Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Wayne und Martin Rooney: 

Ein Überlebender des Endspiels von 1966

05. Jul 2006 07:45, ergänzt 11:34
Nicht der Onkel von Wayne Rooney: Martin Rooney
Bild vergrößern
Es war keine Übung in Sachen Medienkritik, sich als Onkel Wayne Rooneys auszugeben, sagt Martin Rooney. Die Netzeitung sprach mit dem Germanisten über das schlechte Benehmen von Wayne, englische Bomber und das Erbe der DDR.

Martin Rooney hat mit der Behauptung, seine jüngere Schwester sei die Mutter Wayne Rooneys, und er also dessen Onkel, für einigen Aufruhr gesorgt. Die ARD interviewte ihn, auch in «Spiegel Online» war ein Gespräch mit ihm zu lesen. Seit der Fake aufgedeckt wurde, wird sein Haus von Reportern aus Großbritannien belagert.

Der seit 1973 in Bremen lebende Germanist ist Literaturwissenschaftlern durch seine Biografie des deutschen Autors und Nazi-Gegners Armin T. Wegner bekannt. 2003 stand er im Zentrum einer erbittert geführten Debatte, als ihm das Bremer Friedens- und Kulturhaus Villa Ichon seinen Friedenspreis zusprach, die Preisverleihung dann aber absagte: Rooney hatte der Friedensbewegung vorgeworfen, zwar gegen George Bush und den Irakkrieg zu demonstrieren, aber die Gefährlichkeit Saddam Husseins gezielt zu ignorieren. Am Dienstag Nachmittag tippte Rooney noch auf einen deutschen Weltmeister.


Netzeitung: Wayne Rooney wurde im Spiel gegen Portugal mit einer roten Karte vom Platz gestellt, weil er Cavalho ins Gemächt getreten hat. Ist das die feine englische Art?

Martin Rooney: Absolut nicht. Dadurch hat er seine Mannschaftskameraden blamiert und zur Niederlage beigetragen. Ich finde es äußerst problematisch, dass er sich nicht bei seinen Mitspielern entschuldigt hat am Sonntag.

Heute wird er in der «Sun» zitiert. Er sagt dort, er werde Christiano Ronaldo, der bekanntlich seine Hinausstellung verlangt hat, in Stücke reißen, wenn er ihn wiedersieht. Das ist absolut skandalös. Aber Sie wissen: Ich bin nicht der Onkel von Wayne Rooney.

Netzeitung: Ich weiß. Sie haben die Medien mit der Behauptung, Waynes Rooneys Onkel zu sein, ja ordentlich an der Nase herumgeführt. Was war Ihr Motiv?

Rooney: Ich habe das erstmals im Mai gesagt. Damals war das Wetter saumäßig. Es war kalt und regnerisch, und die Leute hatten lange Gesichter. Ich wollte ein bisschen humorvolle Stimmung verbreiten. Es war ein In-Joke zwischen mir und meinen Freunden hier, und alle haben sich köstlich amüsiert. Mehr nicht.

Netzeitung: Sie hatten also nicht die Absicht, angewandte Medienkritik zu betreiben?

Rooney: Es gehörte in die Rubrik: Verstehen Sie Fußball-Spaß? Es war keine Übung in Sachen Medienkritik, auch wenn ich allerhand anschauliche Beispiele für die Arbeitsweise der Medien frei Haus geliefert bekommen habe im Lauf der letzten Wochen.

Netzeitung: Sie haben dem Fußballmagazin «Rund» erklärt, Sie hätten Deutsch «über das Studium Lessings und Heines, aber vor allem auch durch den 'Kicker' gelernt». Das wäre nicht die schlechteste Kombination, wenn es denn stimmt.

Rooney: Der Kollege hat mir das Interview leider nie zur Korrektur vorgelegt. Es war so: Meine Schwester war Lehrerin bei der Rhein-Armee in Dortmund, als ich Deutsch gelernt habe. Und sie hat mir ab Herbst 1964 jede Woche das «Kicker»-Sportmagazin zugeschickt. Das war in der Saison, als Werder erstmals Deutscher Meister wurde. Seitdem bin ich überzeugter Werder-Anhänger und wenn ich richtig sehe, zähle ich zu den wenigen Leuten in Bremen, die immer noch die Meisterschaftsmannschaft von '65 auswendig können.

Netzeitung: In einem Interview mit der «Jungle World» haben Sie über Ihre Familiengeschichte gesprochen, unter anderem über Ihren Vater, der Lancaster-Bomber gebaut habe, die deutsche Städte bombardierten. Haben Sie das auch erfunden?

Rooney: Wenn Sie Wayne Rooney beiseite lassen, ist der gesamte Rest des Interviews wahr.

Netzeitung: A propos Bomber: Sven Göran Eriksson hatte die englischen Fans vor der WM dazu aufgefordert, auf Ihren Song «Ten German Bombers» zu verzichten. Können Sie das nachvollziehen?

Rooney: Ich kenne dieses Lied nicht, ich habe es nie gehört, weil ich den englischen Fußball meist in einem Irish Pub hier in Bremen verfolge. Das Problem mit Eriksson ist, dass der englische Fußballverband über fünf Jahre lang 37,5 Millionen Euro ausgegeben hat für einen Eiswürfel im Designeranzug.

Es sollte in England also nicht nach dem Onkel von Wayne Rooney gefragt werden, sondern, wieso es möglich war, dass fünf Jahre lang der Stillstand verwaltet wurde. Warum hat man Rooney also auf der Pressekonferenz nach seinem Onkel gefragt und nicht die einfache Frage gestellt: Habt Ihr wirklich gründlich das Elfmeterschießen geübt?

