28.10.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Gundam-Manga
Foto: absoluteanime.com
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zusammen mit seinem Sohn reist der Schriftsteller Peter Carey nach Tokio. Die Geheimnisse der Japaner können die beiden nicht ergründen, stattdessen verlieren sie sich in der faszinierenden Welt der Mangas.
Von Manuel KarasekAbgrundtief peinlich ist dem 15-jährigen Takashi, dass ihn mitten im riesigen Tokio sein nordamerikanischer Freund Charley und dessen Vater der aus Australien stammende und in New York lebende Schriftsteller Peter Carey als buntuniformierten Angestellten von «Mister Donut» antreffen.
Ein teuflischer und absolut überraschender Zufall. Nach knapp zehn Tagen Aufenthalt in Nippons labyrinthischer Hauptstadt hatten die beiden Touristen aus dem Okzident genug von Sushi und Miso-Suppe und Takashi hatte begonnen, über seine neuen Freunde aus Gründen, die sich in Careys neuem Buch «Wrong about Japan» nie ganz klären, beleidigt die Nase zu rümpfen und das in einem Land, in dem es als Unsitte gilt, sich in der Öffentlichkeit die Nase zu putzen.
Ein bestimmtes LichtIst Takashi ein typischer Repräsentant seines Landes? Jedenfalls ist er zunächst «Mister Donut persönlich», wie der australische Romancier schreibt. «Er begrüßte uns als Kunden, als Fremde, die es zu respektieren und zu bedienen galt.» Doch manche Jobs ob Straßenkehrer oder Bulettenkoch können in dem Moment vollends unerträglich werden, in dem man auf Bekannte trifft. «Hier essen oder mitnehmen?», fragt Takashi. «Hier essen.», antwortet Peter Carey vorschnell und bedauert seine Antwort, als er «plötzlich die Wut» in den Augen seines Gegenübers sieht.
Dafür hat Takashi auch allen Grund. Tage zuvor hatte er sich noch in seinem eigentlichen Outfit präsentiert. In «eindrucksvolle Dreiecksformen» ist das Haar frisiert. Es schmückt ihn eine veilchenblaue Jacke mit glänzenden Goldknöpfen, eine rabenschwarze Hose und Stiefel, die bis zu den Knien reichen. «Es schien», schreibt der 1943 geborene Autor, «dass er eine bestimmte Art Licht mit sich hereingetragen hatte.»
Unermessliches All, unendlicher KriegMag dem einen der Glanzlack dieser Aufmachung lediglich als jugendlicher Firnis vorkommen, so versteht der Leser bald die tiefe Kraft der Adaption, die in der Verkleidungsgeste liegt. Im sauberen Kittel von «Mister Donut» muss Takashi auf deprimierende Weise seine Nacktheit demonstrieren. Aber genau das hatte Carey ja auch gesucht: die nackte Wahrheit in einem Land, dass vor allem bekannt ist für Elektronikindustrie und Mangas.
Letztere sind auch für die Beziehung verantwortlich, die zunächst als loser Internet-Kontakt zweier Anhänger der Serie «Mobile Suite Gundam» anfing und sich nun in einen typischen Austausch zwischen Tourist und Einheimischem verwandelt. Das ist nun einmal ihre Gemeinsamkeit: Ganz vernarrt sind Takashi und Charley in eine Serie, in der sich roboterhafte Kolosse aus Stahl in den unermesslichen Tiefen des Weltraums in einem unendlichen Krieg befinden.
Godzilla ist die BombeGelenkt werden die High-Tech-Giganten von stupsnasigen Helden, die im Bauch der Maschinen sitzen. Der Vorgänger dieser Manga-Serie hieß übrigens «Mazinga Z». Und die Kämpfe allesamt orgiastische Destruktionsszenarien fanden zunächst noch auf der Erde statt. Als zehnjähriger Zuschauer wurde man dabei nie das Gefühl los, dass all diese Riesen nur Symbole für eine große Katastrophe seien. Die Atombombe zum Beispiel.
Das befindet auch Peter Carey, wenn er von einem anderen berühmten Riesen spricht: «Godzilla ist die Bombe», behauptet er. Doch Yuka Minakawa, die Verfasserin eines enzyklopädischen Werkes namens «Gundam Officials, Limited Edition» in dem «jede bekannte Information zu Mobile Suite Gundam» steht ist anderer Meinung.
Fremd im Innern der MaschineSchließlich gab es schon vor der nuklearen Katastrophe Mangas mit kriegspropagandistischem Inhalt, in denen New York von einem Blechriesen in Schutt und Asche verwandelt wurde. Ergo datiert die japanische Faszination für Roboter noch in die Vorkriegszeit, vor allem die Faszination für die möglichst große Variante eines hochhauszertrümmernden und technisch überzüchteten Riesen aus Stahl.
Carey stutzt, denn nicht zum ersten Mal passiert es ihm auf seiner Reise, dass sich seine Annahmen über die japanische Kultur als falsch erweisen. Das beginnt bei Kleinigkeiten. Carey ist der Meinung, dass die jugendlichen Helden von «Mobile Suite Gundam» von dem Augenblick an, wo sie sich im Innern der Maschine befänden und sie lenkten, eine Entfremdungserfahrung durchmachen würden.
