Textilindustrie:
Ein T-Shirt geht um die Welt
23.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«Und wer hat dein T-Shirt gemacht?» Diese Frage hört die Ökonomieprofessorin Pietra Rivoli im Jahr 1999 während einer Anti-Globalisierungskampagne an ihrer Heimuniversität Georgetown in Washington. Eine junge Protestlerin steht am Rednerpult und fragt weiter: «War es ein vietnamesisches Kind, das ohne Essen oder Trinken an eine Nähmaschine gekettet war? Oder ein junges Mädchen in Indien, das 18 Cent pro Stunde verdient und nur zweimal am Tag zur Toilette gehen darf?»
Rivoli stellt fest, dass sie diese Frage genauso wenig beantworten kann wie die junge Aktivistin. In ihrem «Reisebericht eines T-Shirts» versucht sie, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen.
Die Autorin beginnt mit einem detaillierten Überblick der Geschichte der Baumwollindustrie und beleuchtet eingehend die Baumwollproduktion in den Südstaaten der USA. Die Dominanz amerikanischer Baumwolle auf dem Weltmarkt ist auch noch heute ungebrochen, was an den horrenden Subventionen der US-Regierung liegt. Sie sichern den texanischen Farmern das Überleben und lassen den Bauern in der Dritten Welt oftmals keine Chance. Die jährlichen Subventionen übersteigen das Bruttosozialprodukt manch eines afrikanischen Landes.
Schon von jeher wurden junge Frauen für die harte Arbeit in der Textilindustrie eingesetzt, da sie als besonders fügsam und ausbeutbar galten. Dennoch ist Rivoli der Meinung, dass sich die Allgemeinsituation für diese Frauen verbessert hat. Denn die oftmals «unmenschlichen» Arbeitsbedingungen gingen mit Selbstbestimmung und ökonomischer Befreiung einher.
Als erste wirkliche Hürde stellt sich die Einreise ihres T-Shirts in die USA heraus. Interessengruppen verschiedenster Art kämpfen seit Jahrzehnten gegen den Import von Textilien. Quotenregelungen und teils irrwitzige Bestimmungen sollen die Textilflut aus China und anderen Ländern eindämmen.
Aber nicht in jedem Land sind die westlichen Almosen willkommen. Manche Regierung sieht darin einen Angriff auf die heimische Textilindustrie. Bestimmend sind zudem auch Angebot und Nachfrage: so sind Sporttrikots erfolgreicher Teams teurer als die der Verlierer und Outfits in mehrfacher Ausführung begehrter, da sie beispielsweise als Kellneruniformen einsetzbar sind.
Am Ende schließt Rivoli den Kreis und überlegt, was sie der jungen Georgetown-Aktivistin antworten könnte. Sie kommt zu dem Schluss, dass nicht die Risiken der Marktwirtschaft, sondern die Verweigerung politischer Rechte für die Armen die wirkliche Gefahr darstellt. Ihr Rat an die Aktivisten: Weitermachen und wachsam bleiben. (dpa)
Pietra Rivoli: Reisebericht eines T-Shirts, Econ Verlag 2006, 335 Seiten, 16 Euro

