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Hiroschima: 

Denn sie wussten nicht, was die tun

05. Aug 2005 11:08
Blitz über Hiroschima
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Als Sechsjähriger hat Keiji Nakazawa die Atombombe von Hiroschima überlebt und seine Erinnerungen später in einem Comic verarbeitet. Für die Japaner ist dieser Manga eines der wichtigsten Erinnerungsbücher überhaupt.

Von Ronald Düker

Hiroschima, sechster August 1945, acht Uhr fünfzehn nach japanischer Zeit. In dem Moment, in dem Little Boy aus dem Schacht des Bombers Enola Gay fällt, aktivieren Ausziehdrähte an der Rückseite der Bombe die Stromkreise in deren Innern und aktivieren acht durch Federwerke betriebene Zeitschalter. Fünfzehn Sekunden dauert es, bis das Flugzeug sich weit genug aus der Todeszone entfernt hat, dann setzt die zweite Zündphase ein. Deren Schaltung wird durch Luftdruck gesteuert.

Die Bombe fällt jetzt mit einem Tempo von 335 Metern pro Sekunde, also nahezu Schallgeschwindigkeit. Die dritte Zündphase beginnt bei 2100 Höhenmetern. Vier Radareinheiten werden in Gang gesetzt, die dem Innengeschütz der Bombe das entscheidende Zündsignal übermitteln werden.

Schlimmer als erwartet

Sie tun das exakt in dem Moment, in dem die Bombe eine Höhe von 560 Metern erreicht hat. Robert Oppenheimer hatte berechnet, dass Little Boy, wenn er genau in dieser Höhe detonierte, sein größtes Destruktionspotential entfalten würde, insbesondere was die Zerstörung kleinerer Gebäude anlangt.

44 Sekunden nach dem Ausklinken der Bombe und drei Wochen, nachdem in der Wüste von New Mexico eine erste Atombombe zu Testzwecken explodiert war, passierte das, was die Mitglieder des strenggeheimen «Manhattan Project» geplant hatten. Nur dass die Verheerungen, die Little Boy anrichtete, die Erwartungen der Wissenschaftler noch bei weitem übertrafen. Zu einem Zeitpunkt, als die Kapitulation Deutschlands bereits Geschichte war und diejenige des japanischen Kaiserreichs nur noch eine Frage weniger Wochen sein konnte, erlebte der Zweite Weltkrieg seinen schlimmsten militärischen Höhepunkt.

Menschen auf die Wand fotografiert

Die vielkolportierte Mär, dass er damit auch auf einen Schlag zu Ende gewesen sei, ist indessen nicht zu halten. Denn noch verweigerte der Kaiser die geforderte Kapitulation. Er unterzeichnete sie erst neun Tage später, nachdem eine zweite Bombe auf Nagasaki gefallen und am selben Tag auch die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eingetreten war.

Enola Gay im Moment des Bombenabwurfs
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Bis zu 200.000 Menschen, so schätzt man heute, starben durch den atomaren Blitz von Hiroschima, von vielen blieben nur ein Schatten, den die Hitze wie durch ein fotografisches Verfahren in Wände oder Gehsteige gebrannt hatte. Taschenuhren blieben um acht Uhr fünfzehn stehen, und zeigen noch heute präzise den Zeitpunkt des atomaren Blitzes an.

Was für ein Tohuwabohu

Während sich der sechste August nun zum sechzigsten Mal jährt, ist das Geschehen in zeitgenössischen Filmen und historischen Büchern, wie dem jüngst erschienenen «Hiroshima» von Stephen Walker, bereits ausgiebig dokumentiert worden. Die Erfahrungen der Opfer lassen sich aber wohl weder in Worte, Bilder oder Statistiken fassen. Sie waren nämlich buchstäblich ohne Beispiel. Was sich amerikanische Soldaten und Ingenieure als Leistung auf die Fahnen schrieben – dass hier eine bislang ungekannte Zerstörung mit ungekannten Effekten angerichtet worden war – muss den Bürgern von Hiroschima schon deshalb als Inferno erschienen sein, weil sie vollkommen ahnungslos getroffen wurden und nicht wussten, was und wie ihnen in diesem Augenblick geschah.

'Pika-don', Blitz und Donner, nannten die Japaner bald den atomaren Blitz, und auch Bob Caron, der Pilot der Enola Gray, konnte das, was er beim Rückflug durch das Seitenfenster seiner Maschine sah, nur mit höheren Mächten in Zusammenhang bringen. «Heiliger Moses, was für ein Tohuwabohu» rief der Flieger mit Blick auf die glühende Stadt ins Bordfunkgerät.

Erster Manga auf englisch

In Japan gehört seit 1973 ein Comic zum festen Bestandteil des Gedenkens an den sechsten August. Keiji Nakazawa, der selbst aus Hiroschima stammt und diesen Tag dort im Alter von sechs Jahren erlebt hat, hat ihn ein Vierteljahrhundert später gezeichnet. Es ist eine autobiografische Auseinandersetzung mit der Bombe, die ihm seinen Vater, seine Schwester und seinen jüngeren Bruder genommen hat. Keiji selbst überlebte gemeinsam mit seiner hochschwangeren Mutter, die noch in den Trümmern von Hiroschima ein kleines Mädchen zur Welt brachte, dem aber aufgrund der radioaktiven Strahlung nur eine Lebensdauer von vier Monaten beschieden sein sollte.

Verstrahlter in Hiroshima
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«Barfuss durch Hiroshima» heißt Nakazawas vierteiliger Manga, und er hat für die Japaner schon lange eine Bedeutung, die in Europa allenfalls den Tagebüchern von Anne Frank zukommt. Zum diesjährigen Gedenktag erscheint nun der vierte Teil dieser Bilderzählung auch auf deutsch. Nakazawas Buch war 1978 als erster japanischer Manga überhaupt ins Amerikanische übersetzt worden.