Roboter verkaufenNein, meint Yuka, man solle lieber davon ausgehen, dass sie sich noch im Mutterleib befänden. «Wenn die Roboter böse zugerichtet und verletzt werden, kann man sehen», so Yuka weiter, «dass auch der Mensch, der den Roboter steuert, Schmerzen erleidet. Wenn man logisch darüber nachdenkt, dürfte das nicht geschehen. Es müsste bei ihnen eigentlich so sein wie bei den Kerlen in einem Panzer, aber man muss verstehen, dass diese Piloten im Mutterleib sind. Sie fühlen, was die Mutter fühlt.»
Allzu sehr lässt sich der australische Autor durch solche Mitteilungen allerdings nicht erschüttern. Er spürt stattdessen einen Abstand zu sich selbst. Carey ist nicht einmal der Meinung, ein guter Journalist zu sein. Er würde auch die Künstler aus der Mangaindustrie gar nicht gut interviewen, behauptet er. Warum also dieses Buch?
Es lebt von zwiespältigen Situationen und einem Netz feinmaschiger Nuancen, das der Autor mit subtiler Ironie auslegt. So zum Beispiel, wenn Mr. Tomino, der Erfinder von «Mobile Suite Gundams» den Autor mit folgender Geschichte überrascht: Die Serie sei nur entwickelt worden, um Spielzeugroboter zu verkaufen. Dahinter stecke also keine echte Inspiration.
Nummern ohne ChronologieAber mal abgesehen von den Geistessprüngen, welche die beiden auf dem japanischen Trapez der Mangakultur erleben: Es ist kein Wunder, dass Peter Carey solche Phantasiewelten faszinieren. Auch seine Romane wie beispielsweise «Das ungewöhnliche Leben des Tristan Smith» sind von Science-Fiction und Comics inspiriert.
Es scheint also fast zwangsläufig, dass Vater und Sohn bei ihren Erkundungen auf Irrwege geraten. Bei ihrer Suche nach Takashis Adresse müssen sie sich mit dem kuriosen Adressensystem auseinandersetzen. Erhöhte Schwierigkeiten bereitet westlichen Besuchern vor allem die jede Chronologie vermissen lassende Hausnummernregelung.
Niemand versteckt sich«Dort werden Sie früher oder später», erzählt Carey, «das Gebäude Nummer 33 finden. Natürlich steht es nicht einmal in der Nähe von Gebäude 32 oder 34. Viel wahrscheinlicher ist es zwischen die Nummern 20 und 7 gequetscht.»
'Aaarghhh!', so würden in einem solchen Falle die Figuren in den Mangas reagieren. Selbst die Amerikaner, die für so viele Veränderungen im modernen Japan verantwortlich sind, haben dieses System nie ganz begriffen. «Das soll keine Heimlichtuerei sein», meint Takashi, «Abendländer denken, wir wollen uns vor ihnen verstecken. Niemand versteckt sich. Unsere Weise ist logisch.»
Das echte JapanOhne es zu wollen, weist Takashi damit auf einen bedeutenden historischen Umstand hin. Als der Amerikaner Commodore Perry mit seiner Flotte Japan im Jahr 1854 dazu zwang, seine Häfen zu öffnen, endete eine fast zweihundertjährige, freiwillig auferlegte Isolation. Careys Buch lotet unter anderem ein kulturelles Unbehagen aus, das aus dem Missverständnis entstanden ist, dass die einen nur scheinbar etwas verbergen und die anderen daher glauben, vor etwas Geheimnisvollem zu stehen, das sich jeder Definition entzieht.
So empfindet Carey die japanischen Höflichkeitsrituale als Distanziertheit. Er kann das Verhalten seiner Gastgeber nicht enträtseln. Der Autor sucht durchaus das Landestypische Japans und verirrt sich doch in Stereotypen. Obwohl er gerade das an mehreren Stellen betont, geht es Carey gar nicht darum, wie das «echte Japan» aussieht.
Sieben Pfund GundamEigentlich geht es ihm um seinen Sohn und darum, wie dieser völlig in den Bann seiner Mangas gerät. Und langsam merkt auch Carey, wie fasziniert er selbst von dieser Welt ist. Hier, so vermutet er, müsse doch etwas typisch Japanisches zu finden sein. Etwas, das die Nüchternheit von Tomino und die Abwehrhaltung von Yuka erklärt.
Letztlich geht es um das alte Rätsel der Kunst. Warum entfaltet sie eine solche Wirkung? Warum leben wir so gern in diesen Gegenwelten? Zur Beantwortung dieser Fragen erweist sich schließlich Careys Begegnung mit dem berühmten Mangazeichner Miyazaki als besonders wichtig. Und kurz vor seiner Abreise macht Charley der Großmutter von Takashi ein Geschenk, die Enzyklopädie über die Gundam-Serie. Es ist ein kostbares Buch, mindestens sieben Pfund schwer. Die Großmutter bedankt sich mit einem Kuss.
Peter Carey: Wrong about Japan. Eine Tokyoreise. S-Fischer Verlag 2005. 141 Seiten. 17,90 Euro