Libanon:
«Sie wollen endlich die Hisbollah los werden»
25. Jul 2006 07:33
 |  Libanesisch-türkische Familien warten in Beirut auf ihre Evakuierung | Foto: dpa |
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Während ein Fünftel der libanesischen Bevölkerung auf der Flucht ist, erreichen Hilfskonvois selten ihr Ziel. Derweil regt sich auch unter den Libanesen Kritik an der Hisbollah.
Von Bernhard Hillenkamp, Beirut«Der Krieg dauert auf jeden Fall noch eine Woche, die Amerikaner geben Israel noch wenigstens bis nächsten Sonntag», so ist auf dem Korridor einer Schule in Beirut zu hören.
Diese Hauptschule ist zu einem Auffanglager für Flüchtlinge aus dem Süden umfunktioniert worden. Zwischen 13 und 40 Personen liegen hier auf Matratzen neben den Holzbänken. «Wir haben einen Schlauch in den Toiletten installiert, nun ist die Toilette eine Dusche. Wir geben Hygieneartikel aus. Sauberkeit ist uns wichtig», so der Schulleiter, der die Organisation des Auffanglagers für Flüchtlinge aus dem Süden übernommen hat.
24 Klassenräume bieten 400 Schiiten eine Bleibe. Sie waren in den ersten Tagen des Konflikts geflohen. Sie wurden nicht wie die deutschen Flüchtlinge aus Nabatiye durch einen Begleitkorso und Bundeswehrsoldaten geschützt. Der Konvoi der deutschen Botschaft gab stetig Koordinaten per Funk an deutsche Kollegen in Israel und das israelische Militär durch, ein versehentlicher Beschuss sollte verhindert werden.
Durchhaltemusik auf allen Kanälen
Die Menschen die in diesen Tagen fliehen, glauben nicht mehr an ein schnelles Ende des Krieges. «Die Weltpolitik will es so», sagt der auf einem weißen Plastikstuhl sitzende Flüchtling Ali. «Rice hat vom neuen Nahen Osten gesprochen», fährt er fort: «Sie wollen endlich die Hisbollah los werden.»Im Radio schmettert auf allen Sendern Durchhaltemusik. Nicht nur die noch funktionierenden Medien der Hisbollah, auch die anderen Radiostationen spielen Marschmusik und immer wieder die libanesische Nationalhymne. Unterbrochen wird dies von Meldungen aus dem Süden.
Groß, aber begrenzt
Noch bringen sich Libanesen mit zweitem Pass und Ausländer auf dem Land- und Seeweg in Sicherheit. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Süden des Libanons nimmt nicht ab. Viele glauben, dass die israelischen Bodenbewegungen im Südlibanon die ersten Anzeichen einer großen, aber auf den Süden begrenzten Aktion sind.Am Sonntag besetzte die israelische Armee ein strategisch wichtiges Dorf. Am Abend des gleichen Tags gab es einen Hoffnungsfunken. Der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, erklärte, dass die israelische Aggression ein Ende haben muss und die libanesische Regierung Verhandlungen zum Gefangenaustausch durchführen soll.
In die Türkei evakuiert
Am Sonntag wurden die letzten ausreisewilligen Deutschen in der südlibanesischen Stadt Nabatiye und am Montag die deutschen Bürger in der Hafenstadt Tyros nahe der Grenze zu Israel durch die deutsche Botschaft evakuiert. Selbst die Türkei schickte ein Schiff in den Libanon.Zypern gab zu Bedenken, dass die Kapazitäten der Ferieninsel begrenzt sind, deswegen würden einige der 10.000 evakuierten US Bürger direkt in die Türkei verschifft.
Immer neue Flüchtlinge kommen in die Hauptstadt, aber auch das Bergland im Norden und Syrien bietet Schutz. «Du bringst sofort deine Kinder nach Syrien, ich sorge für den Transport», so ein Taxifahrer, der zum doppelten Preise seinen amerikanischen Straßenkreuzer über die Berge von Damaskus nach Beirut manövriert hat. Ab Zahle, der christlichen Stadt in den Bergen, muss ein Mitfahrer ihm den Weg zeigen – der Taxifahrer hat diese Strasse nach Beirut noch nie genommen.
Fünfzig Dollar am Tag
Die höchste Brücke im Nahen Osten auf der Autobahn nach Damaskus ist zerstört, der Verkehr geht nun über Nebenstrecken in den Bergen in die syrische Hauptstadt. Die Stimmung ist angespannt, die Menschen sind erschöpft und die Reserven gehen zur Neige. Die offizielle Zahl der Flüchtlinge geben die staatlichen Stellen mit 750.000 an.Das entspricht einem Fünftel der libanesischen Bevölkerung. Viele Menschen wohnen bei Verwandten. Die es sich leisten können, haben sich in den Bergen in einem der sonst von reichen arabischen Touristen bewohnten Hotels eingemietet. Fünfzig Dollar zahlen sie am Tag in diesen libanesischen Sommerfrischen. Das ist teuer. Der Staat, so klagen viele, ist schlecht vorbereitet und unfähig die Flüchtlingskrise zu meistern.
