Johannes Rau:
Ein Christ auf der politischen Bühne
27. Jan 2006 17:50
 |  Johannes Rau | Foto: dpa |
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Johannes Rau verkörperte mustergültig den Typus des christlichen Politikers. Er hielt geschickt die Balance zwischen Moral und Politik – und klagte über die Machtlosigkeit seiner Zunft.
Im Jahr 1972 war Johannes Rau Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen. Und wurde in dieser Funktion zum Akteur eines Skandals, der sich unweit seiner Heimatstadt Wuppertal, nämlich in Düsseldorf, abspielte. Dort hatte sich der heiß umstrittene Kunstprofessor Joseph Beuys mit einigen seiner Studenten im Sekretariat der Kunstakademie eingeschlossen, um als Konsequenz aus seinem erweiterten Kunstbegriff dafür zu plädieren, dass der Zugang zu dieser Bildungsinstitution einem jeden gewährt werden solle, auch ohne Prüfung.Schon im Vorjahr hatte Beuys das Sekretariat aus dem gleichen Grunde besetzt – und so konnte die Provokation von politischer Seite aus nun nicht mehr ignoriert werden. Den Professor gewähren zu lassen, hätte bedeutet, seiner sozialen Plastik ein Vorrecht über institutionelle und bürokratische Regularien einzuräumen und einen hochschulpolitisch bedeutsamen Präzedenzfall zu schaffen.
Beuys fand damals, etwa mit Heinrich Böll, nicht nur Fürsprecher aus der Kunst – auch Willy Brandt sprang ihm zur Seite, weil er ihn als bedeutenden Künstler erkannt hatte, für den «die staatliche Seite in sinnvoller Weise einstehen und sorgen» solle. Johannes Rau konnte und wollte das 1972 nicht. Er stellte trocken den «strafrechtlichen Tatbestand des Hausfriedensbruchs» fest und exekutierte das Ende der Beuys'schen Professur an der Kunstakademie – eine politische Machtdemonstration die Rau noch lange nachgetragen wurde.
Versöhnen statt spalten
Als nun am 23. Januar der zwanzigste Todestag des Künstlers anstand und dieses Datum mit einer langen Beuys-Nacht in der Berliner Akademie der Künste gefeiert wurde, stand auch ein Kontrahent aus alten Tagen auf der Liste der angefragten Referenten: Johannes Rau. Und der wäre wohl auch gekommen, wenn sein gesundheitlicher Zustand das noch zugelassen hätte. Rau hatte nämlich längst seinen Frieden mit der alten Geschichte aus Düsseldorfer Tagen gemacht, am augenfälligsten durch die respektvolle Eröffnungsrede, die er 1988 zur Ost-Berliner Ausstellung «Beuys vor Beuys» in Anwesenheit der verwitweten Eva Beuys gehalten hatte.Und so ist diese Randgeschichte in der politischen Biografie Johannes Raus ein guter Beleg für jenes Motto, mit dem der Altbundespräsident vor allem identifiziert wird: «Versöhnen statt spalten». Kaum ein Politiker hat so wie er, der 1931 als Sohn des Predigers Ewald Rau zur Welt kam und sich bereits als Gymnasiast in der Bekennenden Kirche engagierte, das christliche Argument im politischen Diskurs behauptet.
Die Niederlage von 1987
Nach einer Ausbildung zum Verlagsbuchhändler und einem Lektorat im christlichen Luther-Verlag politisiert sich Rau aus einem pazifistischen Impuls heraus. Anlässlich der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik tritt er 1952 der von dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann mitbegründeten «Gesamtdeutschen Volkspartei» (GVP) bei. Dreißig Jahre später wird er die Enkelin Heinemanns, Christina Delius, heiraten. Rau wird Redakteur der «Gesamtdeutschen Rundschau» und versucht sich auch als Literat. Die Erzählungen «Keine spielt wie Gisela» und «Klaus und das Feuer» schildern den Weg junger Menschen zu Jesus Christus.In der SPD, in die er 1957 nach Auflösung der GVP eintritt, durchläuft Rau eine steile politische Karriere, die ihn zum Wuppertaler Oberbürgermeister, zum Ministerpräsidenten seines Heimatlandes, und 1999 zum deutschen Bundespräsidenten macht.
Dieses Amt schien ihn noch spät für seine größte politische Niederlage zu entschädigen: die Wahlniederlage bei der Bundestagswahl 1987, als er als Kandidat der SPD den amtierenden Bundeskanzler Helmut Kohl herausforderte. Als Reaktion lehnt Rau im selben Jahr den SPD-Parteivorsitz ab, und wird – obwohl er bis 1999 dem Parteipräsidium auf der Bundesebene angehören wird – nie mehr in die höchste Etage der politischen Macht vorstoßen.
Bruder Johannes
Insofern schien Rau, der sich immer mehr als moralisches Gewissen seiner Partei profilierte, für das Amt des Bundespräsidenten geradezu prädestiniert. Seine Bemühungen um die deutsch-israelischen Beziehungen trugen ihm die Ehrenmitgliedschaft des Jerusalemer «Israel-Museums» ein. Im Jahr 2000 bittet er vor der Knesset um Vergebung für die Verbrechen des Nationalsozialismus.Innenpolitisch appelliert Rau für die Integration von Ausländern und begreift sich 1999 nicht nur als «Bundespräsident aller Deutschen», sondern auch als «Ansprechpartner für alle Menschen, die ohne einen deutschen Pass für uns leben und arbeiten.»
Als Vertreter eines konsequent dem Christentum verpflichteten Politikertypus wird Rau wohl einer der letzten seiner Art gewesen sein. Und obwohl – oder weil – er die Vermittlung stets dem Polarisieren vorzog, hat sich Rau, der aus Umfragen stets als äußerst beliebter Politiker hervorging, nicht nur Freunde gemacht. Sein Beiname «Bruder Johannes» hat einen eher despektierlichen Beiklang, was wohl von dem Verdacht herrührt, dass Moralismus und Parteisoldatentum – in einer Person vereint – geradezu zwangsläufig ein gewisses Maß an Doppelzüngigkeit hervorbringen müssen.
Das Kapital hat die Macht
Rau galt als ehrgeizig und hat in einem Interview auch einmal eingestanden, dass der Weg zur politischen Macht von Suchteffekten begleitet sei: «Wenn Sie irgendwo auf einer Party sind, und da stehen Erdnüsse, nehmen Sie im Vorübergehen zwei, drei», erklärte er der Journalistin Evelyn Roll. Irgendwann stelle man dann fest, dass man gar nicht mehr aufhören könne, in die Erdnussschale zu greifen.Es mag sein, dass es Johannes Raus Auftreten - sein pastoraler, weltumarmender Duktus - verhindert hat, dass seine überaus grundlegende Kritik am politischen Status quo in ihrer ganzen Schärfe auch wahrgenommen wurde. Immer wieder hatte sich Rau darüber beklagt, dass die «eigentliche Politik» viel mehr durch die «internationalen Banken wie auch die Hochfinanz» bestimmt werde als durch die Politiker, die letztlich nichts seien, als «deren Erfüllungsgehilfen».
Es mag auch sein, dass die wirkliche Relevanz solcher Äußerungen erst erkannt werden konnte, als ein ehemaliger IWF-Präsident, also ein Repräsentant der von Rau gemeinten eigentlichen Machtsphäre, ihm ins höchste politische Amt dieses Landes folgte.
Johannes Rau konnte sich von den Folgen zweier schwerer Operationen nicht mehr erholen und ist am Freitag im Alter von 75 Jahren in Berlin gestorben.
Für das Web ediert von Ronald Düker