, «kommt es infolge einer seltsamen Rede des Präsidenten, in der er die Nation aufruft, sich zu erheben, in den großen Städten des Landes zu einer breiten Protestbewegung.»

Das aufgebrachte algerische Volk fordert Arbeit und will dafür auch noch bezahlt werden. Fünfhundert Zivilisten müssen stattdessen selbst bezahlen. Mit ihrem Leben. Darauf reagiert die Regierung mit der Ankündigung eines demokratischen Mehrparteiensystems, das allerdings nicht funktionieren wird.

Stattdessen breitet sich der islamische Fundamentalismus im ganzen Land aus und stürzt Algerien auf Jahre in einen der «grauenhaftesten Bürgerkriege, die der Mittelmeerraum je erlebt hat.»

Großes Herz, keinen Anzug

Khadras Roman endet also, wo die große Katastrophe erst beginnt. Am Vorabend dieses ebenso chronischen, grausamen wie unverstandenen Bürgerkrieges versucht sich Kommissar Brahim Llob, den Khadras Leser schon aus drei vorangegangenen Romanen kennen, an der Aufklärung eines mysteriösen Verbrechens. Im Grunde ist es sogar eine ganze Kette von Verbrechen, und sie lässt Llob ganz allmählich die Sprossen einer Leiter nach ganz oben erklimmen.

Der Kommissar, der zwar ein großes Herz und einen unbeugsamen Sinn für Gerechtigkeit hat, aber keinen einzigen tadellosen Anzug und nur eine schmuddelige Krawatte besitzt, bekommt es hier zum ersten Mal mit den wirklichen Mächtigen des Landes zu tun. Mit Leuten, die wichtiger sind als Staatsminister. Männern, die diese Minister mit einem Fingerschnippen herbeizitieren können.

Im Dienste höherer Mächte

Was «Nacht über Algier» zu einem Kriminalroman macht, der es mühelos mit den Klassikern des Genres aufnehmen kann, ist Khadras Meisterschaft, mit der er den Leser stets den größeren Verschwörungszusammenhang spüren lässt. Man kann nur ahnen, zwischen welchen Fronten sich der rechtschaffene Kommissar Llob eigentlich bewegt. Und weiß nie, ob Llob sich auf der Fährte seiner Opfer befindet oder er nur die Köder schnappt, die andere für ihn ausgelegt haben.

Tatsächlich ist der Kommissar, ohne es zu wissen, nur ein effektives Werkzeug innerhalb eines komplexen und an höchster Stelle gestrickten Masterplans. Er gleicht damit dem Geheimagenten Alec Leamas, den John Le Carré in «Der Spion, der aus der Kälte kam» zwischen die Fronten des Kalten Krieges schickt – als einen, der den höheren Mächten gerade da am wirkungsvollsten dient, wo er sich über die Folgen seines Tuns gänzlich im Unklaren ist.

Lino macht Ärger

Die erste Schlaufe des Netzes, in dem Brahim Llob sich verstricken wird, ist die Freilassung eines brutalen Serienkillers, der im Anschluss an mehrere eingestandene Morde eine Ewigkeit im Gefängnis gesessen hat. Llob will die politische Amnestie, unter die auch der so genannte «Namenlose» fällt, nicht akzeptieren. Er fragt sich, wie man einen solchen Schwerverbrecher auf die Gemeinschaft loslassen und damit sehenden Auges weitere Gewaltverbrechen provozieren kann.

Noch während der Kommissar den Namenlosen aber in seiner Wohnung beschatten lässt, überschlagen sich die Ereignisse. Llobs Assistent Lino macht Ärger. Von Amors Pfeil getroffen amüsiert der sich plötzlich mit den oberen Zehntausend, taucht im Präsidium in nagelneuen Maßanzügen auf und pumpt sich noch vom letzten Kollegen Geld.

