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«Siegfried» im Klassenzimmer

30. Jul 2006 12:26
Oper vor der Schiefertafel
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Eher verhaltenes Lob erhielt die Premiere des dritten Teils des «Rings» bei den Bayreuther Festspielen. Der Hauptdarsteller brauchte bis zum dritten Akt Zeit, um sich freizusingen.

Von Stephan Maurer

Der neue «Ring» bei den Bayreuther Festspielen beginnt sich zu runden. Mit der Premiere des dritten Teils, der Oper «Siegfried», hat die Neuinszenierung des Dramatikers Tankred Dorst am Samstag weiter an Kontur gewonnen, wenn sie auch längst noch nicht ausgereift ist. In dichten Bildern von Frank Philipp Schlößmann zeigt Dorst, der das Konzept zweier Parallelwelten von Göttern und Menschen verfolgt, Richard Wagners Monumentalwerk «Der Ring des Nibelungen» als ein mythologisches Märchen, angesiedelt im Heute.

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Mit anhaltendem Beifall wurde die musikalische Interpretation des Dirigenten Christian Thielemann mit dem gut aufgelegten Festspielorchester gefeiert. Thielemann zelebrierte die «Siegfried»- Partitur mit großer Präzision, voller Transparenz und Dynamik. In ausgezeichneter Verfassung präsentierten sich Gerhard Siegel als spielfreudiger Mime, Falk Struckmann als souveräner Wanderer mit großer Bühnenpräsenz sowie Mihoko Fujimura als kristallklare Erda.

Wirkungslos verpufft

Dagegen hatte der amerikanische Heldentenor Stephen Gould bei seinem Rollendebüt als Siegfried zunächst mit Nervosität zu kämpfen und deutete sein Potenzial mehr an, als es wirklich zu entfalten. So geriet ihm die Schmiedeszene, die auch szenisch wirkungslos verpufft, recht matt. Erst im großen Liebesjauchzen des dritten Aktes mit Brünnhilde, der stimmgewaltigen, aber leider sehr statisch agierenden Linda Watson, sang er sich frei.

Möglicherweise wollte Gould zuvor auch Kräfte sparen. Denn Richard Wagner hat es dem jugendlichen Helden ja nicht eben leicht gemacht. Ehe die «selige Maid» Brünnhilde ihm «süßeste Lust» schenkt, muss er sich durch zwei lange und schwere Akte kämpfen. Bei Dorst wächst Siegfried in einem ausrangierten Klassenzimmer auf. Sein Ziehvater, der Schmied Mime, haust dort zwischen Schulbänken, Landkarten, Reagenzgläsern und einem Skelett. Mime experimentiert mit den Stücken des Schwertes Notung, das Siegfrieds Vater Siegmund zerschlagen
wurde, doch es gelingt ihm einfach nicht, sie neu zu schmieden.

Schwert im Fleischwolf

Der Wanderer erscheint und zwingt Mime zum Wissenstest in die Schulbank. Endlich erhält der Zwerg die entscheidende Auskunft: «Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Notung neu.» Das kann nur der Naturbursche Siegfried in seiner legeren Freizeitkluft (Kostüme: Bernd Skodzig) sein. Er dreht die Schwertstücke durch den Fleischwolf, und siehe da - heraus kommt ein neues schönes Schwert.

Nun will Siegfried aber das Fürchten lernen. Im Wald haust der zum Lindwurm mutierte letzte Riese Fafner (Jyrki Korhonen) und hütet den Macht verheißenden Ring. Dorthin führt Mime den Ziehsohn.

Showdown auf Baustelle

Eine halbfertige Autobahnbrücke schwingt sich auf hohen Pfeilern heran. Darunter in gespenstischer Szenerie tote Baumstümpfe, zwischen denen der düstere Alberich (Andrew Shore) lauert. Wie sein Bruder Mime ist auch er scharf auf den Ring. Bauarbeiter werkeln auf der Brücke, doch sie merken nichts von dem, was direkt unter ihnen geschieht: Die Erde bricht auf, glühend roter Rauch steigt auf. Siegfried klettert hinab in Fafners Höhle und ersticht den Wurm. Gewarnt vom Waldvogel (Robin Johannsen), durchschaut er Mimes finstere Absichten und tötet auch diesen.

Dorst und Schlößmann haben erneut schöne Bilder entwickelt. Dagegen vermisst man bei der szenischen Entwicklung einmal mehr die Feinarbeit der Regie. Die Charakterisierung der einzelnen Rollen ist oft nur angedeutet, auch wenn die Sänger ihre Partien etwas besser auszufüllen verstanden als noch in den vorangegangenen beiden «Ring»- Werken. An diesem Montag findet der neue Bayreuther «Ring» mit der «Götterdämmerung» seinen Abschluss. (dpa)

 
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