Netzeitung: «Ten German Bombers» handelt übrigens von deutschen Bombern, die von der Royal Air Force abgeschossen werden.

Rooney: Besonders originell scheint das Lied nicht zu sein, und ich glaube nicht, dass die hellsten Köpfe in der englischen Anhängerschaft so etwas singen. Ich mache aber keinem Vorschriften, was er zu tun oder zu denken habe. Kein Mensch muss müssen, schließlich leben wir nicht auf dem Territorium der DDR.

Netzeitung: Sie haben sich hin und wieder aber dazu geäußert, was andere öffentlich sagen: Sie haben die deutsche Friedensbewegung 2003 harsch dafür kritisiert, zwar gegen die Invasion Iraks zu demonstrieren, aber kein Wort über den Massenmörder Saddam Hussein zu verlieren. Das hat Ihnen Ärger eingehandelt.

Rooney: Richtig. Ich habe meine Meinung gesagt und bin sehr hart kritisiert worden gerade von Leuten, die lange Zeit zur DDR gehalten haben.

Netzeitung: Sie spielen auf Klaus Hübotter von der Villa Ichon an, der eine wichtige Rolle bei der heimlichen Finanzierung der Zeitschrift «Konkret» durch die DDR gespielt hat.

Mehr in der Netzeitung:
  • Die Akte 'Konkret':Klaus, Ulrike und die KPD 29. Mai 2006 09:07
  • Siegeszug im Netz: Kein deutscher Bomber in der Luft 10. Apr 2006 07:47, ergänzt 11. Apr 2006 16:47
  • Rooney: Diese Ostinfiltrierung von «Konkret» durch die SED ist ja von Hübotter gemacht worden, Klaus Rainer Röhl hat das schon 1974 in seiner Autobiografie aufgedeckt. Es wäre an der Zeit, dass Klaus Hübotter sein Herrschaftswissen preisgibt in Sachen DDR-Unterwanderung, und vor allem sollte er die Öffentlichkeit darüber aufklären, was er alles unter seinem DDR-Decknamen J. Wolf angestellt hat.

    Netzeitung: Sie haben auch über «Die Legende von der antifaschistischen DDR» gearbeitet.

    Rooney: Dieser DDR-Antifaschismus ist weitgehend Fiktion geblieben. Der schärfste Kritiker meiner Äußerungen zur Friedensbewegung zum Beispiel, Heinrich Hannover, war Mitglied der NSDAP und bis 1945 in der großdeutschen Wehrmacht. 1986 wurde er von der Humboldt-Universität in der DDR wegen seiner Verdienste um den Antifaschismus ausgezeichnet. Meine beiden Onkel, die sechs Jahre lang mit der Entsorgung der großdeutschen Wehrmacht beschäftigt waren, hätten sich darüber sehr aufgeregt.

    Auch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wollte 2003 eine Kampagne gegen mich entfachen, was allerdings etwas merkwürdig gewesen wäre, weil meine Mutter und meine Schwester von den Nazis fast getötet worden wären, und wie gesagt meine beiden Onkel gegen sie gekämpft haben. Wer mich kennt, weiß außerdem, dass ich mich seit langem um die Aufklärung über den Nationalsozialismus bemühe. Man kann man mich also nicht in die faschistische Ecke stellen.

    Die VVN hat als Teil des stalinistischen Kommunismus ein antisemitisches Erbe verwaltet, worüber man nicht spricht. 1953 wurden beispielsweise die jüdischen Mitglieder in der DDR zu zionistischen Agenten abgestempelt, und viele Juden mussten schnell die DDR verlassen, sonst wäre ihnen Böses passiert. Bis heute ist die VVN außerstande, dieses stalinistische Erbe aufzuarbeiten.

    Netzeitung: Um noch einmal zur WM zurückzukehren: Verfolgen Sie die Debatte über den «entspannten Patriotismus» der Deutschen, der die Feuilletons nicht müde zu werden scheinen?

    Rooney: Man soll das eine nicht mit dem anderen verwechseln. Ich habe meistens Freunde besucht zu den Spielen, wir haben gemeinsam gegessen und uns das Spiel angesehen. Ich habe nur einmal ein Deutschland-Spiel in einer Kneipe gesehen und mir nachher angesehen, was auf der Straße los war.

    Der fußballinteressierte Teil der Bevölkerung hat sich für vier Wochen in den Urlaub verabschiedet. Fußball ist heute ein Event wie ein Rockkonzert, die regulären Preise sind so hoch wie für ein Konzert der Rolling-Stones. Die jungen Leute wollen bei diesem Event dabei sein und sie wollen feiern. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden.

    Ich bin ja selbst ein Überlebender des Endspiels in Wembley 1966, und da ging es ganz anders zu. Heute ist der Fußball sehr viel weiblicher, die jungen, hübschen Frauen rennen in Trikots herum. Das gab es alles früher nicht.

    Mit Martin Rooney sprach Ulrich Gutmair.

     
    Drucken
    VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
     
    Zu weiteren Bildergalerien
    Zu weiteren Bildergalerien
    Zum Wissenstest

    Alle Wissenstests

    Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
    Live Top 5
    netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
    Aus anderen Ressorts
    Zur Autogazette

    Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
    NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
    Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
     
    Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
     
    IT & Security by Procado
     
    [ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
    Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.