Paul McCarthy: Disney trifft Abu Ghraib:
Paul McCarthy: Disney trifft Abu Ghraib
Ein merkwürdiger Zug setzt sich da hinter dem Münchner Haus der Kunst am Sonntagmittag in Bewegung. Planwagen aus der Zeit der Eroberung des «wilden amerikanischen Westens», gezogen von bayerischen Pferden, eine bayerische Blaskapelle, als US-Soldaten der Kolonialzeit verkleidete Männer zu Pferde. Ein fülliger älterer Mann mit brauner Hose, kariertem Hemd, schwarzen Hosenträgern und schwarzem Hut organisiert den «Treck durch den Englischen Garten».
Während McCarthy ursprünglich, inspiriert durch die Body Art der 60er Jahre, seinen eigenen Körper als Material für seine Live Performances einsetzte, ging er später dazu über, nicht mehr live zu agieren, sondern Videofilme von seinen Präsentationen anzufertigen. Dazu stellte er die Interieurs der Performances aus.
McCarthys Videos zeigen den menschlichen Körper als schmutziges, gewalttätiges, sexuell aufgeladenes Wesen. Themen wie Gewalt, Pornografie, Masturbation, Geburt und Tod stehen im Zentrum seines Werks. Er arbeitet mit typisch amerikanischen Produkten wie Ketchup, Mayonnaise oder Hersheys Sirup und vermengt sie mit Körperausscheidungen. Er löst die Identität der dargestellten Menschen auf, indem er seinen Darstellern Schweine- und Hundemasken aufsetzt. Ekel ist ein zentrales Gefühl, welches beim Betrachten der Videos McCarthys entsteht.
Die Verbindung von Fort und Planwagen steht für das Urbild des amerikanischen Traums, den Zug nach Westen, der die Eroberung des Westens der USA symbolisiert. In unzähligen Hollywood-Filmen wurde die Geschichte dieser brutalen Landnahme zu einem Mythos stilisiert. McCarthy entlarvt ihn als das, was er tatsächlich war, eine gewalttätige Eroberung fremden Territoriums in einem angeblich göttlichen Auftrag. Noch immer ist das amerikanische Selbstverständnis geprägt von einem Sendungsbewusstsein, der das Land zuletzt in den Krieg mit Irak führte. Das Video zur Installation weckt Erinnerungen an die Bilder aus dem Gefängnis von Abu Ghraib und erinnert damit an diesen Krieg und seine Folgen.
Mit fünf deutschen Schauspielern, ohne Skript und genaue Regieanweisungen, hat McCarthy den Film gedreht. Die Vorgabe an die Schauspieler war, das Klischeebild eines Soldaten in einem Fort zu illustrieren. Herausgekommen sind Bilder von marschierenden Männern mit heruntergelassener Hose, Soldaten, die ein Saufgelage veranstalten, Männer, die sich gegenseitig penetrieren. Im Laufe des Films hat McCarthy den Akteuren Kameras in die Hand gegeben. Unangenehm nah rücken sie den urinierenden, kopulierenden Körpern. Aus der fröhlichen Parade, den Siedlern, die den amerikanischen Traum verwirklichen, werden gewalttätige und sexuell aufgeladene Menschen. Ergänzt werden Installation und Video durch zahlreiche Fotografien, die die Landschaft Kaliforniens zeigen: Wasser, Wüste und Berge.
Männer auf See sind ein beliebtes Thema in McCarthys Werk. Ihn interessiert, wie diese von Männern bestimmte Welt aussieht, die ihre eigenen Regeln hat. Das dazugehörende Video der Performance, die der Künstler in Kalifornien im Laufe eines Monats filmte, zeigt es.
Ergänzend zeigt die Ausstellung die bis zu vier Meter hohen Zeichnungen McCarthys, die als Ausgangspunkt für Installation und Video dienten. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Projekts.
Die Ausstellung ist bis zum 28. August im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Ab Anfang Juli ist auch der Katalog zur Ausstellung erhältlich.

