06. Feb 2006 07:43
Die heftigen Reaktionen auf die umstrittenen Karikaturen aus Dänemark haben weniger mit der Humorlosigkeit einzelner Muslime als mit der sozialen Dimension des Islam zu tun. Die Netzeitung sprach darüber mit dem Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg.
Netzeitung: Sind Sie von der Heftigkeit überrascht, mit der große Teile der islamischen Welt derzeit auf die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark reagieren?Kippenberg: Zunächst ist man natürlich verblüfft. Und fragt sich: Haben die denn überhaupt keinen Humor? Dann aber erinnert man sich, dass man so etwas schon mal erlebt hat. Denken Sie an Salman Rushdies Roman «Die satanischen Verse». Da hat sich die islamische Welt ja in gleicher Weise erregt.
Mohammed und seine Frauen kamen in diesem Buch satirisch und ironisch gekehrt vor: als Prostituierte im Bordell der Stadt Jahilija – was aber eben nicht unter dem Zeichen von Satire und Ironie wahrgenommen wurde, sondern als öffentlicher Angriff auf die Ehre der Muslime.
Das wirkte dann hierzulande in der Debatte um Annemarie Schimmel nach, bei der man sich fragte, ob sie nicht zu viel Verständnis für die Empörung der Muslime aufgebracht habe. Es gibt hier also auch andere Vorfälle, die man in gleicher Weise einordnen muss.
Netzeitung: Liegt also in der islamischen Welt eine Unfähigkeit zum ironischen, zum gebrochenen Sprechen vor, sobald es um religiöse Fragen geht?
Kippenberg: Zunächst einmal muss man sich die Bedeutung klar machen, die der Islam für die Menschen im Nahen Osten aber auch in der europäischen Migration hat. Die Verhältnisse, unter denen diese Menschen leben, sind ganz wesentlich durch die Religion geprägt. Der Islam ist das soziale Band, das sie eint.
Das ist anders als im Christentum – zumindest dort, wo wir es in Nationalstaaten ausgebildet vorfinden. Da läuft das gesellschaftliche Band über die Nation und nicht über die Religion. Im Bereich des Islam ist es nicht zu einer ähnlichen Bildung von Nationalstaaten gekommen wie im Westen – daher die primäre soziale Funktion der Religion. Die Auseinandersetzung mit dem Islam beinhaltet mehr Elemente, als wir auf den ersten Blick annehmen.
Bei uns würde der vorliegende Fall ja am ehesten unter dem Aspekt Blasphemie diskutiert werden. Im Fall von Salman Rushdie haben die britischen Muslime versucht, ihre Regierung zu einem Verkaufsverbot der «Satanischen Verse» in Großbritannien zu bewegen. Übrigens wurde der Roman in Indien nicht zugelassen und auch in Südafrika nicht. Beide Länder haben in ihrer Verfassung Bestimmungen, die verhindern sollen, dass in irgendeiner Weise religiöse Gefühle großer Minderheiten durch solche Veröffentlichungen verletzt werden. Ganz absurd war das Ansinnen also nicht.
Netzeitung: Es geht also mehr darum, dass eine derartige Satire den Islam als Sozialordnung angreift – und nicht unbedingt so sehr den Glauben des Einzelnen?
Kippenberg: Wir müssen aus einer solchen Reaktion lernen, dass der Islam Züge einer Sozialmoral in sich trägt, die für die Menschen fundamental und absolut verbindlich ist. Das ist anders als im Westen, wo Religion eher als Privatsache verstanden wird.
Dabei gibt es auch bei uns eine lange Tradition von kirchlichem Protest und sogar Blasphemieprozessen gegen Karikaturen, die das Christentum zum Thema haben. Nie steht dabei allerdings die Religion als primäres soziales Band auf dem Spiel. Die Verwunderung, die jetzt im Westen über die Erregung in der islamischen Welt um sich greift, macht auch deutlich: Wir haben große Schwierigkeiten, den Islam zu verstehen und einzuordnen; die Lage und die Situation von Muslimen in Europa ist vielen westlichen Zeitgenossen fremd und egal.
Netzeitung: Hat man es bei den Protesten mit dem homogenen Ausdruck der Stimmungslage in islamischen Ländern zu tun, oder handelt es sich nicht eher um ein gezielt politisch gesteuertes Ereignis?
Kippenberg: Auf jeden Fall sind die Proteste auch politisch gesteuert. Noch einmal zum Fall Rushdie, weil der sehr gut vergleichbar ist. Damals kam eine regelrechte Konkurrenz zwischen Saudi-Arabien und dem Iran auf. Wer kann die öffentliche Empörung am lautesten artikulieren, wer kann die Leute am besten hinter sich sammeln, wer kann am ehesten von sich sagen, dass er die Ansprüche der Muslime vertritt? Und es ist auch jetzt bei den Karikaturen nicht anders, wenn Saudi-Arabien und andere Staaten um die Vorreiterrolle unter den Entrüsteten konkurrieren.
Man darf daraus aber nicht ableiten, dass Muslime per se humorlos seien und nicht erkennen würden, was eine Satire ist. Der einzelne Moslem kann über den vorliegenden Fall anders denken als die Repräsentanten der Sozialordnung, in der er lebt, und über eine Satire, die seine eigene Religion auf den Arm nimmt, genau so lachen wie wir. Die Spaltung zwischen dem Islam als öffentlicher Sozialordnung und dem persönlichen Glauben von Menschen ist stark ausgeprägt.
