Paul McCarthy: Disney trifft Abu Ghraib: 

netzeitung.dePaul McCarthy: Disney trifft Abu Ghraib

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Captain Morgan (Foto: Haus der Kunst<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Captain Morgan
Foto: Haus der Kunst
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit der Ausstellung «LaLaLand Parodie Paradies» hat der US-Künstler Paul McCarthy das Münchner Haus der Kunst in einen Themenpark à la Disney verwandelt. Allerdings zeigt er die perverse Seite des amerikanischen Traums.

Von Perke Kühnel

Ein merkwürdiger Zug setzt sich da hinter dem Münchner Haus der Kunst am Sonntagmittag in Bewegung. Planwagen aus der Zeit der Eroberung des «wilden amerikanischen Westens», gezogen von bayerischen Pferden, eine bayerische Blaskapelle, als US-Soldaten der Kolonialzeit verkleidete Männer zu Pferde. Ein fülliger älterer Mann mit brauner Hose, kariertem Hemd, schwarzen Hosenträgern und schwarzem Hut organisiert den «Treck durch den Englischen Garten».

Paul McCarthy heißt der gemütlich wirkende ältere Herr mit Bart. Er zählt mit seinen Installationen, Performances und Videos zu den einflussreichsten US-Künstlern der Gegenwart. Das Haus der Kunst zeigt bis zum 28. August in der Ausstellung «LaLaLand Parodie Paradies» auf 2100 Quadratmetern die bisher größte Einzelausstellung des 1945 in Salt Lake City geborenen US-Künstlers.

Während McCarthy ursprünglich, inspiriert durch die Body Art der 60er Jahre, seinen eigenen Körper als Material für seine Live Performances einsetzte, ging er später dazu über, nicht mehr live zu agieren, sondern Videofilme von seinen Präsentationen anzufertigen. Dazu stellte er die Interieurs der Performances aus.

McCarthys Videos zeigen den menschlichen Körper als schmutziges, gewalttätiges, sexuell aufgeladenes Wesen. Themen wie Gewalt, Pornografie, Masturbation, Geburt und Tod stehen im Zentrum seines Werks. Er arbeitet mit typisch amerikanischen Produkten wie Ketchup, Mayonnaise oder Hersheys Sirup und vermengt sie mit Körperausscheidungen. Er löst die Identität der dargestellten Menschen auf, indem er seinen Darstellern Schweine- und Hundemasken aufsetzt. Ekel ist ein zentrales Gefühl, welches beim Betrachten der Videos McCarthys entsteht.

In der ehemaligen Ehrenhalle im Haus der Kunst hat der Künstler sein «Western Project» aufgebaut, ein Fort aus Holz mit fünf Wachtürmen und Tunneln, die in das Innere des Forts führen. Die Planwagen, die zur Ausstellungseröffnung noch durch den Englischen Garten rollten, ziehen anschließend in die Halle ein und umrunden das Fort.

Die Verbindung von Fort und Planwagen steht für das Urbild des amerikanischen Traums, den Zug nach Westen, der die Eroberung des Westens der USA symbolisiert. In unzähligen Hollywood-Filmen wurde die Geschichte dieser brutalen Landnahme zu einem Mythos stilisiert. McCarthy entlarvt ihn als das, was er tatsächlich war, eine gewalttätige Eroberung fremden Territoriums in einem angeblich göttlichen Auftrag. Noch immer ist das amerikanische Selbstverständnis geprägt von einem Sendungsbewusstsein, der das Land zuletzt in den Krieg mit Irak führte. Das Video zur Installation weckt Erinnerungen an die Bilder aus dem Gefängnis von Abu Ghraib und erinnert damit an diesen Krieg und seine Folgen.

