Michelangeli: Ein Autist am Flügel
Michelangeli, 1920 nahe Brescia in der Lombardei geboren, verstörte und faszinierte die Öffentlichkeit durch seine Widersprüchlichkeit. Er wurde berühmt durch sein makelloses, präzises, bis ins kleinste Detail ausgefeilte Klavierspiel - und durch seinen unberechenbaren Charakter.
Mit der gleichen Technikbesessenheit kultivierte er seine Leidenschaft für schnelle Autos - in seiner Garage stand ein Ferrari, mit dem er halsbrecherische Fahrten über italienische Landstraßen unternahm. Die Bühne betrat er dagegen stets mit demonstrativer, provokanter Langsamkeit.
Fast zwei Jahrzehnte lang erlebte der Pianist, Dirigent und Schallplattenproduzent Cord Garben den Exzentriker, der am 12. Juni 1995 im Alter von 75 Jahren starb, auf und hinter der Bühne. Mit der Netzeitung sprach Garben über seine wechselvollen Erfahrungen, die er auch in seinem Buch «Arturo Benedetti Michelangeli. Gratwanderungen mit einem Genie» beschreibt.
Netzeitung: Arturo Benedetti Michelangeli gilt als einer der besten Pianisten des 20. Jahrhunderts und war schon zu Lebzeiten eine Legende. Wie erklären Sie sich die Faszination, die von ihm ausging?
Cord Garben: In erster Linie mit dem ungewöhnlich guten, präzisen Klavierspiel. Er hatte eine technische Kontrolle über das Instrument, die bis in die physikalische Mechanik der Bewegungsabläufe hineinreichte. So wie er beherrscht das meines Wissens sonst niemand. Das eigentlich Faszinierende an Michelangeli aber war, dass sein Purismus, sein Streben nach Klarheit und Richtigkeit in einen Widerspruch geriet zu seiner extremen Persönlichkeit.
Netzeitung: Und die Öffentlichkeit war bereit, genau dies als außergewöhnlich anzuerkennen...
Cord Garben: Ja, man sagt ja auch, ein Genie wird nicht geboren, es wird von der Gesellschaft gemacht. Allerdings habe ich auch immer gesagt, dass Michelangeli kein Heiliger war. Er war ein Mensch mit Fehlern, der sich selbst stilisierte. Oft erschien er nicht zu einem Auftritt oder brach eine Probe ab, weil der Raum angeblich zu warm oder zu feucht war. In Wirklichkeit diente ihm das als Vorwand, wenn er sich ein Konzert nicht zutraute, denn er war psychisch völlig labil. Das Publikum dagegen sah in Michelangeli nur das Genie – einen meisterhaften Pianisten, der durch häufige Absagen rätselhaft wurde und der eine enorme Spannung im Saal aufbaute, wenn er in extremer Langsamkeit auf die Bühne kam und sich völlig kontrolliert an den Flügel setzte. Die Zuhörer waren bereit, ihn dafür auf das Podest des Genies zu heben.
Netzeitung: Nicht nur Michelangelis Kunst, auch sein Leben hat die Öffentlichkeit immer stark interessiert. Menschlich ist ihm aber kaum jemand näher gekommen. Ist der Kult um ihn nicht vor allem dadurch gesteigert worden, dass er sich der Öffentlichkeit systematisch entzog?
Cord Garben: Das stimmt hundertprozentig. Wäre er jedes Jahr zu einer Deutschland-Tournee gestartet und wäre er immer pünktlich gewesen, dann wäre sein Glamour um ein Vielfaches geringer gewesen.
Netzeitung: Es gibt viele Anekdoten darüber, dass er bei Tourneen immer mit zwei eigenen Flügeln reiste...
Cord Garben: Das hat er 20 Jahre lang getan. An einem hat er geübt, an dem anderen musste immer ein Techniker arbeiten. Fand er an einem Flügel etwas auszusetzen, spielte er an dem anderen weiter. Das hatte durchaus hysterische Züge.
Netzeitung: Auch seine Leidenschaft für schnelle Autos – man denke nur an den Ferrari in seiner Garage - hat zur Mythenbildung beigetragen.
Cord Garben: Michelangeli hat diese Mythenbildung ganz bewusst gesteuert. Ähnlich war es bei Karajan, der sich am Steuer eines Düsenjägers und auf seinem luxuriösen Segelboot fotografieren ließ. Wenn er nicht diese Fotos in Großaufnahme in Filme über sich hätte hineinschneiden lassen hätte und seine Frisur bis ins Detail stilisiert hätte, wäre es auch bei ihm nicht zu dieser Überhöhung gekommen.