Netzeitung: Wie groß ist die Provokation, die von einem gezeichneten Mohammed ausgeht? Die Karikaturen verstoßen doch gegen das islamische Bilderverbot.
Kippenberg: Die islamische Welt wird genauso stark von Bildern überschwemmt wie unsere – daher glaube ich nicht, dass das alte Bilderverbot weiterhin eine größere Rolle spielt. Vielleicht bei bestimmten Geistlichen – aber sicher nicht für die Muslime, die sich jetzt erregen.
Hier kommt eher zum Tragen, dass in islamischen Gesellschaften kein ähnlich differenziertes Reden über Religion ausgebildet ist, wie wir es von der europäischen Aufklärung kennen. Denken Sie an Kant, der sagt: vernünftige Religion – das ist doch nicht die Kirche. Vernünftige Religion, das ist die kirchliche Tradition, die durch die Aufklärung hindurch gegangen ist.
Während wir diese Karikaturen als Kritik an neueren Gewalttendenzen im Islam lesen, ohne die moralischen Potentiale des Islams in Frage zu stellen, fehlt bei Muslimen überwiegend ein kritisches Reflexionsvermögen, das einen entsprechenden Zugang zu den Karikaturen möglich macht. Wenn daher bestimmte Elemente der islamischen Religion in eine nichtislamische kritische Öffentlichkeit getragen werden, wirkt das schlicht wie eine Beleidigung und Ehrverletzung.
Netzeitung: Die Karikaturen suggerieren ja auch, dass der Islam eine durch und durch gewalttätige Religion ist – wenn sie etwa den Propheten mit einer brennenden Lunte am Turban zeigen. Wie schwer wiegt diese Unterstellung
Kippenberg: Ich glaube, dass dieser Aspekt die Leute besonders empört. Und diese Empörung ist nicht grundlos, wenn man einen Blick auf die Geschichte des Islam wirft. Er war gegenüber den Nichtmuslimen viel toleranter als das Christentum umgekehrt gegenüber dem Islam.
Man muss sich nur die Geschichte der Wiedereroberung Spaniens anschauen. Bis zum Moment der Reconquista haben Muslime, Christen und Juden da in einem Verhältnis von Duldung zusammenleben können, das durch die Christianisierung gewaltsam beendet wurde. Die Muslime wurden vertrieben und die Juden gezwungen, sich zu bekehren. Das Christentum hat viel weniger Möglichkeiten der Institutionalisierung religiöser Differenz aufzuweisen als der Islam.
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Muslimen im 20. Jahrhundert grundlegende Rechte verwehrt worden sind. Der Palästinenserkonflikt wird nicht nur von den Betroffenen als eine schlimme Entrechtung von Muslimen erfahren. Das alles spielt auch beim Anschauen dieser Karikaturen eine Rolle.
Netzeitung: Auch in islamischen Ländern ist das Medium Zeitungskarikatur nicht unbekannt. In Ägypten ist es viel einflussreicher als zum Beispiel hierzulande. Zum einen kommen dort häufig brachiale antisemitische Klischees zu Darstellung – wenn etwa Hakenkreuz und Davidstern in einen direkten bildlichen Zusammenhang gesetzt werden.
Zum anderen bleiben religiöse Inhalte aber streng außen vor – und zwar ganz gleich, ob es um den Islam, das Judentum oder die christliche Lehre geht. Besteht die Provokation aus Dänemark nun also auch darin, dass sich Nicht-Moslems hier etwas herausnehmen, was Moslems sich – eben auch in Bezug auf das Christentum – untersagen?
Kippenberg: Das wird so sein. Man muss dabei auch das asymmetrische Verhältnis der Weltreligionen zueinander berücksichtigen. Das Christentum hat sich ja so verstanden, dass es die Erfüllung der jüdischen Religion ist. Danach erst kam der Islam, der in den Augen der Christen wie eine Häresie, ein Glaubensabfall erschien. Für den Islam aber sind die vorangehenden Offenbarungen an die jüdischen Propheten und an Jesus Christus gültig. Nur sind sie von Mohammed um ihre Verfälschungen bereinigt worden.
In diesem Sinne versteht sich der Islam als Erfüllung der vorangehenden beiden Religionen. Deshalb ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen ein asymmetrisches. Muslime sind aus der Sicht der Christen Abtrünnige, während Christen und Juden aus der muslimischen Sicht Träger einer Offenbarung sind, die zwar Geltung hat, aber nur partiell richtig verstanden worden ist.
Daher gibt es im islamischen Recht auch eine Abstufung der Ungläubigen. Die Schriftbesitzer – also Juden und Christen – haben dort eine privilegierte Position, zumindest den Apostaten gegenüber. Ihnen kommt also ein gewisser Respekt zu, da ja Jesus Christus im Koran genauso vorkommt wie die jüdischen Propheten und Moses. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund müssen die Karikaturen, über die wir hier reden, als besondere Respektlosigkeit empfunden werden.
Prof. Dr. Hans G. Kippenberg ist Religionswissenschaftler und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Bremen. Derzeit ist er Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt.
Das Gespräch führte Ronald Düker.