Wir denken in Cartoons

Dass sich ausgerechnet ein Comic als so tragfähig für die Erinnerung des Unfassbaren erwiesen hat, erklärt sich Art Spiegelman, der von «Barfuss durch Hiroshima» wohl auch für seine eigene Arbeit an dem Holocaustcomic «Maus» beeinflusst worden ist, durch die Struktur des Mediums selbst. Im Vorwort zum ersten Teil von Nakazawas Manga schreibt Spiegelman:

«Der Comic ist ein stark komprimiertes Medium, das mit relativ wenigen Worten und einem visuellen Code aus vereinfachten Bildern geballte Informationen liefert. Diese Chiffrierung erscheint mir als ein Modell dafür, wie das Gehirn Gedanken formuliert und im Gedächtnis speichert. Wir denken in Cartoons.»

Was ist hier los?

Und tatsächlich setzt Nakazawa das Grauen, an dessen Darstellung Literatur oder Film beinahe zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind, in denkbar einfachen Bildern in Szene. Seine Zeichnungen, die sich nicht durch künstlerische Originalität auszeichnen, sondern, wie auch Spiegelman einräumt, eher hölzern wirken, rufen auf simple Art das in Erinnerung, was der Autor mit eigenen Kinderaugen zu sehen gezwungen war: Ein wild gewordenes Pferd in Flammen, Menschen von Glassplittern oder Maden durchsetzt, Berge verschmorter Leichen und solche, denen der Bauch von gärenden Fäulnisgasen aufplatzt.

Die Haut hängt in Fetzen vom Leib
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Gerade noch Lebendige torkeln wie somnambul durch die verwüsteten Straßen, während ihnen die Haut in Fetzen auf den Boden hängt. «Das ist kein Lendenschurz. Das ist die Haut von seinem Rücken» kommentiert der sechsjährige Gen Nakaoka, der im Comic das Alter Ego des Autors ist, lakonisch einen solchen Anblick. «Die Menschen sehen alle aus wie Monster», sagt Gen, «was ist hier los?»

Eine ungeheure Wut schöpft Nakazawa aus dem, was ihm und seiner Familie in Hiroschima widerfahren ist. Und doch richtet sich diese Wut nicht gegen die Amerikaner als unmittelbare Urheber des Bombenabwurfes. Er macht vielmehr die japanische Regierung und den Kaiser dafür verantwortlich, dass man es so weit hatte kommen lassen. Im Comic ist es Gens Vater, der bis zu seinem Tod furchtlos und heldenhaft das ausspricht, was einem Japaner dieser Tage kaum zu denken erlaubt gewesen ist.

Prügel für Verräter

Als wirklicher Pazifist verkündet er überall seine feste Überzeugung: Dass nämlich nur eine kleine und reiche japanische Oberschicht diesen Krieg betreibe, und dass ihr einziger Beweggrund dabei sei, noch reicher zu werden. Dass ein ganzes Volk mit verantwortungslosen Lügen über einen gottgleichen Sonnenkaiser und einer Herrenmenschenideologie, in der Koreaner und Chinesen lediglich als Untermenschen vorkämen, bei der Stange gehalten werde. Dass also nicht die Nachbarvölker und nicht einmal die Amerikaner und Briten mit ihren zerstörerischen Bombern die wirklichen Feinde des japanischen Volkes seien, sondern vielmehr die Staatsführung, die ihr Land in einem selbstmörderischen Krieg aufreibe.

Für Kamikazeflieger hat Gens Vater nichts übrig, und als sein ältester Sohn, Gens Bruder, sich freiwillig zur Marine meldet, bricht es ihm schier das Herz. Der Junge hatte es nicht mehr ausgehalten, dass die ganze Familie in Hiroschima im Ruf des Vaterlandsverrats stand. Er wollte den Prügeln, die seine Brüder beziehen und den sexuellen Nötigungen, die seine Schwester erdulden musste, ein Ende bereiten.

Ein freundlicher Mann

Auch, dass die ganze Familie beinahe Hungers sterben musste, weil ihr unter den ohnehin schwierigen Bedingungen der Mangelwirtschaft die Nahrungsbeschaffung noch erschwert wurde, machte ihm zu schaffen. Am Ende aber steht Gens Bruder als das zu bemitleidende schwache Glied der Familie dar, Gens Vater hingegen ist Nakazawas unbestrittener Held. Der kleine Gen, dessen Name im Japanischen soviel bedeutet wie Wurzel, Quelle und Ursprung, soll als einziger männlicher Überlebender der Familie das Erbe des Vaters fortsetzen.

Er ist zugleich der historische Repräsentant des modernen Japans, das wie kaum ein anderes Volk dieser Erde einem Krieg pazifistische Konsequenzen folgen ließ. Keiji Nakazawa, um den es hier ging, lebt noch heute. Er ist 66 Jahre alt, leidet seit 1945 an Leukämie und wird trotzdem als überaus lebhafter und freundlicher Mann beschrieben. Er wohnt in Tokio, verbringt aber einen großen Teil des Jahres in seiner Heimatstadt Hiroschima.

Keiji Nakazawa: Barfuss durch Hiroshima, Vier Bände, Carlsen Comics 2004/2005, jeweils ca. 300 Seiten, jeder Band 12,90 Euro

Stephen Walker: Hiroshima. Countdown der Katastrophe, C. Bertelsmann 2005, 400 Seiten, 19,90 Euro

 
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