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WM: 

Die Stadt der Frauen

04. Jul 2006 08:31
Diese Frau kann sich während des Spiels endlich mal ausruhen.
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Wenn Deutschland spielt, scheint Berlin den Frauen zu gehören. Doch die Hoffnung trügt. Eine Polemik.

Von Sophie Albers

Es hatte mit einem BBC-Interview begonnen:
– «Sie mögen keinen Fußball, ist das richtig?»
– «Ja.»
– «Sie haben sich noch kein Spiel angesehen?»
– «Stimmt. Aber die Atmosphäre in der Stadt ist nett.»
– «Werden Sie sich das Finale angucken – vor allem wenn Deutschland es schafft?»
– «Mal sehen, vielleicht...»
– «Ok, versprechen Sie mir einfach, dass Sie sich das Finale ansehen, wenn Deutschland es schafft!»

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Wer dieser Tage nicht Mitglied einer Tippgemeinschaft ist, seine Wochenarbeitszeit nicht dem Spielplan anpasst oder nicht weiß, gegen wen Deutschland eigentlich als nächstes antritt, begegnet ähnlichem Unverständnis wie ein Mainzer, der keinen Karneval, oder ein Mann, der keinen Sex mag.

Abweichler, Außenseiter, Marsmännchen steht in den Augen derer zu lesen, die sich erst wundern und dann kopfschüttelnd abwenden – vor allem aber ist man eins: wahrscheinlich eine Frau. Das ist zwar ein Klischee, aber eben auch ein wahres und den mittlerweile wohl weniger WM-begeisterten Briten offensichtlich sogar ein Interview wert.

Zu beweisen ist der Gemeinplatz der fußballgelangweilten Zicke bereits mit einer kurzen Reise durch Berlin. Am Freitag um Viertel nach fünf, Deutschland spielt gegen Argentinien, gehen vier Frauen gemächlich über die Fußgängerbrücke an der Friedrichstraße, ein Mann rennt mit Verzweiflung im Gesicht in Richtung der Bildschirme, die an der Promenade aufgebaut sind.

Schwarzfahren und rote Ampeln

Vermutlich wäre nun eine gute Zeit, um den offenbar allesamt am Sicherheitsmann-Test gescheiterten Berliner Fahrscheinkontrolleuren zu entgehen, aber eine schlechte, um einen Klempner anzurufen. Wenn frau es doch täte, würde der wahrscheinlich einen WM-Aufschlag berechnen. Auch bei Rot über die Ampel zu fahren wäre jetzt machbar, denn nicht nur die anwesenden Polizisten sind wie vor die Bildschirme genagelt, wahrscheinlich sind auch die Überwachungsbildschirme in irgendwelchen unterirdischen Schaltzentralen Übertragungs-gleichgeschaltet.

Der Bahnhof Friedrichstraße scheint von Frauen übernommen oder von Männern verlassen – das kommt auf die Perspektive an. Am Doughnutstand: eine Frau, am Obststand: eine Frau (ok, die ist immer da), im Bahn-Reisecenter: Frauen, Brezlstand: Frau. Sogar vor dem Mobiltelefonladen steht eine, die sich die Auslage anschaut, wie bestellt. Frauen wohin frau blickt. Obwohl: Da hinten rennen wieder zwei Männer – in Schwarz-Rot-Gold.

Die Armee der 76.226

Im S-Bahn-Führerhäuschen: eine Frau, die Passagiere: vier Frauen und ein Mann. Der ist allerdings in Begleitung seiner Frau und sieht so aus, als wäre er gerne woanders. Die Bahnhöfe sind entweder leer oder weiblich bestückt. Der passende Zeitpunkt für Matriarchatsfantasien.

Ist es nicht viel schöner so ohne Männer? Denken Sie nur an die Exemplare, die vor dem Anpfiff durch die Stadt getorkelt sind, grölend, schwitzend, stinkend, mit schwarz-rot-goldenen Irokesenperücken, Stammtischpublikum.

In Berlin leben 1.736.608 Frauen, aber nur 1.660.382 Männer. Reicht der Überschuss von 76.226 für einen Putsch? Als die Bahn wieder anfährt, rollen verlassene Bierflaschen quer durch den Gang, manche leer, manche leider nicht. Gibt es eigentlich eine Sportart, für die Frauen sich vergessen würden? Synchronschwimmen? Reiten? Bodenturnen?

Selbst Kotze ist WM

Auch den Fernseh-PR-Leuten ist keine eingefallen: Auf ProSieben wird die «WM for the Girls» geboten (mit einem unglaublich originellen Fußballschuh-mit-Absatz-Logo): Die drei Finalistinnen von Heidi Klums Model-Show sind zu sehen, die sich «süße» Fußballer ausgucken, bis die mit der rauchigen Stimme die Fernbedienung nimmt und auf «Sex and the City» umschaltet. Ist Sex also die Frauensportart? Nee, gehört auch den Männern, schließlich sind laut «Bild» ja seit WM-Beginn die Prostituierten am Doppelschichten schieben.

Merkel im Stadion
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Außerdem sind Mädels, deren Lebensziel es ist, von Heidi Klum zum Model gekürt zu werden, eh nicht putschgeeignet. Eine Frau mit Steherqualitäten muss her – hart und gnadenlos, jemand, der diese Armee der 76.226 anführen könnte, so wie Tank Girl, Madonna oder Angela Merkel.

Nein, Merkel geht nicht, die ist gerade im Stadion. Ob unsere Kanzlerin nur so tut, als sei sie fußballbegeistert? Was wäre eigentlich, wenn sie die Mundwinkel unten lassen würde, wenn sie sagen würde, dass sie leider arbeiten müsse? Schätzungsweise Neuwahlen.

Hat sie Angst vor dem Fußball? Schließlich kann man ihm nicht entkommen. Es gibt sogar Haarspraydosen mit WM-Logo. WM-Brötchen, WM-Hüte, WM-Shirts, WM-Kornflakes, WM-Saft, WM-Bier, WM-Schinken, WM-Kekse, WM-Schals, WM-Bärchen, WM-Fliegenklatschen, WM-Fußbälle, WM-Schlüsselanhänger, WM-Perücken, WM-Tattoos. WM-Kotze auf meinem Bahnsteig. Fünf Tage noch, Angie, maximal.

 
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