Das Problem dabei: Linos Geliebte ist nicht nur atemberaubend schön, sie ist zugleich auch das Anhängsel des überaus mächtigen Haj Thobane, eine Art Mafiaboss, der die Politik des Landes ebenso in der Hand hat wie die Unterwelt von Algier. Als ein Attentat auf Thobane verübt wird, kann ausgerechnet Lino kein Alibi vorweisen und setzt damit den Ruf der ganzen Behörde aufs Spiel. Gemeinsam mit einer rätselhaften Journalistin macht sich Llob auf die Suche nach dem tatsächlichen Attentäter, denn es geht um mehr als Linos Zukunft.

Ein Blick ins Massengrab

Die Nachforschungen der beiden führen in die Provinz und in die blutige Vergangenheit des Landes. Die Einwohner des Dorfes, aus dem nicht nur Thobane, sondern auch der Namenlose stammen, riskieren nämlich noch heute ihr Leben, wenn sie sich allzu deutlich an den Bürgerkrieg erinnern.

Damals standen sich nicht nur die französische Besatzungsmacht und die Armée Libération Nationale (ALN) gegenüber – es tobte auch ein erbitterter Krieg zwischen den vermeintlichen Patrioten der ALN und den so genannten Harkis, also jenen Algeriern, die die revolutionäre Sache an die Franzosen verrieten, oder doch zumindest des Verrats beschuldigt wurden. Llob stößt bald auf die Spuren grausamster Verbrechen aus dieser Zeit, und er weiß, dass Thobanes Zukunft davon abhängen wird, ob hier vor aller Augen Massengräber geöffnet werden.

Trojanisches Pferd

«Nacht über Algier» ist vielleicht Yasmina Khadras bislang bester Algier-Krimi. Wie gebannt folgt der Leser dem charismatischen Brahim Llob, diesem ehemaligen Revolutionär und ungebrochenen Patrioten, der als gläubiger Moslem und treuer Ehemann allen alkoholischen und sexuellen Versuchungen trotzt, zugleich aber auch ein unverbesserliches Großmaul und beizeiten aggressiver Schläger ist.

Mit einem unwiderstehlichen Spannungsbogen zieht Khadras virtuos konstruierter Krimi den Leser tief in die tragische Geschichte eines gebeutelten Landes. Und der Autor erweist sich somit erneut als Reiter eines trojanischen Pferdes: sein Krimi vermittelt wie nebenbei einen profunden Blick auf die historischen Wurzeln einer Gesellschaft, die den Schritt aus der kolonialen Abhängigkeit nur um den Preis zumindest ebenso schlimmer Gewaltstrukturen geschafft hat.

Kaum ein historisches Sachbuch könnte plastischer vermitteln, wie gefräßig sich die algerische Revolution schon in ihrem Beginn an ihren eigenen Kindern und Idealen vergangen hat. Und kaum eine soziologische Analyse besser erklären, wie der gotteskriegerische Fundamentalismus der kommenden Jahre seine Wurzeln weniger in religiöser Verblasenheit als in der ökonomischen Zerrüttung einer durch und durch mafiös kontrollierten Gesellschaft hatte.

Mit eigenen Augen

Yasmina Khadra, der eigentlich Mohammed Moulessehoul heißt und die Vornamen seiner Frau als Pseudonym benutzt, ist nicht nur ein überaus begabter Kriminalschriftsteller – er ist ein wichtiger Chronist des postkolonialen Algeriens. Ehemals ein hochrangiger Offizier der algerischen Armee, musste der heute Einundfünfzigjährige zunächst aus dem Versteck heraus schreiben.

Seit über fünf Jahren lebt Khadra nun in Frankreich, wo er sich auch den Schritt aus der Anonymität erlauben konnte. Man merkt den Romanen dieses ehemaligen Soldaten an, dass er vieles, von dem er schreibt, mit eigenen Augen gesehen hat. Man sollte seine Romane lesen – am besten hübsch der Reihe nach.

Yasmina Khadra: Nacht über Algier, Aufbau Verlag 2006, 402 Seiten, 19,90 Euro

Außerdem: Die Algier-Trilogie, Unionsverlag 2006, 448 Seiten, 12 Euro

 
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