Stiftung Warentest:
Prüfer auf dem Prüfstand
18. Jan 2006 07:44
 |  Studie der Stiftung Warentest über deutsche WM-Stadien | Foto: dpa |
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Wegen ihrer Studie zur Sicherheit der deutschen WM-Stadien steht die Stiftung Warentest in der Kritik. Ihr wird vorgeworfen, oberflächlich gearbeitet zu haben. Auch ist die dem Test zugrunde gelegte Panikforschung umstritten.
Von Sabine PamperrienFür Schlagzeilen ist die Stiftung Warentest aus Berlin immer gut. Dabei galt ihre Reputation bislang als unanfechtbar. Aus juristischen Auseinandersetzungen ging die Stiftung stets unbeschadet hervor, weil die Professionalität der Test-Szenarien die Ergebnisse rechtfertigte.
Eine vor einigen Jahren durchgeführte Untersuchung ergab, dass 97 Prozent der Bevölkerung die Stiftung kennen. Fast jeder dritte Verbraucher zieht bei der Planung einer Neuanschaffung die Untersuchungsergebnisse der Warentester zu Rate.
Ein möglicher PR-Effekt
Von verschiedenen Seiten wird nun allerdings bezweifelt, ob sich die Stiftung Warentest mit der Beauftragung ihrer jüngsten Studie zur Sicherheit der WM-Stadien einen Gefallen getan hat. Zusätzlich hatte sie selbst Sicherheitsmaßstäbe für die Veranstaltungsstätten aufgestellt, die doch von den zuständigen Behörden und internationalen Veranstaltern bereits abgenommen worden waren.
Der Zeitpunkt der Studie und der Veröffentlichung der alarmierenden Ergebnisse nährt den Verdacht, dass die Stiftung Warentest zumindest auch auf den großen PR-Effekt spekulierte, den ihr das Aufspringen auf den bereits rollenden WM-Zug und das riesige öffentliche Interesse zu versprechen schien.An einem solchen PR-Effekt, an zugkräftigen Nummern der Zeitschrift «test» also, könnte den Warentestern insofern gelegen sein, als er helfen würde, die Bilanzen aufzubessern. Ursprünglich war der Bund als Stifter nämlich davon ausgegangen, dass Warentest schon kurz nach Aufnahme des Geschäftsbetriebs im Jahr 1966 finanziell auf eigenen Beinen würde stehen können. Dieser Effekt ist aber nicht eingetreten, und so standen die staatlichen Zuwendungen im Jahr 2001 bereits auf der Kippe.
Digitale Panikforschung
Zuletzt hatte die Stiftung deutsche Stadien in den Jahren 1985 bis 1988 getestet, und es fragt sich nun, warum sie seit diesen Untersuchungen so viel Zeit verstreichen ließ, während der Millionen von Bundesligafans größten Gefahren hätten ausgesetzt sein müssen.Umstritten ist die Studie der Warentester vor allem, weil sie als einzig akzeptables Modell zur Analyse von Panikszenarien dasjenige des Duisburger Physikers Michael Schreckenberg postuliert. Schreckenberg ist einer der Pioniere der digitalen Panikforschung. Per Computer simulierte er am Beispiel des mittlerweile abgerissenen Duisburger Wedau-Stadions, wohin und wie schnell die Fans rennen, wenn es um ihr Leben und ihre Gesundheit geht.
Umstrittenes Verfahren
Dabei kann im Modell jeder einzelne Fan über die Parameter Laufgeschwindigkeit, Geduld, Orientierung, Verzögerung, Reaktionszeit und auch Trödelwahrscheinlichkeit simuliert werden. Obwohl seine Testläufe großes Medienecho erzielten, hielten sich die deutschen Verantwortlichen bisher bedeckt. Seit Jahren schon bemüht Schreckenberg sich darum, mit seinen Computersimulationen von Panikszenarien in Fußballstadien Beachtung beim DFB zu finden und machte bereits 2003 auf mögliche Sicherheitsprobleme bei den WM-Arenen aufmerksam.Tatsächlich ist dieses Verfahren Gegenstand eines Expertenstreits. Der Wiener Evakuierungsexperte Professor Ulrich Schneider stellt nun in einer wissenschaftlichen Abhandlung nach Evaluierung der aktuellen Berechnungsmodelle fest, dass es derzeit keinen wissenschaftlichen Nachweis hinsichtlich der Aussagefähigkeit und Richtigkeit von Panikmodellen gibt.
