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So macht Kommunismus Spass: 

Klaus, Ulrike und die KPD

29. Mai 2006 09:07
Studentin Ulrike Meinhof in Münster, 1958
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Bettina Röhl hat ein Buch über ihre Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl geschrieben. Die illegalen Kommunisten machten «Konkret» zum linken Zentralorgan.

Von Ulrich Gutmair

Das war früher also linksradikal: Die vollbusige, Alkohol trinkende Jayne Mansfield betitelt man mit «Deutsche Frauen». Daneben wird ein strahlender Außenminister Heinrich von Brentano mit einem Nato-Schild in der Hand gezeigt und dem Kommentar «Deutsche Treue» versehen. Das ewige Symbol des verderbten amerikanischen Lebensstils, die Coca-Cola-Flasche, bekommt den besonders gewitzten Untertitel «Deutscher Wein» verpasst. Da fehlt natürlich nur noch einer, der den keuschen germanischen Charakter ganz besonders verdorben hat: Elvis, die neue Ikone «Deutschen Sangs».

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  • Diese kuriose Collage ziert das Cover von «Konkret» Nummer 8 aus dem Jahr 1957. Es besteht zwar die leise Hoffnung, dass die verantwortlichen Redakteure nicht im Ernst so ideologisch verklemmt gewesen sein könnten, dass also vielleicht auch ein bisschen Ironie im Spiel war. Der damalige Chefredakteur Klaus Rainer Röhl ist allerdings seit einigen Jahren bekennender Nationalliberaler, was den Zweifel nährt, dass sich hier womöglich eine ganz authentische Phobie geäußert hat.

    Der Blick der Tochter

    Zu solchen und vielen anderen Meditationen lädt Bettina Röhls Buch «So macht Kommunismus Spaß!» über ihre Eltern ein, das den Untertitel «Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret» trägt. Röhl ist es gelungen, ein – trotz seiner deutlichen Überlänge von 677 Seiten – gut zu lesendes und oft genug spannendes Buch zu schreiben. Vor dem Hintergrund der Fünfziger und Sechziger und der Kämpfe gegen Wiederbewaffnung und Notstandsgesetze handelt es von den kommunistischen Karrieren von Meinhof und Röhl und um das konfliktträchtige Verhältnis der Zeitschriftenmacher zu den Funktionären der KPD.

    'Konkret' Nr. 8
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    Röhl blickt distanziert, aber auch mit Humor auf ihre Eltern und in die Akten, die die Partei über ihr Zeitschriftenprojekt mit dem Codenamen «Käthe» führte. Sie versucht dankenswerter Weise meist erst gar nicht, die Akteure psychologisch zu interpretieren, auch wenn sie einen scharfen Blick auf deren Handeln wirft. Das gelingt interessanterweise, obwohl sich Röhl offensiv dafür entschieden hat, die Geschichte auch aus der naiven Perspektive der Tochter Ulrike Meinhofs zu schreiben. Die ist nachvollziehbarerweise darüber froh, nicht in einem afrikanischen PLO-Waisenhaus gelandet zu sein, in das ihre Mutter sie schicken wollte, und das wenig später durch ein Bombardement dem Erdboden gleichgemacht wurde.

    Warum Kommunisten?

    Stattdessen wuchs Röhl in einem höchst bürgerlichen Umfeld in Hamburg auf, eines der Fotos des Bandes zeigt sie und ihre Zwillingsschwester in New-Wave-Klamotten auf einem Moped. Ihre übergeordnete Fragestellung lautet dementsprechend: Was hatten meine Eltern eigentlich gegen die Bundesrepublik, die sich doch weit weniger zu Schulden kommen ließ als der kommunistische Schurkenstaat DDR? Warum sind sie Kommunisten geworden? Eine genuin politische Auseinandersetzung mit Frage zwei wird allerdings doch etwas schwierig, wenn man Frage eins so staatsbürgerlich korrekt vorausgeschickt hat.

    Man ist daher beim Lesen manchmal versucht, der Autorin die auf der Hand liegende Gegenfrage zu stellen: Könnte es sein, dass Meinhof wie viele andere Leute vor und nach ihr, und das waren im 20. Jahrhundert bekanntermaßen oft gerade nicht die Dümmsten, Kommunistin geworden ist, weil der laut Selbstdefinition alle Verhältnisse umwerfen will, «in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist»?

