Gunter Sachs:
Aus Schuld und Sühne wird Luft und Liebe
31. Okt 2005 07:49
 |  Gunter Sachs | Foto: dpa |
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Gunter Sachs hat sich einen Namen als Playboy und Kunstsammler gemacht. Für die Herkunft des Familienerbes musste er sich nicht verantworten. Doch jetzt werden unangenehme Fragen gestellt.
Von Ralf HanselleUm «Big Sexy» war es still geworden. Nachdem er vor gut zwei Jahren noch einmal für öffentliches Aufsehen gesorgt hatte, da er ein namhaftes deutsches Museum dazu überreden konnte, seine edle Privatsammlung auszustellen, hatte sich der einstige Playboy und Industrieellenerbe zurückgezogen.
Einst berühmt geworden als Zweitakt-Casanova von St. Moritz, versucht er bereits seit Jahrzehnten mit Hilfe moderner Kunst ein freundlicheres Licht auf die dunkle Seite seiner Familiengeschichte zu werfen. In diesem Herbst aber könnte es um «Big Sexy» noch einmal Wirbel geben. Gleich zwei neue Publikationen setzen sich mit seiner Vergangenheit und derjenigen seiner Familie auseinander.
Die Abgeschiedenheit der vielen Häuser
«Big Sexy», das ist nicht Mick Flick. Der hatte vor einem Jahr erleben müssen, was es heißt, als Enkel eines namhaften Wehrwirtschaftsführers den Familiennamen mit Kulturgaben ein wenig aufzupeppen. Sein Vorhaben, seine umfangreiche Kunstsammlung für sieben Jahre im Berliner Hamburger Bahnhof auszustellen, hatte für Wirbel gesorgt.Während also alle Welt auf den einstigen Lebemann Mick Flick blickte, wird «Big Sexy» in der Abgeschiedenheit eines seiner vielen Wohnhäuser bereits an seiner umfangreichen Autobiografie gefeilt haben. Diese erscheint dieser Tage im Münchner Piper Verlag unter dem Titel «Gunter Sachs: Mein Leben».
Wehweh und BB
Für die mit der Gnade der späten Geburt gesegneten, mag der einstige Playboy und Weltbürger Gunter Sachs als antiquierte Gestalt erscheinen. Für die Flackhelfergeneration war Sachs aber ein ernst zu nehmendes Role-Model. Während eine ganze Generation unter dem engen Himmel der Adenauer-Ära Bigotterie und Spießigkeit erlernte, lebte Sachs im nun befreundeten Ausland vor, was es hieß, Fotomodels und Probiermamsells um den kleinen Finger zu wickeln. Die einen sublimierten, die anderen koitierten.
 |  Gunter Sachs mit Brigitte Bardot | Foto: AP |
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Von all dem erzählt Sachs laut Verlagsvorankündigung nun noch einmal in seinen Memoiren. Von der Freundschaft zu Coco Chanel und Andy Warhol, von seinem profunden Sachverstand für zeitgenössische Kunst und abgeknipste Erotik: Ein gealterter Playboy putzt sich noch einmal für den anstehenden Nachruhm auf. Man kennt das seit den langen fünfziger Jahren: Ein bisschen Wehweh und ein bisschen BB.
Wohlstand durch Rücktrittsnabe
Ganz anders indes liest sich die Geschichte, die der Berliner Publizist Wilfried Rott von Sachs und seiner Familie erzählt. Unter dem Titel «Sachs – Unternehmer, Playboys, Millionäre» verengt er die Schilderungen nicht nur auf den Lebensweg von Sunnyboy Gunter. Rott legt eine Familiensaga vor, die man im Nachkriegsdeutschland nur allzu gerne vergessen gemacht hätte.Angefangen bei Großvater Ernst, der noch im Wilhelminismus durch die Erfindung der Fahrrad-Rücktrittsnabe zu Wohlstand kam und das angesehene Unternehmen Fichtel und Sachs gründete, über SS-Obersturmbannführer Willy, der als Industriekapitän das Familienunternehmen auf Nazi-Kurs brachte, bis hin zu Gunter, der sich entschied, das braune Familienerbe zu verleben.
Leidenschaftliche Jäger
Mit Ruhm hat sich die Industriellenfamilie aus Schweinfurt nicht bekleckert. Kaum, dass die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht ergriffen hatten, begann für Fichtel und Sachs der Flirt mit der Diktatur. Zunächst SA- und Parteimitglied, wechselte Willy Sachs, dessen Unternehmen am Ende der Weimarer Republik von der allgemeinen Rezessionswelle erfasst worden war, das hölzerne Braunhemd gegen das feschere schwarze.Im Umfeld von Himmlers SS schien sich Willy Sachs wohlzufühlen; weniger, weil er überzeugter Nationalsozialist gewesen wäre, sondern unter anderem weil er mit Himmler und Göring eine Leidenschaft für die Jagd teilte.
