25.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Tatverdächtiger in London auf dem Bild einer Überwachungskamera
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nach den ersten Anschlägen dominierten noch Integrationswillen und Stoizismus London, jetzt steht die Stadt unter Schock. Anjana Shrivastava besuchte für die Netzeitung unter anderem die berüchtigte Finsbury-Park-Moschee.
Von Anjana Shrivastava, LondonNach den Terroranschlägen erscheint das Londoner U-Bahn-System dem Besucher nicht nur fremd, sondern geradezu groteske Dimensionen anzunehmen. Es drängt sich beinahe von selbst die Vorstellung auf, dass die Piccadilly Line an einem Ende in Bagdad hält, während die Züge in Gegenrichtung auch in den deprimierenden Straßen von Leeds ankommen könnten. Die Victoria Line scheint einerseits geradewegs nach Washington zu führen, während ihr anderer Endbahnhof in den Vororten Lahores gelegen sein könnte.
Das Gefühl, dass die Londoner U-Bahn nicht mehr anders als global zu denken ist, steht hingegen in starkem Kontrast zu der nicht zu ignorierenden Tatsache, dass einige Linien seit den Anschlägen dauerhaft unterbrochen sind. Gleichzeitig hat der zweite Anschlagsversuch in London, der einstigen Hauptstadt des Empire, auch allzu deutlich gemacht, dass Großbritannien nun nicht nur um seinen vielbeschworenen Stoizismus ringt, sondern den Blick nun endlich dem hausgemachten Extremismus zuwendet.
London, das sich, ungeachtetet seines geradezu dörflichen Charakters, einmal als Herrin der Welt fühlen durfte, ist nun eine wirkliche Provinz und spielt eine wirklich provinzielle Rolle in seinem eigenen historischen Schicksalsstück.
Terror in LondinistanBereits vor den erneuten Anschlägen gelang es Premier Tony Blair, die nationale Aufmerksamkeit auf die schäbigen Viertel nordenglischer Städte und auf britische Moscheen zu lenken, in denen radikale Imame zum Krieg gegen den Westen aufriefen. Nachdem der Invasion im Irak bis heute kein großer Erfolg beschieden war, hat die Regierung ihr Augenmerk endlich dorthin gerichtet, wo schon lange mehr Wachsamkeit nötig gewesen wäre. Neue Gesetzesvorhaben sollen es nun leichter machen, Prediger auszuweisen, die ihre «böse Ideologie» verbreiten, wie Tony Blair sagte.
Darauf, dass «Londinistan» seit den neunziger Jahren, also in Blairs Amtszeit, ein Zentrum dieser islamistischen Ideologie im Westen geworden ist, hatte alsbald nach den Anschlägen nicht nur der saudische Botschafter in Großbritannien hingewiesen. Öffentliche Diskussionen wurden nun mit führenden Vertretern der seit jeher eher isolierten muslimischen Gemeinschaft geführt, um sich ihrer Mithilfe zu versichern.
Moslems für FriedenDie guten Absichten der britischen Moslem-Community ließen sich in der letzten Woche in der einst berüchtigten Finsbury-Park-Moschee im Londoner Norden besichtigen. Sie war erst Anfang des Jahres von der Polizei als Zentrum radikaler Islamisten geschlossen worden. Nun prangt über der offenen Tür ein Transparent, auf dem «Moslems für Frieden» zu lesen ist. An der Tür gewährt ein freundlicher, aus Ethiopien stammender Mann Einlass in die leeren Räume.
Obwohl seit dem 7. Juli gut dreißig Bombendrohungen aufgebrachter Bürger eingegangen sind, erwartet ein Mann namens Mohammed hier Fremde, die ins Gespräch kommen wollen. Mohammed Kozbar ist ein Mann in den Dreißigern und britischer Staatsbürger. Kozbar ist Sekretär der neuen Gemeindeverwaltung, bebrillt und bedächtig. Er erzählt davon, wie vor sechs Monaten mit Hilfe der Londoner Polizei endlich diese neue Verwaltung eingesetzt worden ist, die über die religiösen Zeremonien wacht.
Terroristen in Finsbury Park2003 waren bei Razzien in der Moschee Männer angetroffen worden, die hier schliefen und der Mithilfe bei Terroranschlägen verdächtigt wurden. Ihr Patron war der damalige Imam der Moschee, Hamza al-Masri. Unter seiner Ägide waren Männer wie Haroon Rashid Aswat, Daniel Beghal und Richard Reid hier ein- und ausgegangen. Aswat wird verdächtigt, der Logistiker hinter den Anschlägen vom 7. Juli gewesen zu sein, Beghal steht wegen der Planung eines Anschlags gegen die amerikanische Botschaft in Paris vor Gericht, Richard Reid wollte mittels einer Bombe in seinem Schuh ein Flugzeug zum Absturz bringen. Mit Hinblick auf den Vorwurf, hier habe man Terroristen beherbergt, könnte es jeder Quadratmeter dieser Moschee mit Bagdad aufnehmen, und doch fiel sie später als Bagdad in neue Hände.
Mohammed Kozbar erzählt von den Plänen, die die neue Verwaltung für die Moschee hat. Bald wird die Frauen-Sektion der Moschee wieder eröffnet, demnächt sollen Sprach- und Religionskurse für Kinder hier abgehalten werden. Wenn es nach Kozbar geht, ist dabei das Ziel, ein ganzes Programm von Kursen und Clubs einzurichten, um die Kinder von Finsbury Park von den Straßen fernzuhalten, die unter anderem von Drogenkriminalität heimgesucht werden.
