Fernsehfilm: 

netzeitung.deIm Tal der verliebten Hundeflüsterer

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ZDF-Film 'Deutschmänner' (Foto: Barbara Bauriedel / ZDF<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe ZDF-Film 'Deutschmänner'
Foto: Barbara Bauriedel / ZDF
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der öffentlich-rechtliche Fernsehfilm zielt zunehmend auf Gefühl und Weltflucht. Auf feststehenden Sendeplätzen wird der Zuschauer dabei nur nebenbei auch mit gesellschaftlich relevanten Problemen konfrontiert.

Von Christian Bartels

Am Montag zeigte das ZDF auf seinem renommierten Fernsehfilm-Sendeplatz einen Film über einen jungen Münchner namens Don, der nach Abschluss des Studiums Deutschland verlassen soll, obwohl er nur seinem Pass nach Mazedonier ist.

Um die Abschiebung zu verhindern, kommen Don und sein bester Freund Kalle auf die Idee einer Schwulen-Scheinehe, obwohl sie heterosexuelle Machos sind. Als die Ausländerbehörde die Überprüfung der Lebensgemeinschaft ankündigt, müssen die beiden einen echten Schwulen anheuern, der sie lehrt, Schwule zu spielen.

Spritzig, turbulent, romantisch
Spätestens, als dann in der Rolle der Beamtin Tanja Wedhorn auftritt, wird aber klar, dass es um Abschiebungen und andere real existierende Probleme nun nicht mehr gehen wird: Wedhorn wurde in der Titelrolle der ersten deutschen Telenovela «Bianca – Wege zum Glück» bekannt. «Deutschmänner» – so hieß der Film am Montag – wollte nichts sein außer einer «spritzigen», «turbulenten» (ZDF) Komödie mit jeweils einer Hand voll juvenil gemeinter Zoten und Romantik darin.

Was nach Realismus oder gesellschaftlicher Relevanz klingt, fasst das ZDF zur Hauptsendezeit nur noch vorsichtig an und kleidet es in Geschichten, die sich in der ersten Viertelstunde als romantische Komödie oder als Rätselkrimi mit einem Ermittler zu erkennen geben.

Realismus nur mit Kompromissen
In der Vorwoche integrierte ein in Schwerin angesiedelter Fernsehfilm alles, was durchschnittliche Zuschauer mit der DDR vor der Wende und der Ex-DDR nach der Wende verbinden könnten, in seine Handlung - nicht aus erzählerischen Gründen, sondern eher aus Angst, etwas auszulassen. Den Rahmen bildete das Rätsel um einen Doppelmord, das die ermittelnde Protagonistin am Ende mit Hilfe vieler Rückblenden auf überraschend gemeinte Weise löste.

Die ARD beschäftigte sich am vergangenen Mittwoch mit einem Witwer und seinem Sohn aus der Sächsischen Schweiz, die überregional nicht zuletzt für ihren hohen Anteil NPD-Wähler bekannt ist. Im ARD-Film ging es um einen Witwer, der dank der weißen Taube seines siebenjährigen Sohns eine erfolgreiche Salzburger Architektin kennen und lieben lernt. Öffentlich-rechtliche Fernsehfilme bringen Realismus entweder in viele Kompromisse eingebettet ins Unterhaltungsprogramm, oder gar nicht.

Innovative Telenovela
Lieber und häufiger als Probleme in bewährte Genres kleiden die Fernsehsender aber bewährte deutsche Schauspieler in schöne Kostüme, in sonnigen fremden Ländern. Ein Meilenstein dieses Gefühlsfernsehens ist unter dem Titel «Im Tal der wilden Rosen» ab dem 29. Januar zu sehen. Da bereist das ZDF «eine der faszinierendsten, großen Landschaften der Welt», Kanada, und zwar gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts.

Schauspielerinnen wie Eva Habermann und Anja Kruse verkörpern «starke Frauenschicksale in der Wildnis eines weiten Tales»: So beschreibt es Claus Beling, der «Hauptredaktionsleiter Unterhaltung-Wort», der als Erst-Importeur des inzwischen auf allen Kanälen kopierten Formats Telenovela inzwischen den Ruf eines innovativen Fernsehmachers genießt. Gerade startete er seine zweite tägliche Telenovela. Nun zeigt das ZDF an jedem Werktag 90 Minuten Telenovela.
Rosamunde und Robin
An der Reihe «Im Tal der wilden Rosen» beeindrucken der logistische Aufwand und die Opulenz des Looks durchaus. Bei der Hamburger Pressekonferenz erzählten Mitwirkende gern, wie sie in Kanada mit einem Filmteam aus Hollywood, das den Film «Jesse James» mit Brad Pitt drehte, um Drehorte und Hotels rivalisierten. Handwerklich sind diese Fernsehfilme state oft the art. Niemand kann den Schauspielern vorwerfen, sie könnten nicht reiten. Niemand sollte sich wundern, wenn diese in deutscher Sprache gedrehten Filme exportiert werden.

