Bernd Cailloux: 

netzeitung.deIm Blitz einer einzigen Weltsekunde

 Herausgeber: netzeitung.de

Bernd Cailloux (Foto: Ronald Düker<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bernd Cailloux
Foto: Ronald Düker
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Im Licht des Stroboskops probierten die Hippies neue Drogen und begriffen schnell, dass 1968/69 auch ein Geschäftsjahr war. Im ersten Teil des Interviews mit der Netzeitung erzählt Bernd Cailloux von der Geburt des Pop in Deutschland.

«Das Geschäftsjahr 1968/69» lautet der lakonische Titel des jüngsten Romans von Bernd Cailloux. Es geht darin um eine Firmengründung in der Zeit der Revolte und darum, wie aus einem informellen Verbund von Freunden ein kommerzielles Unternehmen wird.

Mit der Netzeitung spricht der 1945 geborene Cailloux über die 68er, die Entstehung der Popindustrie, Drogen, die so genannte freie Liebe und Joseph Beuys' Idee der sozialen Plastik. Lesen Sie heute den ersten Teil des zweiteiligen Interviews.

Netzeitung: Eine entscheidende Rolle in Ihrem Roman spielt ein technisches Gerät, das Party-Stroboskop. Was ist daran so bemerkenswert?

Cailloux: Es gab das Stroboskop ja schon länger. Auf Flughäfen kam es zum Einsatz oder etwa bei der Motorradreparatur. Mitte der sechziger Jahre muss es irgendwo auf dem amerikanischen Kunstmarkt aufgetaucht sein, und dann fand eine Übertragung auf neue Felder statt. Die Idee dieser Gruppe in meinem Roman, ist es, den Lichteffekt des Stroboskops mit Musik kurzzuschließen. Dieser Effekt wurde dann zu einem Symbol der späten sechziger Jahre.

Netzeitung: Nun ist aber doch das Stroboskop ein Instrument zum Zerhacken von Licht – also eher analytisch als synthetisch. Wie passt das zum psychedelischen Konzept der Hippies – zu den fließenden Bewegungen, und weichen Drogen, mit denen man sich gemeinsam von den gesellschaftlichen Zwängen emanzipieren wollte?

Cailloux: Vielleicht war das tatsächlich schon die harte Seite der Emanzipationsbewegung. Das Gerät hat auf jeden Fall zur Individualisierung beigetragen, denn bis dahin tanzte man überwiegend zusammen. Sogar beim Rock'n Roll. Im Licht des Stroboskops fing jeder an, auf der Tanzfläche seine eigenen Bewegungsideen zu entwickeln.

Die Leute tanzten mit einem Abstand von drei Metern und haben dabei mit sich selbst gespielt. In dieser Situation hatte das Stroboskop etwas von einem Fanal. Manche haben sofort begriffen, worum es ging, anderen war es zu hart. Jedenfalls ist eine bestimmte Form individueller Selbstverwirklichung in diesen Jahren überhaupt erst entstanden.

Netzeitung: In den Discotheken.

Cailloux: Ja, auch. Discos waren doch völlig neu. Vorher gab es nur Tanzlokale, da hingen noch Pferdehalfter an der Wand und irgendwo brannte ein blaues Licht. So brach sich in der neuen Art des Tanzens die Wucht einer ganzen Bewegung Bahn.

In den Demonstrationen, natürlich auch. Aber diese politische Seite interessiert mich weniger als die des Lebensalltags. Also gerade die Leute, die nicht im SDS saßen, sondern vielleicht schon im Beruf waren. Die neue Bewegung hatte die Massen erfasst, es war die Geburtsstunde des Pop.

Netzeitung: War es nicht aber so, dass das Bedürfnis nach einem neuen Erleben, nach neuen Erfahrungen, schon in seinem Entstehen von der Industrie korrumpiert und ausgebeutet wurde.

Cailloux: Schon. Und doch war es etwas anders als heute. Heute ist es ja die Industrie, die bei einer Band oder einem Künstler direkt diesen oder jenen Effekt bestellt. Das wird von oben nach Bedarf gesteuert. 68 gingen die Dinge aber noch von unten aus.