    Dass Röhl dieser Gedanke selbst nicht ganz fremd sein kann, zeigt sich an ihrer Sympathie für die illegalen Kommunisten, die in den Fünfzigern und Sechzigern immerhin «für wirtschaftliche Teilhabe der Unterprivilegierten», «also für soziale Gerechtigkeit» gekämpft hätten – im Gegensatz zu den karrieristischen IMs aus den Reihen der 68er.

    Linke Stimmung

    Interessant ist das Buch, das der «Kärrnerarbeit» der illegalen KPD also durchaus Respekt zollt, daher nicht wegen seiner politischen Analysen, sondern wegen seiner nüchternen und detaillierten Betrachtung der Zeitgenossen. Es basiert zu großen Teilen auf Interviews und liefert Unmengen von Transkriptionen aus den Akten, aber auch Briefe und Artikel von Meinhof.

    Meinhof pflegt einen noch bei der Setzung von Kommata stets durch taktische Überlegungen geprägten, manchmal durchaus ironischen Stil. Die Chefredakteurin und anerkannte Kolumnistin Meinhof formuliert so meist treffend, was in linken Zirkeln auf diffuse Weise en vogue ist, und erzielt auch über diese hinaus Wirkung. Etwa in den Chefetagen mancher nicht dezidiert antikommunistischer Medien, wo, wie Literaturkritiker Fritz J. Raddatz bemerkt, nicht gerade ausgewiesene Hitlergegner saßen, während die Emigranten von der Branche zielsicher vergessen wurden.

    Gerade solche Paradoxien und merkwürdigen Gemengelagen im Nachkriegsdeutschland, die komplexen Verhältnisse zwischen einzelnen Akteuren und kollektiven Stimmungen sind der eigentliche Inhalt dieses Buchs. Desweiteren kann es als Abrechnung mit dem Stalinismus gelesen werden, der sich für den aufmerksamen Leser immer wieder als zentrales Problem darstellt.

    Respektlose Anarchisten

    Röhl gelingt es, ihr Material so zu sortieren und zu präsentieren, dass es für sich selber sprechen kann. Zum Beispiel die geheimen Lagebesprechungen von Manfred Kapluck und Richard Kumpf, Abteilungsleiter für Jugend und Kultur der seit 1956 in der Bundesrepublik illegalen KPD, mit Röhl, Meinhof und anderen Redakteuren der «Konkret» in Ost-Berlin: Sie sind gerade deswegen so spannend nachzuvollziehen, weil sie zeigen, wie die politischen Strategien und taktischen Maßnahmen der handelnden Akteure aussehen und worüber im Detail gestritten wird.

    Ein ständiger und am Ende entscheidender Streitpunkt ist, dass die «Anarchisten», wie ein Mitarbeiter des «Neuen Deutschland» die «Konkret»-Leute einmal gegenüber einem Kollegen von der «FAZ» bezeichnet, die DDR immer wieder genauso ironisch in die Pfanne hauen wie sie über die Zustände in der Bundesrepublik herziehen. Schnell wird deutlich, dass die Redakteure der Zeitschrift, die gut zehn Jahre lang von der DDR finanziert wird, zwar irgendwie glühende Kommunisten sind, mit dem Stalinismus der Kader und den realen Zuständen in der DDR aber immer weniger anfangen können.

    Erfolgreiche Arbeit

    Klaus Röhl trifft nach seinen konspirativen Treffen mit der Partei in Berlin gerne eine Künstlerriege, von denen die meisten trotz unbestreitbarer Dienste für die Sache nicht mehr wohl gelitten sind, darunter Ernst Busch, John Heartfield und Wieland Herzfelde, Arnold Zweig, Willy Bredel, Stephan Hermlin und Stephan Heym. Der Konflikt verstärkt sich, als die Supervision des Projekts seitens der Geldgeber von Jupp Angenfort und Oskar Neumann übernommen wird, denen Klaus Röhl rückblickend «Anmaßung, Ignoranz, Dummheit und kulturellen Stalinismus» attestiert.

