WM:
Kein deutscher Bomber in der Luft
10. Apr 2006 07:47, ergänzt 11. Apr 2006 16:47
 |  Torsun in 'Ten German Bombers' | Foto: Web |
|
Sven-Göran Eriksson will die englischen Fans während der WM keinesfalls von «Ten German Bombers» singen hören. Ein Videoclip mit einer Technoversion des Stadionklassikers ist jedoch seit kurzem ein Hit im Netz.
Von Ulrich GutmairDer deutsche Intellektuelle Karl-Heinz Bohrer hält die englische Arbeiterklasse aufgrund ihrer «brüllenden Gemeinheit» für eine Avantgarde auf dem Feld der Vulgarität. Der britische Innenminister Charles Clarke wiederum macht sich schon Sorgen über das Verhalten englischer Fans während der Weltmeisterschaft. Er hat angekündigt, nicht nur 79 Bobbys, sondern auch ein Team von vier Staatsanwälten nach Deutschland zu entsenden. 3.200 englische Hooligans wurden für die Dauer der WM schon mit Reiseverbot nach Deutschland belegt.
«Zu Gast bei Freunden» laute das offizielle Motto der WM, sagte Clarke vor kurzem, «und so würden wir das Turnier auch gerne ablaufen sehen». Bekanntlich gilt es aber von Alters her als Ausdruck britischen Humors, bei jeder passenden, aber auch unpassenden Gelegenheit Pickelhauben, Stechschritt und «Deutschen Gruß» ins Spiel zu bringen, wenn es darum geht, Deutsche zu ärgern. Das gilt für die Boulevardpresse wie für englische Fußballfans.
Don’t mention the war!
Duleep Allirajah, Kolumnist des britischen Onlinemagazins «Spiked», glaubt, das Motto der WM würde auch den Teletubbies oder einer Krabbelgruppe gerecht werden. Den Clarke’schen Hinweis hingegen interpretierte er postwendend dahingehend, das könne für englische Fans wohl nur eins bedeuten: «Don’t mention the war!» Tatsächlich klärte Clarke die Fans auch gleich über spezifisch deutsche Straftatbestände auf: Die deutschen Behörden könnten jeden, der den Hitlergruß zeige, Hitler imitiere oder «Sieg Heil» rufe, auch ohne Verfahren bis zu zwei Wochen inhaftieren.
Dass englische Fans darüber hinaus möglicherweise auch für das Singen von Liedern über den Zweiten Weltkrieg oder das Mitführen aufblasbarer Spitfires belangt werden, deutete ein hochrangiger Polizist der britischen WM-Einheit allerdings nur vage an. Dagegen dürfte es auch in Deutschland wohl kaum eine Handhabe geben.
The R.A.F. from England shot one down
Der Trainer des englischen Nationalteams, Sven-Göran Eriksson, wurde in der Angelegenheit aber noch präziser. Es sei insbesondere unerwünscht, dass die Fans den allseits beliebten Song «Ten German Bombers» in Deutschland zum Besten geben. Er handelt davon, wie zehn Bomber von Görings Luftwaffe nacheinander von der Royal Air Force (R.A.F.) abgeschossen werden. Ob sich englische Fans ihre Schlachtgesänge - und noch dazu von Eriksson - verbieten lassen werden, dürfte fraglich sein.Darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage, was gerade an «Ten German Bombers» so verwerflich ist. Die Melodie entspricht der des deutschen Klassikers «Von den blauen Bergen kommen wir». Der Text besteht im Großen und Ganzen aus nicht mehr als zwei Zeilen, in denen lediglich die Zahlen variieren: «There were ten German bombers in the air. Then the R.A.F. from England shot one down. There were nine German bombers in the air, etc.»