Der menschliche Faktor
Schon die Ergebnisse der Erfinder der mathematischen Berechnung von Personenströmen aus der Siebzigern, die nun vielerorts zitierten Russen Predtetschinski und Milinski, schlossen aus ihren Berechnungen Panikreaktionen als unberechenbar aus.Problem solcher Simulationen ist insbesondere der menschliche Faktor. Dieser macht sich schon bei Evakuierungsübungen bemerkbar. Die Panikforscher um Schreckenberg und in ihrem Gefolge nun die Stiftung Warentest behaupten für ihre Modelle, eine in Panik ausbrechende Menge flüchte nach unten. Sie wollen sogar festgestellt haben, dass panische Menschen vorwiegend nach unten rechts flüchten.
Keine Entfluchtung nach innen
Dieses Verhaltensmuster wird jedoch von anderen Forschern bestritten, die belegen zu können glauben, dass Personen eher in Richtung der Ausgänge und nach oben flüchten. Dafür gilt das Seilbahnunglück von Kaprun als trauriges Beispiel.Der beim Bau der Münchner Allianz-Arena verantwortliche Architekt Bernd Rauch macht denn auch darauf aufmerksam, dass auf der Basis neuester Erkenntnisse weder die Fifa noch die Uefa die so genannte Entfluchtung nach innen für ihre Stadien anstreben.
Die Materie scheint also in der Tat weitaus komplexer zu sein als von der Stiftung Warentest dargestellt. Und nicht einmal das Schreckenberg'sche Modell scheint von der Stiftung angemessen verwendet worden zu sein. Der Forscher selbst stritt eine unmittelbare Beteiligung an der Studie ab und merkte in einem Interview mit dem Berliner «Tagesspiegel» an, dass die Stiftung gar nicht über die finanziellen Mittel verfüge, die von ihm entwickelte Methode der Computersimulation für jedes einzelne zu untersuchende Stadion systematisch anzuwenden.
Schnelle Stiftungsprüfer
Außerdem wird den Experten der Stiftung Warentest vorgeworfen, viel zu wenig Zeit in die Begutachtung der Stadien investiert zu haben. Schließlich habe zum Beispiel die Erstellung des Sicherheitskonzeptes für das Leipziger Stadion, für das das Ingenieur-Büro von Professor Gert Beilicke verantwortlich ist, ein ganzes Jahr benötigt.Beilicke hatte mit drei Mitarbeitern daran gearbeitet und neben Versuchen und Beobachtungen aufwendige Modellrechnungen in seine Analysen einbezogen. Die Sicherheitsbeauftragten der Münchner Allianz-Arena brauchten für ihre Studie beinahe zwei Jahre. Die Stiftung Warentest hingegen ließ die Stadien nur vier bis acht Stunden lang besichtigen.
Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand
Die Gelsenkirchener und Leipziger Stadionbetreiber haben bereits angedroht, Schadenersatzforderungen gegen die Stiftung anzustrengen, auch wenn diesen in der Vergangenheit stets geringe Erfolgsaussichten beschieden waren. Und auch das Organisationskomitee der WM wagt sich nun in die Offensive.«Oberflächlich und fahrlässig» sei das Vorgehen der Stiftung gewesen «und vor allem in der vorgenommenen Wertung unverantwortlich», sagte am Dienstag der Vizepräsident des Komitees Horst R. Schmidt. Die Stiftung Warentest solle ihren Test und das daraus resultierende «Fehlurteil» daher überarbeiten. «Weder die Komplexität des Themas Sicherheit» sei bei der Studie ausreichend berücksichtigt worden, «noch die Gesamtzusammenhänge oder dahinter liegenden Konzepte», heißt es in der Kritik des Organisationskomitees.
Es liegt auf der Hand, dass das Komitee in dieser Angelegenheit nicht interesselos und unparteiisch ist – und so kann der Streit um die Qualität der bestrittenen Studie keineswegs als entschieden gelten. Neben dem eigentlichen Thema, der Sicherheit in deutschen Stadien, steht aber nun auch ein anderes Gut auf dem Prüfstand: Die Glaubwürdigkeit des unabhängigen Verbraucherschutzes in Deutschland.