netzeitung.deSatire hat nur eine Grenze

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Robert Gernhardt (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Robert Gernhardt
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Robert Gernhardt war Romancier, Dichter, Karikaturist und Texter für Otto Waalkes. Die Kritik der Lebensformen durch die «Neuen Frankfurter Schule», die er mitbegründete, war aber mehr als Nonsens. Ein Nachruf.

Von Peter M. Gehrig

Robert Gernhardt war Humorkritiker und als solcher einer von denen, über die sein Mitstreiter F.W. Bernstein das geflügelte Wort geprägt haben könnte: «Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.» Er war eher kritischer Humorist, Humoriker viel mehr als Kritiker des Humors. Er war Dichter, Lyriker schon eher, der sich nicht scheute, die Kunst der Versformen jenseits von Germanismus-Seminaren öffentlich zu machen. Er war Denker, Maler, Zeichner und Unterhalter mit dem so oft oberflächlich gebrauchten Begriff «Tiefgang».

Am 30. Juni starb der Juristensohn aus Reval, dem heutigen Tallinn, 68-jährig in seiner Wahlheimat Frankfurt am Main. Das Multitalent Gernhardt war prägend im Genre kritischer Humor. Er war einer jener «Spiegelvorhalter», manchmal augenzwinkernd, manchmal aber auch durchaus ernsthaft, die ihr Zuhause in der «Neuen Frankfurter Schule» (NFS) gefunden hatten. Sie entsprangen allesamt der Satirezeitschrift «Pardon» und machten nach deren Niedergang auf der «Titanic» weiter.

Kein Nonsens-Dichter
Die ebenfalls verstorbenen F.K. Waechter und Chlodwig Poth, dazu Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Bernd Eilert und Hans Traxler spießten mit Gedichten, Aphorismen und vor allem auch Zeichnungen die Lebensumstände der 68er-Generation in der Bundesrepublik auf. Der Begriff der NFS war eine Anspielung auf die Frankfurter Schule um die Philosophen und Soziologen Theodor Adorno und Max Horkheimer vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, die in den Sechzigern und Siebzigern das intellektuelle Klima entscheidend prägte.

Die Bücher Gernhardts sind oft schon im Titel ironisches Programm. Ein 1982 erschienener Roman etwa heißt «Ich, ich, ich», ein anderes «über alles». Peter Rühmkorf nannte Gernhardt «Deutschlands erfolgreichsten lebenden Dichter». Dabei wurden er und seine Frankfurter Mitstreiter lange Zeit als Nonsens-Dichter abgetan. Sie galten als unernst, und erst Anfang der 80er Jahre setzte sich die Einsicht durch, dass die von Gernhardt ausgehende Gesellschafts- und Lebensform-Kritik in Form der Satire mehr Bedeutung hat als die Blödeleien publikumswirksamer Komiker. In jüngerer Zeit wurde gar die Ansicht geäußert, dass ohne die NFS der Humor Harald Schmidts wohl ein anderer wäre.

Doch Gernhardt prägte auch das Genre der leichten Komik: Er war lange Zeit Gag-Schreiber Otto Waalkes, des Zappel- und Schnellsprechkomikers vom Dienst, der ohne Gernhardts literarische Aufrüstung sicher einen schwereren Stand gehabt hätte.

Gernhardt über Mohammed
Die Zeichnungen Gernhardts, viele entstanden in der von ihm geliebten Toskana, prägt ein eher sparsamer Federstrich. Viele sind Illustration zu Gedichten, viele Gedichte sind Erweiterungen der Zeichnungen. Seine Dichtkunst aber war es, die ihm vielfältig Preise und Auszeichnungen brachte, zuletzt 2004 den Joachim-Ringelnatz-Preis der Stadt Cuxhaven und den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. Bis zuletzt mischte sich Gernhardt auch in die aktuelle politische Diskussion ein.

In einem «Tagesschau»-Interview zum Karikaturenstreit um den Propheten Mohammed verfocht er die These, dass solche Karikaturen auch zur Aufklärung beitragen. Extreme Satire zeige auch, wo Hassgefühle der jeweiligen Seite lägen. Deshalb habe Satire für ihn nur eine Grenze, nämlich die der Sachkenntnis, sagte Gernhardt im Februar. Er karikiere nichts, bei dem er sich nicht auskenne. Robert Gernhardt kannte sich in fast allem aus. (AP)