Stand up, if you won the war
Der deutsche Fußball-Blog «Lizas Welt» kam daher zum Schluss, «Ten German Bombers» habe eine klare antifaschistische Aussage, «und da ist es nicht einzusehen, warum er nicht zum Besten gegeben werden darf». Lizas britischer Kollege Allirajah wiederum gab zu bedenken, dass die deutschen Fans in dieser Frage wohl dickhäutiger seien, als sich Clarke und Eriksson das vorstellen könnten. Die Deutschen seien schließlich daran gewöhnt, englische Fans «Stand up if you won the war!» singen zu hören. Und üblicherweise antworteten sie darauf mit hämischen Gesängen über Mad Cow Disease, lautem Muhen und Gesten, die Kuhhörner andeuten.
 |  Englische Fans haben Spaß in Lissabon | Foto: dpa |
|
Überhaupt habe Clarke eines ganz grundsätzlich nicht verstanden, vermutete Allirajah: «Es gibt Momente und Orte, an denen man Freundschaft schließt, aber ein Fußballmatch gehört sicher nicht dazu.» Der rituelle Austausch von Beleidigungen mache Fansein erst aus, je anstößiger, desto besser. Außerhalb des Stadions seien antideutsche Ressentiments in Großbritannien dagegen kaum mehr anzutreffen: «Wir fahren deutsche Autos, kaufen deutsche Elektrogeräte und trinken deutsches Bier. Und widerwilig bewundern wir sogar ihre unbarmherzige teutonische Effizienz beim Elfmeterschießen.» Die Politik der Tribüne, so Allirajah, sei eben in erster Linie Theater.
Remember 1966
Das sahen offensichtlich auch Torsun feat. Koks & Pillen so, die nicht nur ein Faible für großes Theater und massenwirksamen Pop wie den von Scooter haben. Hinter dem Projekt verbergen sich das Berliner Elektropunk-Duo Egotronic und einige Freunde aus dem antideutschen linken Spektrum. Auch sie konnten keinen guten Grund erkennen, warum deutsche Bomber über England nicht abgeschossen werden sollten. Als Reaktion auf Erikssons Ermahnungen produzierten sie kurzerhand eine Stadiontechno-Version von «Ten German Bombers» und ein Video dazu.
 |  Still aus 'Ten German Bombers' | Foto: Web |
|
«Ten German Bombers» wurde laut Torsun innerhalb von drei Tagen eingespielt und gedreht. Zu sehen sind unter anderem die entscheidenden Szenen der großen deutschen Niederlage in Wembley («Remember 1966!»), abstürzende Flugzeuge der Luftwaffe und ein Teller Sauerkraut. Am Ende wird eine schwarz-rot-goldene Fahne mit «2006»-Aufschrift angezündet, was die ansonsten sympathisierende «Lizas Welt» zu dem Kommentar veranlasste, das Anzünden von Flaggen solle man vielleicht doch besser Islamisten und Nazis überlassen.
Uwe's Granddad bombed Old Trafford
Der Clip wurde am 27. März ins Netz gestellt und bis Sonntag abend 32.000 mal abgerufen. Links auf das Video sind bereits so weit verbreitet, dass man mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf gestoßen wird, ohne je danach gesucht zu haben. Das dürfte nicht nur dem Umstand geschuldet sein, dass der Clip auf englischen Fansites freundlich aufgenommen wurde, wie zu hören ist und zu erwarten war: «Ten German Bombers» ist außerdem nach allen Regeln der Kunst produziert, weil es mit kleinsten Mitteln den größtmöglichen Effekt erziehlt und damit dem folkloristischen Original alle Ehre macht.Währenddessen ist auf Torsuns Blog nachzulesen, wie weniger erfreute deutsche Fans, für die Fußball weiterhin das Theater nationaler Mobilmachung ist, auf die Provokation reagieren. Vermutlich würde sie die Erkenntnis nicht milder stimmen, dass auch englische Fans deutsche Bomber zu schätzen wissen, wenn es nur die Richtigen trifft: Zu Ehren des beliebten deutschen Spielers Uwe Rösler ließen Fans von Manchester City einst T-Shirts bedrucken, auf denen zu lesen war: «Uwe's Granddad bombed Old Trafford». Die deutsche Luftwaffe hatte das Stadion des Erzrivalen Manchester United 1941 durch Bombardements schwer beschädigt.