Netzeitung: In ihrem Buch «Gratwanderungen mit einem Genie» vergleichen Sie Michelangeli mit dem exaltierten kanadischen Pianisten Glenn Gould, der in den 50er Jahren zu einer Kultfigur der James-Dean-Generation wurde. Solche Analogien sind riskant...
Cord Garben: Sie sind immer gefährlich, weil sie ja nicht stimmen, aber sie sind auch Hilfsmittel. Der Psycho-Vergleich mit Gould war für mich eine Art Kunstgriff: Dinge, die ich aus Pietätsgründen nicht direkt über Michelangeli schreiben wollte, habe ich im Zusammenhang mit Gould beschrieben. Andere Pianisten, die mein Buch gelesen haben, sagten mir dann, sie hätten zwischen den Zeilen lesen können, was ich eigentlich an Michelangeli kritisieren wollte. Manche anderen Leser haben das möglicherweise nicht erkannt.
Netzeitung: Als Schallplattenproduzent arbeiteten Sie 17 Jahre eng mit Michelangeli zusammen. Wie gut haben Sie ihn tatsächlich kennen gelernt?
Cord Garben: Wenn ich ein Psychiater wäre, könnte ich ein groß angelegtes Psychogramm über ihn erstellen. Ich habe ihn in allen denkbaren Situationen erlebt, außer im Umgang mit Frauen. Ich würde sagen, ich kenne ihn sehr gut - seine Vorlieben, seine Ängste, seine psychischen Ausfälle. Wenn er den Druck nicht mehr aushielt, wurde er unhöflich und verhielt sich wie ein kleines Kind.
Netzeitung: Und er versuchte, anderen Menschen die Schuld an angeblichen Pannen zu geben, um sich selbst aus der Affäre zu ziehen...
Cord Garben: Ganz genau, er hat die Verantwortung auf andere Menschen oder die Rahmenbedingungen für ein Konzert geschoben. In Wien hat er einmal einen Riesenbammel gehabt vor einem Konzert im Musikverein, das im Fernsehen übertragen werden sollte. Er hat dann gesagt: «Die Luft ist zu feucht, der Flügel funktioniert nicht richtig, die Generalprobe muss ausfallen.» Damals musste ich selbst bei der Probe einspringen. Damit wäre er – falls abends etwas schief gegangen wäre – entschuldigt gewesen.
Netzeitung: Sie beschreiben Michelangeli als kühlen Analytiker von «dämonischer Perfektion» und zugleich als «versteckten Romantiker». Es gab wenige Momente, in denen er bei seinem Spiel Emotionen zuließ...
Cord Garben: Für mich war er ein Autist und Psychopath, der eine Barriere zwischen sich und anderen aufgebaut hatte. Mit Fremden konnte er eigentlich gar nicht reden, er schaute weg, und während er jemandem die Hand gab, ging er schon einen Schritt weiter. Er versteckte sich hinter Perfektion, Klarheit und Technik. Bestimmte Stellen konnte er aber auch so spielen, dass es einen emotional umhaute.
Netzeitung: Zeigte er auch spontane Regungen oder war bei ihm alles vorgeplant?
Cord Garben: Bei Michelangeli war alles kontrolliert. Es ging immer um dieselben Stellen, an denen er einmal Gefühle offen zeigte: in Chopins Mazurken etwa oder in den Mozart-Konzerten.
Netzeitung: Michelangeli hatte ein eher kleines Repertoire – vor allem Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin und Debussy - und lehnte zeitgenössische Musik völlig ab. Warum?
Cord Garben: Das hat mit seiner Spielweise zu tun. Er setzte die ganze Hand als Einheit ein und glich mit den Fingern nur die vier Millimeter aus, die sich die Tasten hinunterbewegen ließen. Diese Art zu spielen eignet sich beispielsweise nicht für Bach. Auch in der modernen Musik – etwa bei Schönberg oder Boulez – hätte Michelangeli seine Anschlagskraft und Farben-Raffinesse gar nicht zeigen können.
Netzeitung: Bei seinem Spiel entfernte er sich teils stark von den Partituren. Sie sprechen zum Beispiel über die extrem langsamen Tempi bei Mozart oder Beethoven und die starken Kontraste bei Chopins «Mazurken». Steckte dahinter gewollte Provokation?
