Palästina:
Ein Palästina, vollständig und unversehrt
08. Jul 2005 12:40
 |  Khalil al-Sakakini mit seinen Töchtern Hala und Dumia | Foto: Verlag |
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Die Briten unterstützten stets den Aufbau einer «nationalen Heimstätte» der Juden in Palästina. Paradoxerweise resultierte ihre prozionistische Politik aber aus dem Hirngespinst der Weltmacht des «internationalen Judentums», zeigt der Historiker Tom Segev.
Von Ulrich GutmairIm November 1917 näherte sich die britische Armee rasch Jerusalem. Der britische Premierminister David Lloyd George wollte die Stadt noch vor Weihnachten einnehmen und damit das Ende der türkischen Herrschaft in Palästina besiegeln. Der christliche Araber Khalil al-Sakakini wurde in der Nacht des 28. November wiederholt von dumpfen Mörsereinschlägen und Artilleriefeuer geweckt, das immer näher zu kommen schien. «Wir fürchteten, das ganze Haus würde über uns zusammenstürzen», schrieb der Pädagoge wenig später in sein Tagebuch.
Schicksalhaft wurde die Nacht für die al-Sakakinis aber wegen eines ungebetenen Besuchers, der in den Morgenstunden an die Tür klopfte und um Asyl bat. Es war der al-Sakakini nur flüchtig bekannte jüdische Versicherungsagent Alter Levine, der als feindlicher Ausländer – er war amerikanischer Staatsbürger – und mutmaßlicher Spion von den türkischen Behörden gesucht wurde.
Eine Matratze teilen
Khalil al-Sakakini begriff dieses Ansinnen als schwere Prüfung der jahrhundertealten Tradition arabischer Gastfreundschaft, die er schweren Herzens annahm. Er gewährte dem Fremden Einlass. Wenige Tage später wurden beide Männer verhaftet und kurz vor der Ankunft der Briten nach Damaskus verbracht, wo sie sich eine Matratze teilen mussten und bald zu Freunden wurden, nicht ohne die Gräben zu registrieren, die sie trennten. Obwohl beide Amerika als Vorbild ihrer recht liberalen Wunschträume von einer besseren Welt betrachteten, musste al-Sakakini doch feststellen: «Ich verstehe ihn nicht, und er versteht mich nicht.»
 |  Alter Levine, hier als Europäer | Foto: Verlag |
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Die beiden Männer waren je auf ihre Weise ganz Kinder der Moderne und also recht widersprüchliche Charaktere. Was sie aber vor allem trennte, war ihr so unerschütterliches wie romantisches Bekenntnis zur eigenen Nation. Mit der Geschichte von Khalil al-Sakakini und Alter Levine beginnt Tom Segevs Buch «Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels», das 1999 auf Hebräisch und ein Jahr später in einer englischen Fassung erschien. Das so erhellende wie detailreiche Buch gilt bereits als Klassiker der Geschichtsschreibung über die britische Mandatszeit und liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Sein Titel bezieht sich auf ein kurioses Dokument. Als der erste britische Hochkommissar, Herbert Samuel, die Geschäfte der Militärregierung übernahm, ließ ihn der oberste Verwaltungsoffizier eine Quittung unterschreiben: «Empfangen von Generalmajor Sir Louis J. Bols, K.C.B – Ein Palästina, vollständig und unversehrt.»
Erfahrung der Ohnmacht
Die Geschichte al-Sakakinis und Levines, die Segev mittels der umfangreichen Tagebücher al-Sakakinis und des persönlichen und literarischen Nachlasses Alter Levines rekonstruierte, liest sich dabei geradezu als Parabel auf das konfliktträchtige Verhältnis zwischen Arabern und Juden, das bereits mit der Einwanderung vor allem russischer Emigranten im späten 19. Jahrhundert begann.