    Dabei sind die Leute von «Konkret» unter den Chefredakteuren Klaus Röhl und Ulrike Meinhof, die ihren Mann nicht zuletzt wegen Konflikten mit der KPD über die Ausrichtung des Magazins ablöst, äußerst erfolgreich. Eine Zeitlang gelingt es der kleinen, aber effizienten «Konkret»-Fraktion etwa, den SDS zu unterwandern und Spitzenposten zu besetzen. Schon der Vorläufer «Konkrets», der «Studenten-Kurier», erreicht laut einer Einschätzung des Allensbacher Instituts ein Drittel der westdeutschen Studentenschaft.

    Später macht sich «Konkret» nicht nur wegen seines dezidierten Anti-Antikommunismus, sondern besonders wegen seines Feuilletons einen Namen. Arno Schmidt hält es für die beste Kulturzeitung und veröffentlicht später selbst dort neben Alfred Andersch und Sebastian Haffner. Der junge Autor Hubert Fichte schreibt über Musik und veröffentlicht seine Interviews.

    Lernen von Amerika

    Es ist absurderweise eine keineswegs besonders scharfe Kritik am Stalinismus von «Konkret»-Redakteur Jürgen Holtkamp im Anschluss an eine Kafka-Konferenz in der CSSR, die das Fass bei den orthodoxen deutschen Kadern zum Überlaufen bringt. Holtkamp schrieb er unter anderem: «Das Werk Kafkas ist im Entstalinisierungsprozess der Literatur vor allem als Demonstrationsobjekt aufzufassen. Kafka steht stellvertretend für die Namen der jungen literarischen Generation.»

    Renate Riemeck und Ulrike Meinhof 1953
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    Dieser Bericht über den beginnenden Prager Frühling erboste die Genossen im Osten, es kam zu einem heftigen Streit, in dessen Verlauf Holtkamp laut Akte gar den Parteiausschluss der Stalinisten Angerfort und Neumann gefordert haben soll, weil sie der Partei schadeten. Am Ende war es aber der westdeutsche Genosse Röhl, der aus der Partei ausgeschlossen wurde, während Meinhof bis zu ihrem Tod Parteimitglied blieb.

    Jetzt lernt man bei «Konkret» gerne von Amerika, nämlich die Binsenweisheit, dass man mit Sex noch immer am besten sein Produkt verkauft. Ab Mitte der Sechziger zeigt man regelmäßig halbnackte Mädchen auf dem Cover, die Themen sprechen für sich: «Frigide durch Anti-Babypille?», «Alles über Nackte. FKK-Klubs in Deutschland». Selbst eine dreiteilige Reportage über ein benachbartes sozialistisches Musterland wirkt ungleich mehr sexy, wenn sie auf dem Titel mit dem Slogan «DDR intim» angekündigt wird. «Konkret» wird nun erfolgreich ohne Parteiauftrag weitergeführt und die Macher Röhl und Meinhof vergnügen sich in Sylt mit dem linksliberalen Medienestablishment. Das geht so lange gut, bis 1968 naht.

    Autonome Bürgerin

    Meinhofs Weg in den Terrorismus zeichnet das Buch nicht nach, es betreibt auch keine biographische Ursachenforschung. Die Eheprobleme von Röhl und Meinhof werden dennoch genauso behandelt wie Meinhofs gespanntes Verhältnis zu ihrer Ziehmutter Renate Riemeck. Eines der verblüffendsten Fotos des Buches zeigt Ulrike Meinhof 1953 mit Riemeck, die, würde man den Kontext nicht kennen und folgte man den Bekleidungscodes und den Blicken, auch ein lesbisches Paar sein könnten.

    Ihren Aufenthalt im Hause Riemeck zu dieser Zeit beschrieb Meinhof später, in einem Brief aus der Haft an ihre Tante, als «Unterdrückung, Herrschaft, Psychoterror». Riemeck hatte Meinhof brutal dazu gezwungen, ihre erste Liebe, einen Klassenkameraden, zu verlassen. Meinhof fuhr in ihrem Brief fort: «Es ist ganz unmöglich und vollkommen falsch, die Ursachen für eine bestimmte Entwicklung in einer Biographie, in der persönlichen Geschichte zu suchen – diese privaten in der Isolation verlaufenen Geschichten lassen immer, wenn man aus bürgerlichen Verhältnissen kommt erst recht, verschiedene politische Entscheidungen offen.» Eben diese Überlegung hat sich ihre Tochter – entgegen anders lautender Gerüchte – offenbar zu Herzen genommen.

    Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret. EVA, 2006. 677 Seiten, 29,80 Euro.
     

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