Keine Laster, keine Motorroller
«Es gibt keine ausreichende Koordination. Die staatliche Hilfsstelle hat schon zum dritten Mal ihre Rufnummer geändert. Die sind der Situation nicht gewachsen», so ein Helfer im Notzentrum in West Beirut. Die Einrichtung «Gathering» besteht aus verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, die gemeinsam Nothilfe organisieren.«Unsere Vorräte gehen zu Ende. Zwar können wir Hilfsgüter noch lokal und dezentral kaufen, das hat aber bald ein Ende», sagt Nizar Rammal, ein Koordinator dieser Gruppe. «Die Preise steigen. Eine Kunststoffmatratze kostet doppelt soviel wie letzte Woche und ist nur noch halb so dick. Auch ist der Transport teurer und in einige Gebiete sogar unmöglich geworden.»
Israel will der Hisbollah den Waffen- und Munitionsnachschub abschneiden. Deshalb geraten verdächtige Lastwagen unter Beschuss israelischer Kampfjets. Im Süden gar warf die israelische Luftwaffe Flugblätter ab, um die Bevölkerung vor der Nutzung von Lastwagen, Lieferwagen, aber auch Motorrollern zu warnen.
Korridore benötigt
«Man unterstellt den Transport von Waffen und Raketen», beklagt die amerikanische Organisation Human Rights Watch, die Beobachter in den Libanon geschickt hat. «Selbst in Afghanistan, im Balkan und im Irak gaben die Hilfskonvois ihre Koordinaten an die Kriegspartei weiter und konnten sich so sicher bewegen. Israel beachtet die internationalen Konventionen, die dies sicherstellen, nicht», so Peter Bouckaert von Human Rights Watch.Ein Sprecher einer UN-Hilfsorganisation klagt: «Wir haben ein Lager voll mit Gütern, aber wir können nichts ausliefern. Wir brauchen sichere Korridore, um die Hilfsgüter in die Krisengebiete zu bringen.»
Regierung contra Hisbollah
Kritik an der Hisbollah wird im Libanon indessen kaum laut. «Nationale Solidarität und Einheit werden häufig zur Schau getragen. Aber darunter schwelt ein Konflikt», so ein ausländischer Beobachter. Saad Hariri, der Sohn des ermordeten Ministerpräsident Rafik Hariri ist ein Gegner der Militäraktionen der schiitischen «Partei Gottes». Hariri sagte in einem Interview am Wochenende: «Nur eine umfassende Lösung wird diesen Krieg beenden können. Ein Waffenstillstand und die Regelung der Grenzkonflikte mit Israel durch Verhandlungen der Regierung können das erreichen.»Endlich soll das Entscheidungsmonopol für Krieg und Frieden also in der Hand der Regierung und nicht in derjenigen der Hisbollah liegen. Viele Libanesen denken so, aber noch sagen sie es nicht. Kritik dringt in Kriegszeiten eben nur schlecht durch. Bei einer israelischen Invasion und einem langen Konflikt mit noch mehr Toten könnten sich die Reihen wieder vollends schließen, der Hass auf Israel würde zunehmen und die leise Kritik an der «Partei Gottes» würde ganz verstummen.
Hoffnungsfunke Gefangenenaustausch
Die israelische Armee brachte am Sonntag ein Dorf im Südlibanon unter ihre Kontrolle und marschierte am Montag auf Bint Jbeil zu. Es ist die größte Stadt an der Grenze zu Israel, und wird von der israelischen Presse als Hauptstadt der Hisbollah bezeichnet. Dies sind Anzeichen einer großen, aber auf den Süden begrenzten Aktion. Israelische Militärs haben erklärt, dass sie eine Pufferzone im Süden einrichten wollen, damit die Raketen nicht mehr ihren Weg nach Nordisrael finden können.Deswegen ist die Ankündigung, dass die Regierung die Verhandlungen zum Gefangenenaustausch übernehmen soll, ein Hoffnungsfunke. Dass die Hisbollah diese Aufgabe dem libanesischen Staat überlassen soll, fordert die Mehrheit des von Saad Hariri geführten libanesischen Parlaments. Diese Mehrheit fordert auch die Stationierung der libanesischen Armee an der Grenze zu Israel.
Wenige sind optimistisch
«Die israelischen Strategen wollen endgültig die Raketenbedrohung beenden und das militärische Potential der Hisbollah zerschlagen», so Sarkis Naoum, der Leitartikler der libanesischen Zeitung «An-Nahar». Für ihn ist eine Lösung, die nicht mit der militärischen Niederlage der Hisbollah einhergeht, undenkbar.Viele klammern sich an den Funken Hoffnung, aber die kühlen Analytiker sind pessimistisch und glauben an einen langen und territorial begrenzten Konflikt im Süden des Landes.