Die Angst in Leeds: 

netzeitung.deZwei ganz normale Typen

 Herausgeber: netzeitung.de

Die Attentäter aus Leeds waren nette Jungs, denen die Zukunft offen stand. Jetzt herrscht in ihrem Viertel Fassungslosigkeit und Angst.

Von Anjana Shrivastava, Leeds

Einst war der Norden Englands das Epizentrum der industriellen Revolution. Die Mühlen und Fabriken zogen viele Arbeitskräfte an, darunter eine große Zahl von Pakistanis, die meisten von ihnen Muslime. Heute sind es an einem Samstagabend in Manchester jedoch Filme aus Bollywood, die Scharen von Südasiaten aller Klassen und Religionen ins Trafford Center strömen lassen.

Dreißig Prozent der Besucher des größten Einkaufszentrums in ganz Großbritannien stammen in erster, zweiter oder dritter Generation vom indischen Subkontinent. Sie reisen aus dem gesamten Großraum Manchester an, um die neuesten Blockbuster aus Bombay zu sehen. Während aus der westlichen Kinoproduktion und in englischer Sprache in dieser Woche «War of the Worlds» und der Thriller «Dark Water» laufen, werden aus Indien Melodramen wie «Parineeta» gezeigt. Der Film handelt von den tiefen Gefühlen einer Ehe und einer Affäre, die sie aus dem Gleichgewicht bringt. Etwas weniger romantisch geht es in «Dus» zu. Der Action-Film erzählt von einem Spezialkommando, das den indischen Premierminister vor Terroristen schützt.

Alte und neue Bomben
Alteingesessene Briten sind in Filmvorführungen auf Hindi selten anzutreffen, umgekehrt ist das Kino bei vielen Südasiaten auch deswegen so beliebt, weil sie sich mit der britischen Trinkkultur in den Pubs nicht anfreunden können. Das Trafford Center wurde 1998, also zwei Jahre nach dem verheerenden Bombenanschlag der IRA gebaut und ist Teil eines größeren Stadtplanungskonzepts, um die heruntergekommene postindustrielle Stadt wieder attraktiv zu machen.

Das Center, in das Investitionen von über 1,2 Millionen Pfund flossen, sollte im letzten Jahr selbst Schauplatz eines Bombenanschlags werden. Die Pläne radikaler Islamisten wurden jedoch rechtzeitig aufgedeckt, und es kam zu Verhaftungen von 10 Islamisten in den vorwiegend pakistanischen Vierteln von Manchester.

«Unsere schlimmsten Gegner sind Muslime»
An einem Nachmittag in Rusholme, einem Zentrum südasiatischen Geschäftslebens in der Stadt, versuchen drei Muslime dem Radikalismus ihre friedliche Version des Islam entgegen zu setzen. Zwischen kleinen Läden und Restaurants stehen sie und verteilen Broschüren, die über den Islam und Selbstmordanschläge aufklären sollen. Einer der Männer ist ein Gambier, ein anderer ein englischer Konvertit, ein Bauarbeiter, der eben seinen Job verloren hat.

Sie erklären den meist ebenfalls muslimischen Passanten, dass Muslime in Großbritannien Gäste der Queen seien. «Unsere schlimmsten Gegner sind Muslime», sagen sie und erzählen von den aggressiven Rekrutierungspraktiken nominell längst verbotener Extremistengruppen, deren Mitglieder ihnen bereits mehrfach mit dem Tod gedroht hätten. Sie besuchen die nahe gelegene, fundamentalistische, aber pazifistische Salawi-Moschee.

Die jungen Männer, die hier für einen friedlichen Islam werben, erscheinen weltabgewandt, pietistisch und altmodisch. Und eben darin unterscheiden sie sich von den modernen Formen des Extremismus, die sich anderswo entwickelt haben, unter anderem im Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban. Ein Jahr vor dem Bau des Trafford Center in Manchester hatten die Taliban erklärt, in Kabul dürfe wieder Fußball gespielt werden. Internationale Hilfsorganisationen hörten diese Ankündigung gern und halfen bei der Renovierung des Stadions. Doch die Taliban ließen hier nicht Fußball spielen, sondern nutzten den Ort für eine andere Art der Volksbelustigung: Sie hielten hier öffentliche Hinrichtungen ab.