Die Bewegung selbst brachte das hervor, was sie wollte. Und wenn sie sich auch kommerzialisierte, dann geschah das doch aus einem eigenen Impuls. Das Ganze dauerte aber nur eine Weltsekunde, nicht länger als zwölf oder achtzehn Monate.

Netzeitung: Eine Weltsekunde, die aber die Biografie einer ganzen Reihe von späteren Topunternehmern begründet hat.

Cailloux:: Leute wie Fritz Rau, der dann ein unglaublich erfolgreicher Konzert- und Tourneeveranstalter wurde, kamen direkt aus der Bewegung. Der hat irgendwann mal gesagt, 'ok, ich organisier Euch das Konzert' und wurde dann immer kommerzieller. In meinem Roman geht es ja auch darum.

In jedem Kollektiv übernimmt einer zu einem bestimmten Zeitpunkt die Macht, und dafür ist natürlich Geld ausschlaggebend. Herrschaftsfreie Betriebe scheitern, und am Ende haben es alle vermasselt. Dann ist der Traum von einer fünften Kolonne, von einer andersartigen Firma gestorben.

Netzeitung: Aber es hat doch einige solcher Versuche gegeben.

Cailloux: Es gab um 1970 viele Modelle, die probiert worden sind. In der Schweiz zum Beispiel die Uhrenfabrik Lip, die von den Arbeitern zuerst besetzt und später übernommen wurde. Oder die Firma Rosenthal, die ihren Angestellten einen großen Teil des Unternehmens übertragen hat. Und nicht zu vergessen auch unser Freund Rudolf Augstein, der den Mitarbeitern des Spiegels immerhin den halben Verlag geschenkt hat.

Netzeitung: Wie steht es eigentlich um die historische Realität hinter Ihrem Roman? Die «Muße-Gesellschaft», die dort ihren großen Durchbruch mit der Ausleuchtung eines großen Musikhappenings in der Essener Grugahalle hatte, scheint es ja wirklich gegeben zu haben:

Eine sogenannte «Leisure Company» sorgte bei den «Internationalen Essener Songtagen 1968», auch bekannt als «Trip to Hashnidi», nachweislich für halluzinogene Lichteffekte. Auch erinnern die Namen einiger Romanfiguren verdächtig an historische Figuren aus diesem Kontext.

Cailloux:: Tatsächlich?

Netzeitung: Tatsächlich.

Cailloux: Dann muss das wohl kein Zufall sein. Möglicherweise kannte ich den einen oder anderen, nicht alles in dem Buch ist erfunden. Die Frage nach dem autobiografischen Anteil dieser Literatur kommt natürlich immer wieder. Wahrscheinlich sind ja die besseren Bücher die, in denen der Anteil an persönlich Erlebtem besonders hoch ist, der Leser will ja gelebtes, aber nicht nur einfach runtererzähltes Leben.

Letztendlich geht es darum, was man daraus macht. Woran man sich erinnert. Und was, abgesehen von den tatsächlichen Personen, grundsätzlich interessant ist an einer solchen Geschichte.

Netzeitung: Aber an die Nacht in der Grugahalle können Sie sich noch erinnern.

Cailloux: Ja, das kann ich, zumindest teilweise. Aber hinter den Erinnerungen lauern immer weitere Erinnerungen. Diese Nacht war ja eigentlich ein vorweggenommenes Woodstock. Jedenfalls aber der deutlich sichtbare Beginn von Love and Peace und der Hippiebewegung in Deutschland.

Frank Zappa stand da in der Gruga und hat «Freak out!» gebrüllt, und das wurde auch gemacht, früher oder später. Pressechef dieser Veranstaltung war damals übrigens ein gewisser Henryk M. Broder, zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt.

Netzeitung: War denn das schon eine kommerzialisierte Bewegung?

Cailloux: Manche datieren die Kommerzialisierung der Bewegung ja noch viel weiter zurück. Levi's soll schon 1963 eine Hose produziert haben, die hinten mit Hippieemblemen bestickt war.

Bernd Cailloux: Das Geschäftsjahr 1968/69. Roman. edition suhrkamp 2005, 254 Seiten, 10 Euro

Mit Bernd Cailloux spricht Ronald Düker. Am morgigen Donnerstag folgt der zweite Teil des Interviews.