Die Community wachrüttelnDoch die Ressourcen der neuen Verwaltung scheinen spärlich zu sein. Noch werben einfache Broschüren für einfache Sprachkurse für Pakistanis, Bengalis, Algerier und Ägypter, die die Klientel der Moschee sind. Die einzigen professionell gemachten Hochglanzbroschüren, die herumliegen, sind auf Arabisch und zeigen aufgebrachte Menschenmengen vor Moscheen im Nahen Osten und scheinen noch von den Vormietern zu stammen.
Kozbar sagt, er sei «proud to be British» und Teil einer Gemeinschaft, in der man «die Gesetze respektiert». Trotz der Drohungen, die die Gemeinde jetzt vermehrt erhält, hofft er doch, dass die schrecklichen Anschläge die moslemische Community wachrütteln, und sich diese nun weiter der Gesellschaft öffnet. Die Finsbury-Park-Gemeinde ist in den letzten Monaten mit gutem Beispiel vorangegangen und hat Kurse für Londoner Polizisten und Feuerwehrleute gegeben, um sie über den Islam aufzuklären. Man hat an Versammlungen im Rathaus des Bezirks Islington teilgenommen und sich schließlich den weiblicheren Aspekten der Frömmigkeit gewidmet, nämlich zum Beispiel die Opfer der Bombenanschläge im Krankenhaus besucht.
Profiling und IntegrationDoch unter dem Einfluss des Schocks der zweiten, gescheiterten Anschlagsserie von letzter Woche scheinen solche Hoffnungen in die integrative Wirkung des Nationalstaats, womöglich noch verstärkt durch den positiven Einfluss der Religion, wie sie Tony Blair und Mohammed Kozbar gleichermaßen pflegen, als naiv. Lokale Polizei- und Sozialarbeit kosten Zeit und Geld. In hoffnungsvolleren Tagen der Invasion des Irak erschienen auch die britischen Soldaten in Orten wie Basra noch als modellhafte Polizeieinheiten. Doch bereits damals stellte sich die Frage, wieviele Gedanken sich die Regierung über die Konsequenzen ihrer Irakpolitik im eigenen Land machte.
Nachdem der Krieg nun auch London erreicht hat, steht weniger Integration im Focus der Aufmerksamkeit als die eher entgegengesetzte Taktik des «Profiling», also die mühsame Arbeit, mögliche Terroristen zu bestimmen. Als nach ersten Berichten vor wenigen Tagen ein Asiate im U-Bahnhof Stockwell gezielt mit fünf Schüssen in den Kopf von Polizisten getötet wurde, alarmierte das die asiatische Gemeinde. Augenzeugen berichteten, dass der Mann bereits am Boden festgehalten worden sei und also auch hätte verhaftet werden können. Dass die Boulevardpresse dennoch eine konsequentere «Shoot-to-kill»-Politik forderte, erschien beinahe als Auftakt eines schleichenden Bürgerkriegs.
Inzwischen hat sich nicht nur herausgestellt, dass das Opfer kein Terrorist war, auch kein Asiate, sondern Brasilianer, und somit Opfer einer tragischen Verwechslung gewesen ist. Die Beamten hatten den Mann angesprochen, und dieser war aus unbekannten Gründen geflüchtet. Wegen seiner dicken Jacke vermuteten die Beamten einen verborgenen Sprengstoffgürtel am Körper des Manns. In diesem Fall aber sind die Polizisten seit jeher angehalten, auf den Kopf zu schießen, wie ein Verantwortlicher der Londoner Polizei inzwischen erklärte: Schüsse in die Beine hindern einen Selbstmordattentäter womöglich nicht daran, die Ladung im letzten Moment zu zünden, Schüsse auf die Körpermitte können die Ladung selbst zur Explosion bringen.
In den Vierteln, in denen vor allem Menschen leben, die aus Pakistan stammen, etwa das von der Polizei abgeriegelte Quartier in Leeds, herrscht nun Angst - vor Übergriffen durch Mitbürger und die Polizei.
Selbst an der FrontlinieDas hat dazu geführt, dass Blairs Appelle an die nationale Würde und den traditionellen Stoizismus der Briten inzwischen eher ungehört verhallen. Großbritannien hat es nicht mehr mit IRA-Bomben zu tun, sondern befindet sich nun offenbar selbst an der Frontlinie eines Kriegs. Der innere Feind hat es darüber hinaus im Prinzip nicht einmal nötig, für ideologisches Training ins Ausland zu gehen, auch wenn die Täter vom 7. Juli möglicherweise in Pakistan agitiert und ausgebildet worden sind.
Allem Anschein nach eskaliert hier ein Konflikt, der sich auch aus dem Projekt der Demokratisierung des Irak speist, und den die Briten womöglich nicht gewinnen können. In den Boulevardblättern und im Fernsehen sind vielleicht aus diesem Grund nun vermehrt Durchhalteparolen zu lesen und zu hören: «Wir lassen uns nicht einschüchtern» und «Wir machen weiter», als ob das schlafwandlerische Insistieren auf der alten Realität vor den Anschlägen ausreichte, um nach «Penny Lane» zurück zu kehren, die seit den Beatles für Reminiszenzen an schönere, aber doch längst vergangene Zeiten steht.