Radikal und kosmopolitisch
Spätestens jetzt wurde deutlich, dass ein neuer, urbaner islamischer Extremismus die traditionalistische Weltanschauung überwunden hatte, für die die Stammesältesten standen, die den Widerstand gegen die sowjetischen Truppen im Land begonnen hatten. Eine ähnliche Modernisierung scheint sich auch im vorwiegend muslimischen Viertel Beeston im südlich von Manchester gelegenen Leeds abgespielt zu haben. Die meisten pakistanischen Muslime kommen aus dem armen Mirpur-Distrikt, der direkt an Kaschmir und Afghanistan grenzt, und der von den dortigen traumatischen Verhältnissen des Bürgerkriegs nicht unberührt geblieben ist.

Die Eltern der Selbstmordattentäter aus Leeds scheinen wirtschaftlich nicht schlecht gestellt gewesen zu sein. Offenbar war es eher die traditionalistische Version des Islam in ihren Familien, die wenig kompatibel mit der westlichen Lebensweise waren. Die Immigranten aus Mirpur bringen oftmals nicht nur ihre Bräute aus der alten Heimat nach Großbritannien, sondern auch ihre Dorfimame. Sie aber scheitern oft daran, jungen Männern in dieser fremden Welt eine Orientierung zu geben. Aus diesem Grund sind solche jungen Männer von den Extremisten als Zielgruppe erkannt worden, die sie als «Waisen des Islam» bezeichnen. Sie bieten den Jungen einen Glauben an, der in gewisser Weise kosmopolitischer, aber auch fundamentalistischer ist als der ihrer Eltern.

Einige der Attentäter waren kurz vor den Anschlägen zusammen Wildwasser gefahren und hatten Religionsschulen in Pakistan besucht. Viele dieser Schulen erscheinen eher als Kaderschmieden denn als traditionelle Religionsschulen. Viele dieser Schulen haben schöne Cricketplätze und Pferde und versuchen überhaupt, das amerikanische Modell der elitären Privatschulen in den USA zu kopieren.

Zwei ganz normale Typen
Im armen Beeston antworten heute schon achtjährige Jungen auf Fragen von Journalisten mit einem knappen «No comment». Sozialarbeiter aus dem Viertel reagieren freundlicher und laden zu einem Fußballspiel am Wochenende ein, das die muslimische Gemeinde auf andere Gedanken bringen soll. In ihrem Viertel waren die Attentäter nicht wegen ihrer Überzeugungen bekannt, sondern als Sportler, die gern und erfolgreich Cricket und Fußball spielten. Bei vielen sitzt nun der Schock tief, dass aus ihrer Nachbarschaft Attentäter kamen. Anders als viele im Viertel spricht «Tariq», ein junger Mann, der an einer Tankstelle arbeitet und seinen Namen nicht nennen will, offen darüber.

Er kann es nicht fassen, dass zwei junge Briten wie Tanweer und Hussain mit keineswegs schlechten Zukunftsaussichten einer solchen «Gehirnwäsche» unterzogen werden konnten. Mit seinen 22 ist der Muslim so alt wie die Attentäter, die er kannte. Mit beiden plauderte in der Tankstelle, und er ging hin und wieder bei «South Leeds Fish and Chips» essen, das der Vater Tanweers nun für immer geschlossen hat. Zwei Wochen später ist Tariq immer noch erschüttert: «Sie waren zwei ganz normale Typen, ich kann einfach nicht glauben, dass sie Terroristen waren», sagt er in einem Yorkshire-Akzent. Vor zwei Jahren zog er von Islamabad hierher.
Die Faschisten warten schon
Vor allem junge Männer müssen sich nun mit den Konsequenzen der Anschläge auseinander setzen. Sie haben Angst vor Übergriffen durch Angehörige der extremistischen neofaschistischen Gruppe Combat 19 oder der British National Front. In der vergangenen Woche haben sich ungefähr fünfzig Männer vor dem Beestoner Broadway Pub versammelt, bevor sie von der Polizei auseinander getrieben wurden. Polizisten haben Tariq erzählt, dass die Schläger gedroht haben, wiederzukommen, ein Taxifahrer wurde bereits angegriffen.

Tariq hat sich gerade erst ein Haus in Beeston gekauft, die Hypothek zahlt er in endlosen Schichten hinter der Kasse der Tankstelle ab, heute von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Obwohl er freundlich und wie ein Barkeeper mit seinen Kunden spricht, hat er ganz offensichtlich Angst. Es ist nicht die Intensität der Gewalt, sondern die Tatsache, dass sie überall Unschuldige trifft, die hier in Großbritannien den Gedanken aufkommen lassen, dass man es tatsächlich mit einem «Krieg der Welten» zu tun hat. Dabei sind es offensichtlich nicht die Jungen, sondern die Alten, die versagt haben.