Cord Garben: Wille zur Übertreibung. Weil er sich oft unverstanden fühlte und sich darüber maßlos ärgerte, hat er bestimmte Sachen absichtlich überzogen. Das ist in gewisser Weise wieder vergleichbar mit Karajan, der sich so sehr über diese rechteckige Barock-Spielweise aufregte, dass er einen so verschmierten, satten Bachklang zelebrierte, von dem uns heute schlecht wird. Als ich einmal das «Magnificat» mit ihm produzierte, wollte ich gar nicht glauben, dass er das ernst meinte. Bis ich verstand, gegen was er sich damit auflehnte. Bei Michelangeli sind solche Extremsituationen auf vielen Videoaufnahmen dokumentiert. Meistens ärgerte er sich über Kollegen und übertrieb dann Phrasierungen, um zu zeigen: Es geht so und nicht, wie es die anderen machen. Dahinter steckte allgemeine Belehrungswut. Er fing immer schon ein halbes Jahr vor einem Konzert zu üben an. Die extreme Festigung durch das Üben hat sein Spiel manchmal so kalt werden lassen, dass man darüber wütend werden konnte.
Netzeitung: Ihm ist ja auch vorgeworfen worden, manche Stücke «zu Tode geübt zu haben». Inwieweit wurde das auch dem Publikum bewusst?
Cord Garben: Das Publikum begriff eigentlich nur einen kleinen Teil von dem, was in ihm vorging. Die Zuhörer wussten, dass er berühmt war, und genossen die riesige Spannung, die er erzeugte. Nur die allerwenigsten verstanden, was genau sein Spiel von dem anderer Pianisten unterschied.
Netzeitung: Michelangeli sperrte sich immer gegen alles Gefällige und vordergründig Effektvolle in der Musik. Welches Publikum schätzte er am meisten, akzeptierte er auch den «naiven» Zuhörer, wie Sie ihn beschreiben? Oder hat er den verachtet?
Cord Garben: Ich habe von ihm niemals auch nur eine einzige geringschätzige Bemerkung gehört über Menschen, die seiner Kunst wegen mangelnder Vorbildung nicht gewachsen waren. Er sagte immer wieder, dass ihm die Art der Annäherung an das, was er spielte, gleichgültig war. Er wollte die Zuhörer erreichen und irgendwie bewegen.
Netzeitung: Gab es Fans, die näheren Kontakt zu ihm aufnehmen konnten?
Cord Garben: Das war völlig undenkbar. Er hatte einen ganz engen Kreis von Mitarbeitern und einige wenige Freunde, die er nach Konzerten traf. Danach war er aber wieder allein. Er war nicht in der Lage, zu irgendjemandem eine tiefere Verbindung aufzubauen.
Netzeitung: Sie haben sich drei Jahre vor seinem Tod mit ihm überworfen, nachdem es bei einem Konzert eine Panne mit der Beleuchtung gegeben hatte. Haben Sie ihn danach niemals wieder gesehen?
Cord Garben: Nie wieder. Er hat von mir eine Entschuldigung verlangt, was ich aber nicht eingesehen habe. Er selbst hatte sich ja geweigert, vor dem Konzert eine Beleuchtungsprobe zu machen... Wenn er keine so große Künstlerpersönlichkeit gewesen wäre, hätte ich die Arbeit mit ihm sicherlich gar nicht so lange durchgehalten.
Netzeitung: Welchen Einfluss kann Michelangeli heute noch auf junge Pianisten ausüben?
Cord Garben: Glenn Gould ist 20 Jahre lang von allen möglichen Pianisten kopiert worden, wegen seiner Art des mechanischen Bach-Spiels, bei dem er das Cembalo auf das Klavier übertrug. Das ist imitierbar. Bei Michelangeli sehe ich nichts, was von anderen nachgeahmt werden könnte. Seine Spielweise ist eng verbunden mit der breiten und symmetrischen Form seiner Hände, die ihm diese vollkommene Kontrolle über die Tasten ermöglichte. Das können andere Klavierspieler, und mögen sie noch so gut sind, höchstens ein paar Takte lang durchhalten.
Mit Cord Garben sprach Corina Kolbe
«Arturo Benedetti Michelangeli. Gratwanderungen mit einem Genie» von Cord Garben ist bei der Europäischen Verlagsanstalt erschienen.
Das Foto des Pianisten stammt von der DGG-Box «The Art of Arturo Benedetti Michelangeli»