Zwangsarbeiter in Schweinfurt
Es war eine Freundschaft, die aus Gefälligkeiten bestand. Himmler, Göring und auch Heydrich halfen Sachs bei privaten Problemen, und Sachs bedachte die SS mit großzügigen Geldspenden. Was dem Privatmann billig war, konnte dem Geschäftsmann nur recht sein.Betrug der Gewinn von Fichtel und Sachs laut Rott 1933 lediglich zwei Millionen Reichsmark, so waren es 1934 bereits 4,2 und 1937 6,1 Millionen. Die Kriegs- und Rüstungspolitik tat ihr Übriges. Bald stellte Sachs nicht nur Naben und Radlager, sondern auch Patronenhülsen und Ersatzteile für die Luftwaffe her. 1943 schufteten für diesen Erfolg bereits 1394 Zwangsarbeiter in dem Schweinfurter Unternehmen.
Geldwäsche durch Vererbung
Wie einst Friedrich Flick durfte sich auch Willy Sachs bald den zweifelhaften Titel Wehrwirtschaftsführer anheften. Auch wenn Fichtel und Sachs im nationalsozialistischen Industriegeflecht längst keine dem Flick-Imperium vergleichbare Rolle spielte, so hatte sich das gute Verhältnis zu den Machthabern auch für Willy Sachs mehr als gelohnt.Dem Vermögen, das er nach seinem plötzlichen Selbstmord 1958 an seine Kinder Gunter und Ernst-Wilhelm vererbte, hafteten noch immer die Verbrechen des Nationalsozialismus an.
Gefragt hat danach aber keiner mehr. Zwar musste Willy Sachs am Ende des Krieges zwei Spruchkammerverfahren durchlaufen; spätestens aber, als das Vermögen an die nächste Generation weitergereicht worden war, war das Geld wieder sauber.
Froschkönig und Partyprinz
Seine Rolle des Playboys eröffnete Gunter Sachs ungeahnte Möglichkeiten. Während ein Großteil der Deutschen, wie es jüngst die Historikerin Dagmar Herzog in ihrem Buch «Die Politisierung der Lust» beschrieb, die historische Schuld in den fünfziger Jahren sexualisierte und versuchte, die Verbrechen der Nazis über Bigotterie und geschlechtliche Askese abarbeiten zu können, lebte Sachs eine neue deutsche Unbefangenheit vor.Er wurde zur angehimmelten Projektionsfläche für eine Nation, die sich ansonsten Triebenthaltung verordnet hatte. Zudem bot die Playboyrolle die Möglichkeit, unauffällig aus den Zeitläufen der Geschichte auszusteigen. Denn wie der Märchenprinz hatte sich auch dieser neue Typus des Frauenhelden nicht für Geschichte und Herkunft zu verantworten.
Wer Schönheiten und Prinzessinnen umschwärmt, für den ist bereits bei den Gebrüdern Grimm die Goldschatulle immer voll. Fragte man schon den Froschkönig nicht, woher die goldene Kugel kam, so ersparte man auch dem Partyprinzen von St. Moritz diese Frage.
Alle sind ein bisschen Flick
Man mag den langen fünfziger Jahren eine solch unbedarfte Wahrnehmung noch zugestehen. Im Jahr 2003 aber, als Gunter Sachs seine Kunstsammlung, bestückt mit zahlreichen Meisterwerken des europäischen Surrealismus, bedeutenden Warhols, Kleins und Lichtensteins im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ausstellte, da fragte niemand nach der Herkunft des ausgestellten Reichtums. Es mußte erst ein Mick Flick kommen, an dem sich eine zuweilen verlogene Debatte entladen konnte.Sachs' Biographie zeigt, dass Flick in Deutschland kein Einzelfall ist. Erst jedoch wenn eine gewisse Vermögensgrenze überschritten ist, rührt sich in uns das Gewissen. In diesem Moment sind dann auf einmal alle ein bisschen Flick. Ein Volk auf den Schultern von Barbaren. Ein Volk, das noch immer von jenem Umverteilungsprogramm profitiert, das die Nazis durch Arisierung und Zwangsarbeit in die Wege geleitet hatten.
An Flick entlud sich der Selbsthass der nivellierten Mittelstandsgesellschaft; all jener kleinen Erblastschleicher, die den Playboy Gunter Sachs einst aus einem einzigen Grund angehimmelt hatten: Er verstand es spielerisch, Schuld und Sühne in Luft und Liebe zu verwandeln.
Wilfried Rott: Sachs. Unternehmer, Playboys, Millionäre. Blessing Verlag 2005. 384 Seiten. 21,90 Euro