Ludwig Lugmeier:
Ich sehnte mich nach Kampf
Für landesweites Aufsehen sorgten zwei Überfälle auf Geldtransporter, bei denen er mehrere Millionen Mark erbeutete. Während eines Prozesses in Frankfurt gelang ihm auf spektakuläre Art und Weise die Flucht. Lugmeier sprang in der Mittagspause kurzerhand aus dem Fenster. Mit 28 Jahren war dieser Teil von Lugmeiers Biografie zu Ende.
Er kam für 12 Jahre ins Gefängnis und begann sich in dieser Zeit ganz der Schriftstellerei zu widmen, mit der er schon in sehr jungen Jahren begonnen hatte. 1992 erschien sein Roman «Wo der Hund begraben ist» und vor kurzem die Autobiografie «Der Mann, der aus dem Fenster sprang». In Berlin sprach die Netzeitung mit dem heute 56-jährigen. Lesen Sie heute den ersten und am morgigen Donnerstag den zweiten Teil dieses Interviews.
Netzeitung: Wie geht es Ihrer Katze?
Lugmeier: Gut. Sie schläft 23 Stunden am Tag, will aber pünktlich um sechs Uhr morgens ihr Frühstück haben.
Netzeitung: Wie alt ist sie jetzt?
Lugmeier: 16 Jahre.
Netzeitung: Also genau so alt wie Ihre neue Freiheit. Bis 1989 saßen Sie ja für 12 Jahre im Gefängnis.
Lugmeier: Als ich raus gekommen bin, kam sie gerade zur Welt.
Netzeitung: Sie hatten doch schon mal eine Katze. In Mexiko.
Lugmeier: Ich habe schon viele Katzen gehabt. Schon zuhause als kleiner Junge hatte ich eine. Und später dann andere. Aber da ich ein unstetes Leben führte, musste ich sie immer zurück lassen. Das wollte ich nicht mehr.
Netzeitung: Ihr Vater war Maurer. Sie haben sich entschieden, Gangster zu werden. Wie kam es dazu?
Lugmeier: Es hatte mit der Enge der Familie und des Ortes zu tun. Ich wollte so auf keinen Fall leben. Ich suchte eine Alternative.
Netzeitung: Dann war da aber auch ihre Großmutter. Sie hatte früher Zigaretten von Vaduz nach Vorarlberg geschmuggelt. Sie selbst haben in Afghanistan mal Heroin geschmuggelt.
Lugmeier: Die väterliche Linie in meiner Familie war sehr auf Anstand und Ordnung bedacht. Auf der anderen Seite gab es meine Großmutter mütterlicherseits. Sie stammte aus einer österreichischen Schmugglerfamilie, hatte ein magisches Weltbild, eine eigenartige Mischung aus Marienkult und heidnischen, abergläubischen Riten. Dem habe ich immer näher gefühlt. Und das hat auch die Welt geprägt, die mir als Junge meine Freiheit gab. Die Moore, die Müllhalden, auf denen ich nach Schätzen suchte, die Jagdgebiete, in denen ich unterwegs war - ich habe gerne gewildert, gefischt und Fallen gestellt.
Netzeitung: Auf den Tapeten ihres Kinderzimmers waren lauter Bilder.
Lugmeier: Wenn ich nicht einschlafen konnte, habe ich die Tapeten studiert. Auf unzähligen Bildern war der Kampf zwischen Indianern und Cowboys zu sehen.
Netzeitung: Was hat Sie an denen interessiert?
Lugmeier: Mich hat vor allem geärgert, dass in diesen Szenen keine Bewegung war. Ich habe mich gefragt: Wie geht es weiter - wie fliegt die Lanze, wen trifft die Kugel? Ich sehnte mich nach Kampf. Ich war ein aggressives Kind.
Netzeitung: Sie haben schon als Kind angefangen, Geschichten zu erfinden. Jetzt haben Sie eine Autobiografie geschrieben. Wie nah ist die an der Realität?
Lugmeier: So nah wie möglich. Natürlich kann ich mich nicht an jeden Dialog erinnern, der fünfzig Jahre zurückliegt. Aber ich wollte mich nicht als Ghostwriter neben oder über mich stellen. Ich habe aus der Perspektive des Erlebens geschrieben und mich wieder in den, der ich war, hinein versetzt.
Netzeitung: Sie nennen ziemlich viele Namen. Bekommen Sie da keine Probleme mit Leuten, die noch leben?
Lugmeier: Die Figuren sind so realistisch gezeichnet wie es ging, nur einige Namen musste ich ändern. Andere Namen, von Leuten, die ich vorher um ihr Einverständnis gebeten habe, nicht. Es gab natürlich auch juristische Fragen zu beachten.
Netzeitung: Sie haben oft fliehen müssen. Dabei fällt auf, dass Sie nie gerannt sind. Sie sind vielmehr oft am Tatort geblieben oder dorthin zurückgekehrt. Woher kommt das?
