Reza Aslan:
Der pluralistische Kern des Islam
Jedem Text wohnt ein Geheimnis inne. Ob Talmud, Bibel oder Telefonbuch: Stets geht es darum, durch die Striche und Bögen der Buchstaben hindurch zum eigentlichen Kern hinter der Schrift vorzudringen. Die Wege hierhin sind vielfältig.
Während man sich im Abendland seit Beginn der Moderne darauf geeinigt hat, den Sinnspeicher mit den Mitteln der hermeneutischen Deutungswissenschaft zu knacken, setzt man im islamischen Orient auf andere Techniken. Dies gilt besonders bei der Auslegung der einst von Mohammed offenbarten Rede Gottes: dem Koran.
Für die Traditionalisten ist Gottes Offenbarung unveränderlich. Der Koran kennt für sie keinen Kontext. Was einst für die kleine Gemeinde Mohammeds in Medina galt, das hat auch noch wortwörtlich 1400 Jahre später für eineinhalb Milliarden Muslime auf der ganzen Welt zu gelten.
Nicht ganz so grausam verfuhr man mit Hamud Abu Zaid, einstiger Professor der Universität Kairo. Als dieser behauptete, der Koran sei ein kulturelles Produkt aus dem Arabien des siebten Jahrhunderts, wurde er als Ketzer gebrandmarkt und zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen.
Dass man auf diese Weise, wie es Dan Diner jüngst formulierte, die «Zeit versiegelt» und den Islam von der Moderne abschneidet, ist eine Sache. Fast noch schlimmer wiegt, dass sich die Traditionalisten damit dem Inhalt der Texte selbst verschließen.
Aslan, der seine Religionsgeschichte stets auch als Politik- und Sozialgeschichte erzählt, entdeckt in Mohammed nicht nur den Propheten, sondern auch einen Kämpfer für die Gerechtigkeit. Mit Worten und Taten, so Aslan, hat Mohammed Heiliges und Profanes zusammengebracht.
Letztlich nämlich, so die anregende These des Buches, ist der Islam selbst eine Reaktion auf die ungerechtfertigte Verbindung von Politik und Bekenntnis und dem daraus resultierenden wirtschaftlichen Gewinn einer oligarchischen Oberschicht im Mekka des siebten Jahrhunderts.
Es war dieses System der Ausbeutung wehrloser Bevölkerungsmassen, das Mohammed nicht mehr hinnehmen wollte. Eine seiner ersten und entscheidenden Offenbarungen kam daher nicht nur einer theologischen, sondern ebenso einer sozialen Revolution gleich. Mit dem Bekenntnis: «Kein Gott außer Gott», brachte er ein korruptes Machtgefüge zum Einsturz, das unzählige Menschen in Sklaverei und Armut hielt.
Von der ägyptischen «Moslembruderschaft» bis hin zur faschistoiden Theokratie im heutigen Iran wirkt dieser Gedanke aber auch bedrohlich. Doch Aslan, der nach der Revolution Ayatollah Chomeinis mit seiner Familie in die USA emigrierte, geht noch weiter. Er sieht in der frühen Umma der muslimischen Gemeinschaft eines der ersten Projekte pluralistischer Gesellschaften:
«Mohammeds Anerkennung von Juden und Christen als schutzwürdige Bevölkerungsgruppe, sein Glaube an ein gemeinsames heiliges Buch und sein Traum von einer einzigen, geeinten Umma aller drei abrahamitischen Religionen waren erstaunlich revolutionäre Ideen in einer Zeit, in der Religionen die Menschen spalteten und entzweiten». Nicht nur für Aslan wäre die Wiederentdeckung eines solchen Pluralismus der erste Schritt für eine wirkungsvolle Menschenrechtspolitik im Nahen Osten.
Es geht um nicht weniger als um die Interpretation von Vergangenheit und Zukunft, von Geschichte und Geschichten letztlich um eine neue Lesart heiliger Texte: «Da nicht die Religion, sondern die Interpretation der Religion über das befindet, was als moralisch zu gelten hat, muss diese Interpretation stets durch den Konsens der Gemeinschaft erfolgen».
Auf eine solche Zukunft kann man hoffen. Denn im Zentrum des Islams steht bis heute unverrückbar das Versprechen der sozialen Gerechtigkeit. An dieses Versprechen stets neu zu erinnern, darin könnte eine der wesentlichen Aufgaben des Islams in der globalisierten Moderne liegen.
Reza Aslan: Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart. C.H. Beck Verlag 2006, 340 Seiten, 24,90 Euro