 |  Alter Levine als Orientale | Foto: Verlag |
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Für die frühen Zionisten war die Rückkehr nach Palästina die politische Antwort auf eine Ohnmachtserfahrung, die nicht aufhören wollte: Alter Levines Vater hatte Russland 1890 in Richtung Palästina verlassen, bevor er nach Amerika weiter reiste. Er verließ seine Heimat zu einer Zeit, als sich der Zionismus dort als politische Bewegung formierte, die endlich Erlösung von einer Welle teils staatlich organisierter Pogrome versprach, die vielen Juden das Leben kostete. Mit der Balfour-Deklaration erhielt diese politische Bewegung eine völlig neue Qualität. 1917 stellte diese Erklärung der Briten den Juden eine «nationale Heimstätte» in Palästina in Aussicht, was bereits vorher abgegebenen, allerdings diffus gehaltenen britischen Versprechungen nationaler Unabhängigkeit an die Adresse der Araber widersprach. Gezwungen, solchermaßen eine Matratze zu teilen, konnte ihr gemeinsames Schicksal nichts daran ändern, dass Araber und Juden entgegen gesetzte Interessen verfolgten.
Segev lässt keinen Zweifel daran, dass es nie einen Moment in der modernen Geschichte Palästinas gab, in der ein Ausgleich möglich gewesen wäre. Es musste früher oder später zu einem Krieg kommen, der den Konflikt jedoch keinesfalls endgültig lösen konnte.
Eine prozionistische Politik
In Israel sorgte das Buch aber aus einem ganz anderen Grund für Aufruhr: Es widerlegt den nationalen Mythos, die Zionisten hätten die Grundlagen für den Staat Israel gegen den Widerstand der Briten errichtet und diese zuletzt gar mit Waffengewalt, genauer gesagt: durch Terror, bezwungen. Segev hat eine Vielzahl bis dahin nicht oder kaum ausgewerteter Quellen untersucht und entfaltet auf dieser Grundlage eine beinahe kaleidoskopartige Betrachtungsweise, in der sich die Geschichten und Erinnerungen vieler Einzelpersonen mit Momentaufnahmen wichtiger historischer Ereignisse treffen.
 |  Britische Soldaten hinter einer Barrikade in Jerusalem, 1939 | Foto: Coldstreamers Portal |
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Er kann auf diese Weise schlüssig nachweisen, dass zwar viele britische Offiziere in Palästina lieber mit der arabischen Oberschicht verkehrten und mancher Brite antisemitische Vorurteile pflegte, die offizielle Regierungspolitik aber immer prozionistisch war – auch wenn sie selbstverständlich darauf achtete, den Frieden im Land zu wahren und die Rechte der muslimischen Mehrheit anzuerkennen.
Korruption, Misswirtschaft und Desorganisation
Auch wenn hin und wieder ein Funken Ironie aufblitzt, beschreibt Segev die Entwicklung Palästinas unter britischem Mandat nüchtern und distanziert. Er zeichnet wichtige Ereignisse wie etwa das Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Hebron nach und analysiert die zionistische Siedlungspolitik, die dem legalen Landerwerb oft die Vertreibung der arabischen Pächter folgen ließ. Viele Anekdoten machen die individuellen Perspektiven einzelner deutlich, die die Geschehnisse auf ihre je eigene Art und Weise interpretieren. Ein zentraler Strang des Buches widmet sich den Protagonisten der zionistischen Politik, deren Fraktionen durch tiefe ideologische Gräben getrennt waren. Der Kampf zwischen gemäßigten Arbeiterzionisten und radikalen Revisionisten um die politische Macht im zukünftigen Gemeinwesen ließ ihre Politik fast zwangsläufig radikalisieren.
Segev zeigt auch, dass die traditionelle Organisation des gesellschaftlichen Lebens der palästinensischen Araber ihnen in diesem Konflikt stets zum Nachteil gereichte. So scheiterten alle Aufstandsversuche gegen die Briten unter anderem an Korruption, Misswirtschaft und Desorganisation in den eigenen Reihen. Denn zum Leidwesen aufgeklärter Nationalisten wie al-Sakakini waren die führenden arabischen Familienclans oft in erster Linie um ihre Pfründen bedacht, während die Zionisten aller Debatten um die richtige Politik zum Trotz dennoch das gemeinsame Ziel eines starken jüdischen Gemeinwesens im alten Land Israel verfolgten.