Lugmeier: Ich habe das schon ganz früh beim Versteckspielen gelernt. Wenn ich jemand finden musste, habe ich mich einfach selbst versteckt und gewartet, bis er mich suchte, weil ihm langweilig wurde. Wenn er kam, habe ich ihn angeschlagen. So ähnlich war das später auch. Ich habe mich in die anderen versetzt und abgewartet, was sie machen. Am Ort des Überfalls wird man am wenigsten erwartet.
Netzeitung: Als Sie beim Überfall auf die Geldtransporte mit der Maschinenpistole im Anschlag standen, haben Sie Schwierigkeiten gehabt, sich vom Tatort zu lösen und ins abfahrbereite Fluchtauto zu steigen.
Lugmeier: Es war in der Tat eine Art Erstarrung. Ich versuchte mich an dem Ort, den ich besetzt hatte, zu halten. Ein rätselhafter Moment. Ich denke, das hat damit zu tun, dass man einen Schalter umlegen muss. Bis zu einem bestimmten Punkt ist man der Jäger, der Angreifer. Man kontrolliert und beherrscht das Geschehen. Dann aber muss man sich lösen. Man wird vom Jäger selbst zum Gejagten. Dieses Überspringen in die andere Bewegung war das Problem.
Netzeitung: Weil die andere Bewegung nicht so attraktiv ist?
Lugmeier: Niemand will auf der Flucht sein. Der Gejagte ist der, der nicht mehr über sich selbst bestimmt.
Netzeitung: Ihre Schilderungen der Überfälle sind ungeheuer dicht. Man hat das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt.
Lugmeier: Beim Schreiben hat sich noch einmal starke Spannung aufgebaut. Erst war alles weit weg und plötzlich zu nah. Das Alter Ego, das beim Schreiben hinter mir steht, ist zusammengesackt. Ich bin wieder in die Situation eingetaucht. In Momenten der Gefahr verändert sich die Wahrnehmung. Die Zeit dehnt sich, zerreißt, überschlägt sich, man wird klein, wächst dann über sich hinaus. Die gewohnten Proportionen stimmen auf einmal einfach nicht mehr.
Netzeitung: Das hört sich an wie eine Drogenerfahrung.
Lugmeier: Mag sein. Mit Opium kann sich das Erleben ja auf beinahe unendliche Zeitspannen ausdehnen. Oder diese Raumerfahrungen, die man durch LSD machen kann. Aber es ist trotzdem nicht dasselbe, nicht so extrem. Das Straßenpflaster ist schließlich real, und die Maschinenpistole, die man in der Hand hält, hat eine bestimmte Härte, ein bestimmtes Gewicht, es gibt kein Erwachen, kein neues zu sich kommen. Der Raum bleibt eine Realität. Er bleibt in sich geschlossen.
Netzeitung: Sie sind um die ganze Welt gereist. Als Seemann und dann auf der Flucht, als Sie sich an allen möglichen Orten versteckt haben. Wird man so zum Schriftsteller?
Lugmeier: Ich denke nicht. Erfahrungen können einem natürlich Material für die Literatur liefern. Aber aus dem bewegten Leben heraus konnte ich kaum schreiben. Das hatte ich gemerkt, als ich 1977 nach Island ging. Da war alles verklumpt, ich hatte keinen Raum, aus dem heraus ich schreiben konnte. In dem Grad, in dem sich die Welt geöffnet hatte, war es in mir eng geworden. Auf der Flucht wird man paranoid. Es entfaltet sich kein freier Raum. Der ist aber Voraussetzung, um schreiben zu können.
Netzeitung: Was halten Sie von Hochstaplern?
Lugmeier: Ich habe einige kennen gelernt. Sie sind ziemlich gefährdete Menschen. Besonders in Krisensituationen. Wenn Sie merken, dass das, was Sie darstellen, nicht trägt, knacken Sie zusammen. Ich finde Hochstapler faszinierend. Vor allem dieses gesellschaftlichen Übersprungs wegen, den sie machen, wenn Sie vom Hilfsarbeiter zum Sohn des Kaisers werden.
Netzeitung: Können Sie sich noch an den Film «Rififi» erinnern?
Lugmeier: Den habe ich damals ganz gerne gesehen. Ich bin aber kein Krimifan und auch kein Krimikenner. Krimis finde ich ziemlich langweilig. Sie entwickeln sich meist nach demselben Muster. Der Krimi noir bildet die Ausnahme aber ist ja hierzulande nicht so gefragt. Ich glaube, er kommt der Wirklichkeit näher. Mich interessiert eher die Frage, wie Gewalt entsteht.
Mit Ludwig Lugmeier spricht Ronald Düker. Lesen Sie am morgigen Donnerstag den zweiten Teil des Interviews.

