19.02.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Charles Aznavour während des Konzertes in Hamburg
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Ein bewegendes Konzert, ein wehmütiger Abschied eines großen Chansonniers von der Bühne: Charles Aznavour hat in Hamburg seine wohl letzte Tournee begonnen. Fast zwei Stunden lang sang der 81-Jährige.
Von Matthias HoenigCharles Aznavour hat im Hamburger Congress Centrum seine kleine Farewell-Tournee durch Deutschland begonnen. Am Ende huldigen die begeisterten Fans dem 81 Jahre alten Weltstar aus Paris mit großem Applaus, werfen ihm rote und weiße Rosensträuße zu.
Doch auch Stakkato-Klatschen hilft nicht, Aznavour zeigt sich nach fast zweistündigem Auftritt nur noch einmal kurz im Scheinwerferlicht und winkt in schwarzem Anzug und schwarzem Hemd vielleicht ein letztes Mal von der Bühne seinem Hamburger Publikum zu.
Eine Zugabe wäre auch nicht passend gewesen, das ganze Konzert schien wie ein Geschenk nach 70 Jahren Bühne. Sein letzter Titel ist ein symbolträchtig gesetzter Höhepunkt: «Emmenez-moi au bout de la terre», nehmt mich mit bis zum Ende der Erde.
Sohn armenischer FlüchtlingeRückblende: Als Neunjähriger bereits steht der in Paris geborene Sohn armenischer Flüchtlinge auf der Bühne, anfangs arm und ohne Erfolg. Später, von Edith Piaf entdeckt und gefördert, beginnt der Weg zum Weltruhm: Mehr als 100 Millionen Platten, Erfolge wie «Mes amis, mes amours», «She» oder «Tu te laisses aller» klingen in den Ohren jedes Chanson-Freundes. Yves Montand, Georges Brassens, Jean-Claude Pascal, Gilbert Bécaud, Joe Dassin - sie alle leben nur noch in ihrer unvergessenen Musik fort.
Neben Georges Moustaki, übrigens auch ein Einwanderer, ist Aznavour einer der letzten Großen des französischen Chansons. Und so kommt er zügigen Schrittes auf die Bühne des Hamburger Congress Centrums, als wäre die Zeit stehen geblieben. Vital wirkt er, kein alter Mann.
Mit Sängerinnen im DuettAls Begleitung hat Aznavour sieben Musiker - darunter Pianist, Bassist, Gitarrist und Schlagzeuger - und zwei junge Sängerinnen dabei, die ihn im Laufe des Abends sogar jeweils im Duett begleiten dürfen. Mit seiner ebenso festen wie warmen Stimme, seinen kleinen, aber ausdrucksstarken Gesten fesselt er zunehmend das Publikum in dem nicht ganz ausverkauften riesigen Saal, der eigentlich für Chansons gar nicht geeignet ist.
Ein erhöhter Regiestuhl auf der Bühne bietet ihm Gelegenheit, auch mal im Sitzen zu singen. Fast zwei Stunden singt Aznavour eine Auswahl seiner größten Erfolge. Seine Texte sind nachdenklich, lyrisch, ebenso romantisch wie zynisch, sie spiegeln das Leben. Es geht um Liebe mit all ihren Schwierigkeiten, um Außenseitertum, die Erfahrungen eines Flüchtlings - und Aznavour wirft einen wehmütigen Blick zurück auf die Jugend («Non, Je n'ai rien oublié»).
Kalt gewordene EhepartnerinEin Höhepunkt ist seine Interpretation von «Tu te laisses aller»: Er lacht schal, rechnet ab mit seiner kalt gewordenen Ehepartnerin, singt fast im Parlando. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, den Song zu singen, sagt er danach, diesmal habe er die unromantische Variante gewählt. Aznavour wechselt schnell die Stimmungen, einfühlsam singt er von den diskriminierenden Erfahrungen eines Homosexuellen in «Comme ils disent». Die Fans sind beeindruckt.
Ob der Abschied von der Bühne wirklich definitiv ist, weiß allerdings auch seine Agentur nicht hundertprozentig zu bestätigen. Auftritte seien für Aznavour ein Lebenselixier, so eine Sprecherin. «Ich habe niemals gearbeitet, um Platten zu verkaufen, sondern, um auf der Bühne zu stehen. Das ist mein wahrer Beruf», wird Aznavour auf seiner Internetseite zitiert.
Weitere Tourneestationen: Wien (18.2.), Frankfurt/Main (19.2.) und
Essen (20.2.)) (dpa)