Strategisch wertlos und zu teuer
Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiteten die zionistischen Organisationen von Anfang an eng mit der britischen Verwaltung zusammen. Erst im Lauf des Zweiten Weltkriegs begannen militante jüdische Vereinigungen wie Ezel und Lechi, die von ihren linken Gegnern im zionistischen Lager immer wieder als Faschisten bezeichnet wurden, mit Terroranschlägen auf die Briten. Sie trugen zum Ende des britischen Mandats aber nur einen kleinen Teil bei. Denn inzwischen hatte sich in der britischen Regierung die Erkenntnis durchgesetzt, dass das kleine Land strategisch wertlos und der Konflikt nicht zu lösen war. Dabei, so die schlichte Rechnung, kostete es die Briten jedes Jahr Unmengen von Geld.Gerade weil er die konkrete Ebene der geschichtlichen Ereignisse und individuellen Sichtweisen der Akteure kaum verlässt, gelingt es Segev auf außerordentlich anschauliche und präzise Weise, den Blick für eine historische Situation zu schärfen, in der zwei Nationalbewegungen einer imperialen Macht gegenüber standen, deren Politik auf einer Reihe von illusorischen, aber folgenschweren Annahmen und Projektionen beruhte.
Antisemiten und christliche Zionisten
Inspiriert war die Idee des britischen Mandats und seine prozionistische Ausrichtung von einem seltsamen Konglomerat von strategischen Zielen und irrationalen Vorstellungen, so Segev. «Die Briten eroberten Palästina, um die Türken zu vertreiben; sie blieben dort, um es nicht den Franzosen zu überlassen, und sie gaben es schließlich den Zionisten, weil sie 'die Juden' ebenso liebten wie verabscheuten, ebenso bewunderten wie verachteten, sie vor allem aber fürchteten.» Segev zeigt, dass die prozionistische Politik der Briten letztlich auf der alten antisemitischen Horrorvorstellung basierte, dass die Juden die Weltpolitik kontrollierten, selbstverständlich hinter den Kulissen. Gespeist und getragen wurde sie von Männern, die dem Judentum freundlich gegenüberstanden, von Antisemiten und von christlichen Zionisten gleichermaßen. Dass letztere zwar ein romantisches Bild vom Lande Israel und seinem Volk hatten, die Juden letztlich aber nur als Vehikel im göttlichen Heilsplan betrachteten, führt Segev leider nicht aus: Sie hegen die Vorstellung, dass die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten erst zu erwarten sei, wenn die Kinder Israels sich in ihrem angestammten Land befinden. Diese Idee ist heute vermutlich stärker für die israelfreundliche Politik der USA verantwortlich als die Arbeit der vielbeschworenen jüdischen Lobby.
Dieses durch keinerlei reale Macht gedeckte Image der Zionisten wusste Chaim Weizmann wie kein anderer zu personifizieren. Weizmann vermochte es, als natürlicher Repräsentant dieser imaginierten Weltmacht aufzutreten und auf Augenhöhe mit der britischen Regierung zu diskutieren, um die Politik der «nationalen Heimstätte» voranzutreiben.
Eine Kiste unter dem Bett von Sokolow
Welch krude Vorstellungen sich die Vertreter der britischen Regierung von der vermeintlichen jüdischen Allmacht machten, ist durchaus verblüffend: Die «jüdische Rasse», glaubte etwa der britische Premier David Lloyd George, habe während des Ersten Weltkriegs nicht nur die Amerikaner dazu bewegt, ihre Kriegsanstrengungen zu intensivieren, sondern auch die russische Revolution maßgeblich ins Werk gesetzt. Kolonialminister Winston Churchill war ebenfalls dieser Meinung: Der Zar sei vom «internationalen Judentum» gestürzt worden, die Oktoberrevolution sei eine «finstere Verschwörung» der Juden gegen die westliche Kultur. Die Zionisten hingegen betrachtete er als «Gegengift» gegen diese Umtriebe. Für viele britische Beamte und Minister waren das «internationale Judentum» und der Zionismus jedoch schlicht Synonyme.Die Bewegung, die angeblich weltweiten Einfluss ausübte, stellt Segev fest, «hatte ihren Sitz in vier kleinen, dunklen Räumen am Piccadilly Circus in London; ihr gesamtes Archiv lagerte in einer Kiste in einem kleinen Hotelzimmer unter dem Bett von Nachum Sokolow, einem der Köpfe der Zionistischen Weltorganisation.»
Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, Siedler Verlag 2005. 672 Seiten, 28,00 Euro.