Ohnehin setzt das ZDF damit bloß eine lange Tradition fort. Regelmäßig beleuchtet es auch das «Leben und Lieben in Schweden», wie es eine deutsche Autorin unter dem Pseudonym Inga Lindström ersinnt. Eine längere ZDF-Tradition hat das Großbritannien der real existierenden Bestsellerautorin Rosamunde Pilcher. Neu im Angebot ist das Irland ihres ebenfalls als Bestsellerautor firmierenden Sohns Robin. Auch das Terrain der US-Autorin Barbara Wood erobert das ZDF nach dem Rezept, mit deutschen Darstellern an Originalschauplätzen zu drehen.
Wärme und Menschlichkeit
Die Wirklichkeitsflucht des hochsaturierten Gebühren-Fernsehens ist eine doppelte. Sie führt entweder in schöne sonnige Länder oder zumindest in bewährte Genres. Es ist dem ZDF zu verdanken, dass der negativ besetzte Begriff Eskapismus in einen positiven Begriff für Gefühlsfernsehen umgewertet wurde. Die Durchsetzung des Rezepts geht auf den öffentlich-rechtlichen Rivalen ARD zurück.

Die ARD-Tochtergesellschaft Degeto stellt im Jahr über 60 Fernsehfilme her, die von «luxuriösen Kreuzfahrten auf faszinierenden Großseglern» erzählen, von «erfolgreichen Trainerinnen für Führungskräfte», die sich in Pferdeflüsterer verlieben, oder von Tiroler Hundeflüsterern, die sich in attraktive Tierärztinnen verlieben: Um welchen Konflikt auch immer die Handlung kreist, «am Ende führen Wärme und Menschlichkeit stets gute Wendungen herbei», heißt es allfällig in den Inhaltsangaben.

Degeto setzt Standards
Diese Filme spielen meist unter Deutschen und in sämtlichen Idyllen des deutschen Sprach- und Urlaubsraums, neuerdings oft in Afrika. Ihre Inhalte und Erzählweisen bilden einen sagenhaft monolithischen Komplex. 800 Filmideen bekommt die Degeto nach eigenen Angaben im Jahr angeboten.

Viele davon werden offenbar, falls abgelehnt, bei anderen Redaktionen eingereicht. Durch ihren Fernsehfilm-Etat von 75 Millionen Euro (im Jahr 2005) ist die Degeto zum größten deutschen Filmstudio geworden, das Standards setzt und mit seinem Einschaltquoten-Erfolg auf andere Redaktionen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen abstrahlt.

ARD und ZDF haben längst jede Woche je einen fixen Sendeplatz für ihr fiktionales Gefühlsfernsehen, der fast immer mit Neuproduktionen bestückt wird. Auch für ambitionierte, «realistische» Filme haben sie jeweils einen Sendeplatz, die ARD am Mittwoch, das ZDF am Montag.

Mutige Krimis
Dort ist inzwischen ein breiter «Mix» gewünscht: aus sogenannten «schweren Stoffen», die unter problembewussten Film-Produzenten wie in den fünfziger Jahren wieder «Problemfilm» heißen, und «leichten Stoffen». Immer mehr Fernsehfilme sind «leicht» oder wollen es wenigstens überwiegend sein. Immer mehr Filmemacher sind stolz, wenn sie Themen wie die Abschiebung von in Deutschland aufgewachsenen Ausländern am Rande «unterbringen» können.

Natürlich gibt es im gewaltigen Angebot des gut finanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens immer noch Qualität. In manchen der vielen Krimireihen gelingt es mutigen Redakteuren und Regisseuren, die sich in der Vergangenheit einen Namen machen konnten, wichtige Themen auf stilistisch hohem Niveau zu behandeln.

Jeden Tag dasselbe
Es wird weiterhin genügend Fernsehfilme geben, die für die vielen renommierten Preise in Frage kommen. Werden Programmchefs auf Fernsehfilm-Qualität angesprochen, nennen sie fast immer den Namen des überall anerkannten Filmemachers Dominik Graf. Auch der Name des jüngeren Regisseurs Stefan Krohmer fällt häufig. Von dem allerdings wurde zuletzt bekannt, dass er einen Film über Rudi Dutschke bei keinem Sender unterbringen konnte.

Mit wenigen Einzelfilmen ist im Fernsehprogramm der Nuller Jahre, das seine Zuschauer daran gewöhnt, jeden Tag oder mindestens jede Woche auf demselben Programmplatz dasselbe oder Ähnliches zu erwarten, ohnehin nichts mehr zu holen. Die schiere, weiter wachsende Masse von Filmen, die sich explizit als eskapistisch verstehen, verschiebt die Gewichte. Die ehemalige Stärke der Kunstform Fernsehfilm, unterhaltsam und realistisch alle Facetten der Gegenwart zeigen zu können, geht schleichend verloren.