Mit fünf deutschen Schauspielern, ohne Skript und genaue Regieanweisungen, hat McCarthy den Film gedreht. Die Vorgabe an die Schauspieler war, das Klischeebild eines Soldaten in einem Fort zu illustrieren. Herausgekommen sind Bilder von marschierenden Männern mit heruntergelassener Hose, Soldaten, die ein Saufgelage veranstalten, Männer, die sich gegenseitig penetrieren. Im Laufe des Films hat McCarthy den Akteuren Kameras in die Hand gegeben. Unangenehm nah rücken sie den urinierenden, kopulierenden Körpern. Aus der fröhlichen Parade, den Siedlern, die den amerikanischen Traum verwirklichen, werden gewalttätige und sexuell aufgeladene Menschen. Ergänzt werden Installation und Video durch zahlreiche Fotografien, die die Landschaft Kaliforniens zeigen: Wasser, Wüste und Berge.

Männer auf See
Für die zweite Installation im Haus der Kunst hat sich McCarthy von einer Attraktion in Disney Land inspirieren lassen. Zusammen mit seinem Sohn Damon und seinem Team von über 25 Mitarbeitern hat er das «Pirate Project» entworfen. Hier werden Disneys «Piraten der Karibik» und Hollywoods Traumfabrik als Scheinwelt entlarvt. Während uns die Traumfabrik in ihren Filmen eine romantische Piratenwelt vorgaukelt, zeigt uns McCarthy etwas ganz anderes.

Kernstück des «Pirate Projects» ist ein original großes Piratenschiff aus mit rostrotem Harz überzogenem Fiberglas, in das eine so genannte «Cakebox» als begehbarer Raum eingeschoben ist. Weiterer Schauplatz ist ein umgebautes Hausboot sowie die «Underwater World», ein bewegliches Gefüge aus vier etwa 20 Quadratmeter großen Räumen, die durch einen Motor in Bewegung gehalten werden. Sie simulieren das Schaukeln eines Schiffes auf dem Meer.

Männer auf See sind ein beliebtes Thema in McCarthys Werk. Ihn interessiert, wie diese von Männern bestimmte Welt aussieht, die ihre eigenen Regeln hat. Das dazugehörende Video der Performance, die der Künstler in Kalifornien im Laufe eines Monats filmte, zeigt es.

An der Attraktion «Piraten der Karibik» in Disney Land orientiert, zeigt das Video vier in den Raum geworfene Projektionen. Piraten greifen ein Dorf an, nehmen es ein, feiern die Eroberung mit einem Besäufnis und versteigern anschließend einige Frauen. Der Zuschauer sieht tanzende, tobende Menschen, ein gefangener Dorfjunge wird gefoltert und verstümmelt. Aus dem Stumpf des abgetrennten Beins fließt Blut, ebenso aus Mund und Nase. In voyeuristischer Ekstase tanzen die Piraten um ihn herum. Einige kopulieren mit dem frisch Amputierten und beschmieren ihn mit Schokoladensirup. Wieder zeigt McCarthy die Kehrseite der romantisch verklärten Piratenwelt à la Hollywood und Disney. Auch in diesem Video wird der Mensch übersexualisiert, degeneriert und faschistoid dargestellt.

Ergänzend zeigt die Ausstellung die bis zu vier Meter hohen Zeichnungen McCarthys, die als Ausgangspunkt für Installation und Video dienten. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Projekts.

Ganz im Gegensatz zu den Installationen steht das riesige, aufgeblasene Blumenbouquet, das seit vierzehn Tagen das Dach des neoklassizistischen Hauses der Kunst ziert, von Paul Ludwig Troost 1933 als einer der ersten monumentalen NS-Bauten geplant. Die Blumen seien ein Symbol dafür, dass das Haus der Kunst nicht nur eine NS-Vergangenheit habe, sagt Paul McCarthy, letztlich umfasse die NS-Zeit nur einige wenige Jahre seiner Geschichte. Dies symbolisierten die farbenfrohen überdimensionalen Blumen, so McCarthy.

Die Ausstellung ist bis zum 28. August im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Ab Anfang Juli ist auch der Katalog zur Ausstellung erhältlich.